»Amen!« hallte die Gräfin.

Ein Jahr zurück, nur ein halbes, und wie anders damals und jetzt! Was ich jetzt zu sein wünsche, verlachte ich damals, Glauben nenne ich, was damals Vorurtheil hieß, Aufklärung, was Befangenheit genannt wurde. Und dieser Umschwung geschah in aller Stille, und was das Traurige dabei ist, ich stehe nur draußen vor der Schwelle des Heiligthums, höre mit dem einen Ohr die Harmonie drinnen, mit dem andern das Spotten ehemaliger Genossen. Dennoch beschwere ich mich keineswegs, und wenn ich die ganze Wahrheit sagen soll, so bin ich auf die Entwickelung dieses Seelenprozesses neugierig. Wie und wann werde ich so glückselig werden wie der Graf, oder sein Gärtner, oder Julchen, oder wird eine Reaction eintreten? Ich wünschte, jene Leute wären wirklich in der Wahrheit, und Gott hülfe mir auch dazu zu kommen. Gottes und Marien Sohn! –

Julchen sagte vor einigen Tagen zu mir: »Worin liegt denn eigentlich das Unglück, wo steckt der Knoten?«

»Ich möchte gern ein Christ sein, wie andere mir liebe Menschen, und bin es nicht im Stande.«

»Warum wollen Sie es denn sein?«

»Weil ich das Beste nicht für zu gut für mich halte, als Gottes Kind könnte ich ja auch wohl ein Christ sein.« – Sie lächelte, mußte aber wieder fragen, warum ich das Christenthum für »das Beste« hielte, und ich sagte ihr, daß ich die Wirkungen seiner Vortrefflichkeit nun hinlänglich wahrgenommen hätte, um zu diesem Schlusse zu kommen, und zweitens gedächte ich zuweilen mit einem peinvollen Gefühle an meine mögliche Verblendung, an meine Undankbarkeit, wenn Christus nämlich wirklich der wäre, den ich nicht glauben könne.

»Wenn es so steht, dann wenden Sie sich nur mit Ihrem Verlangen an Ihren Schöpfer, beten Sie nur das schönste Gebet, welches wir haben, Sie beten dann zu Ihrem Gott, und ganz im Sinne dessen, den Sie suchen, mit seinen eigenen Worten.« –

Das thue ich auch, und lasse es nun auf Ihn ankommen, lese auch fleißig in der Bibel. Zuweilen prüfe ich, da nicht zu verkennen ist, daß ich gewissermaßen mich der Kindheit wieder nähere, ob ich in meinem Urtheile über andere Dinge auch anders, etwa schwächer, geworden bin, ob mein Auswendiges gelitten hat, so fest hänge ich an Vorurtheilen! Aber lachend muß ich mir gestehen, daß ich noch alle meine Gaben gut bei einander habe, und mein der Freude so gern offenes Herz mit vielen schönen Gefühlen angefüllt ist.

Das Lied will ich Dir abschreiben, es ist von Gerhard Tersteegen und heißt:

 Jauchzet ihr Himmel! frohlocket ihr englischen Chöre,
Singet dem Herren, dem Heiland der Menschen zu Ehre;
Sehet doch da! Gott will so freundlich und nah
Zu den Verlornen sich kehren.
 Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Enden der Erden!
Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden;
Friede und Freud' wird uns verkündiget heut';
Freuet euch Hirten und Heerden.
 Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget!
Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget!
Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd':
Alles anbetet und schweiget.
 Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimniß verstehen?
Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen,
Gehet hinein, macht euch dem Kinde gemein,
Die ihr zum Vater wollt gehen.
 Hast du denn, Höchster, auch meiner noch wollen gedenken?
Du willst dich selber, dein Herze der Liebe, mir schenken?
Sollt' nicht mein Sinn innigst sich freuen darin
Und sich in Demuth versenken? –
 König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde,
Dem ich auch wieder mein Herze in Liebe verbinde,
Du sollst es sein, den ich erwähle allein,
Ewig entsag' ich der Sünde.
 Süßer Immanuel, werd' auch geboren inwendig,
Komm doch, mein Heiland, und laß mich nicht länger elendig,
Wohne in mir, mach mich ganz Eines mit dir,
Und mich belebe beständig.
 Menschenfreund Jesu, dich lieb' ich, dich will ich erheben,
Laß mich doch einzig nach deinem Gefallen nur leben,
Gieb mir auch bald, Jesu, die Kindesgestalt,
An dir alleine zu kleben.