Zuweilen drückt sich der Verfasser ein bischen wunderlich aus, aber paßt das Gedicht nicht genau auf mich und meinen gegenwärtigen Zustand? So finde ich es auch mit vielen Bibelstellen, oft finde ich Worte des Rathes in der Bibel, die mir fast wie ein Wunder vorkommen, denn vor fast zweitausend Jahren geschrieben, beantworten sie genau eine nur gedachte Frage der Gegenwart. Wenn Jesus doch noch auf Erden lebte! – Das sieht nun aus wie der fromme Seufzer eines Heiligen, während ich, weit davon entfernt, durchaus ein Kind dieser Welt bin, und den Heiligen eigentlich so ziemlich gänzlich verleugne. –
Gute Nacht, liebe Schwester; es ist bei meinem Schreiben spät geworden. Wie die Sterne draußen funkeln! Der Schnee liegt hoch, weit und breit, die Natur feiert auch auf ihre Weise. – Ich lege diesen Brief auf ein Bild, welches Du Dir längst gewünscht hast, und schicke es Dir mit den wärmsten Grüßen. Lebe wohl!
Dein Bruder Justus.
Am 2. Weihnachtsfeiertage.
Es läutet eben zum Nachmittagsgottesdienst, die Sonne lacht heiter in's Fenster und läßt die vergoldeten Aepfel an meinem Weihnachtsbaume hell erglühen. Dein Brief, der mit all den vielen empfangenen Geschenken darunter liegt, redet mir zu zu schreiben, und – hier bin ich.
Ich bin in einer wundervoll friedereichen Stimmung. Das Leben ist kein Traum, aber ein Räthsel, ein unerschöpflicher Glückesborn, ein sinnreicher Lehrmeister, der zugleich beschämt und beseligt. Warum es mir so einzig im Kopf und Herzen klingt, kann ich nicht genau auseinandersetzen, in Summa aber ist es die Liebe, die mich jubeln und danken läßt. Liebe überall! – »Also hat Gott die Welt geliebt« – kennst Du das auch, daß irgend eine Strophe oder ein anderes Wort unablässig im Ohre klingt, daß man es gar nicht los werden kann? So geht es mir heute mit den Worten: »also hat Gott die Welt geliebt.« – Die Welt hat diese Liebe begriffen, wie entzückt sieht sie aus, wie verschwenderisch ist sie im Nachahmen jener Liebe, auch ich werde damit überschüttet, aber ich erwiedere, verlaß Dich darauf! –
Ich möchte, ich könnte Dir auch all die schönen Sachen zeigen, die mir am heiligen Abend bescheert wurden, da liegen sie festlich im Sonnenglanze: ein neues Testament von der Frau Gräfin, ein warmer, weicher Reisepelz von dem Grafen, von Johannen der Baum – das süße Geschöpf mit seinen prächtigen Einfällen! – Nun kommen die aus dem Bernwachtschen Hause: eine Specialkarte der Provinz vom Alten, ein riesiger Pfefferkuchen von Frau Bernwacht; Therese hat mir eine Uhrschnur gearbeitet, Ida ein Notizbuch gestickt, Cäcilie drei Lesezeichen, Burga und Berga ein Paar farbenreiche Morgenschuhe. Auch von Julchen liegt etwas da, etwas Rührendes: es ist ein Brief von unserer Mutter, ich will ihn Dir abschreiben.
Liebes Julchen. Hier schicke ich Dir das Probehemdchen für Paulinen, die neuen müssen aber eine handbreit länger und weiter gemacht und auch in den Aermeln verhältnißmäßig größer werden. Gern hätte ich es Dir selbst gebracht, Du weißt, ich wünschte schon am Sonntag bei Euch zu sein, aber mein Justus ist unwohl, und ich mag ihn, da er so stürmisch ist und seine Vorsätze leicht vergißt, nicht verlassen, er könnte leicht etwas thun, was ihm schadete, das Mutterherz ist so ängstlich! –
Gott befohlen!
Deine Marie.