Die alte Zeit lebt auf, ich sehe der Mutter zarte Gestalt, ihr sorgsames Auge. Das Wort, das längst ungewohnte, mein Justus, weckte ein Sehnen in mir, oder schärfte es nur – aber ich will nicht mehr stürmisch sein, Pauline, meine guten Vorsätze sollen erstarken.
Wie es im Feste war? Schön. Erst allgemeine Bescheerung hier im Schlosse, die ganze Bewahranstalt, alle Waisenkinder waren da. Ehe sie in den Speisesaal, wo Alles arrangirt war, eingelassen wurden, war Andacht im daranstoßenden Betsaale, ähnlich wie schon manchmal, nur viel freudiger noch. Auch die Bernwachtschen Töchter waren sämmtlich da. »Mama baut auf,« flüsterte Berga, »freuest Du Dich nicht schrecklich?« – »Nein, ich freute mich recht schön, für Niemanden zum Erschrecken, ganz sanft wie ein gutes Kind, ähnlich vielleicht wie Cäcilie.« –
Die von der Gräfin für die Kinder bestimmten Geschenke waren durch freiwillige Beiträge aus der Stadt bedeutend vermehrt; ich entdeckte auch hübsche, braun- und rothgestreifte Schürzchen, welche ich unter Theresens Händen entstehen gesehen, und eine Menge kleiner gestrickter Handschuhe wollten mich an ein junges Mädchen erinnern, dessen Fleiß ich in den Leseabenden zu bewundern Gelegenheit gefunden hatte. – Allgemeine Freude auf dem Schlosse und ebenso bei Bernwachts, Jeder gab, Jeder empfing und war in bewegter Stimmung. –
Deine Einkäufe habe ich mit vieler Freude empfangen und ausgetheilt, doch anders wie ich anfangs beabsichtigte. Als ich den Berg Geschenke für Cäcilie erblickte, stieg's wie Spott über meine Zuversichtlichkeit in mir auf: mit welchem Rechte durfte ich sie so auffallend vor ihren Schwestern auszeichnen? Nur Amarant, welches ich Deiner Wahl verdankte, und das mich gleich, nachdem ich hineingesehn und ein Paar Verse gelesen hatte, für sich entschied, legte ich, nebst einem frischen Bouquet aus dem Treibhause, auf ihren Platz unter dem Baume, das andere Buch, »die weite, weite Welt,« will ich für die Leseabende aufheben. Therese erhielt zu ihrer Briefmappe die Perlen, Ida zu den Noten das Kreuz, Julchen außer dem Muff Scrivers Werke, und den Kleinen steckte ich die Mappe voll Zeichnungen. Alle fanden sich sehr reich beschenkt; noch an demselben Abend sah ich Cäciliens Wangen sich höher färben durch – Amarant. Sie findet es schön, und hat es ihrerseits zum Beitrag für die Leseabende bestimmt, obgleich Theodor sie mit den herrlichen Briefen »Wilhelm von Humboldts an eine Freundin,« beschenkt hat. – Nun auch Dir Dank, Schwesterherz! Dank für jeden Ausdruck Deiner Liebe. – Dein Rath, mich mit meinen Ansiedlungsplänen nicht zu übereilen, ist begründet, und soll befolgt werden – ich sagte es Dir ja, ich habe nicht die leiseste Hoffnung, daß der süße Traum einst verwirklicht werden könne; ich will nichts übereilen, sondern still abwarten, wie Gott es will. Mein herzliches Lebewohl!
Justus.
Den 15. Februar.
Du mahnst mich an mein Versprechen, keine Lücke in unserm Briefwechsel entstehen zu lassen, so will ich schreiben, es ist jedoch wenig zu berichten. – Des Tags bin ich meist sehr fleißig, und die Abende verfließen in Dir bekannter, lieber Weise, nur lesen wir zweimal in der Woche, statt einmal. Wir sind bei der weiten, weiten Welt, und mit Ausnahme Ida's, die gleich durch den etwas breiten Anfang des Buches gegen dasselbe eingenommen wurde, findet es allgemeinen Beifall, besonders bei meinem kleinen, frommen Lieblinge, der Cäcilie. Sie schwärmt für Helene Montgomery, für Alice und St. John, sie liebt Master Vanbrunt, und entschuldigt – auf Ida's Angriffe – selbst alle vorkommenden kleinen Teufeleien, welche die wilde kleine Person, Helenens Plagegeist, ausübt, damit, daß das Alles nachher ihr leid genug gethan habe, und mehr könne man nicht verlangen. – Da fällt mir noch etwas Anderes bei, was charakteristisch ist. Vor einiger Zeit war ich Nachmittags bei Bernwachts. Draußen, vom wildesten Schneegestöber umstürmt, standen ein Mann und ein junges Mädchen, er drehte die Orgel, sie sang, und sang mit einer Ruhe und Resignation, aber dennoch melancholischer Stimme und Weise, das Lied – ich weiß seinen Anfang nicht – welches zum Refrain die Worte hat: »Das Leben ist ja nur ein Traum.«
Frau Bernwacht schickte einige Münze hinaus und sagte: »Die junge Person hätte besser gethan, in ihrem Dorfe zu bleiben, als in der Welt herum zu reisen; was hat sie nun davon? Ich sollte denken, die schwerste Arbeit wäre ein Vergnügen gegen diese Lebensweise.«
»Sie mag aus der Stadt sein, Mama,« entgegnete Therese nachdenklich, »und Du weißt, wie schwer es Vielen in den großen Städten wird, sich ehrlich zu ernähren, sie hat vielleicht schon Mancherlei vergeblich versucht und nothgedrungen dies Wanderleben begonnen.«
»Vielleicht hat sie eine arme, kranke Mutter zu Haus,« sagte Cäcilie mitleidig, und betrachtete sie ernst mit ihren warmen Blicken; »sie sieht recht so aus, als wenn ihr das Herz weh thäte.«