»In dem Falle hätte sie lieber die Barmherzigkeit der Menschen ansprechen sollen, und die Mutter pflegen,« beharrte die Bürgermeisterin, »dies Vagabondiren ist der Ruin für solche Mädchen. War es vorhin für sie schwer, ein Unterkommen oder Unterhalt zu finden, dann wird es ihr nachher fast unmöglich sein. Wer nimmt wohl ein Mädchen, was sich zu solchem Leben einmal bequemt hat, in Dienst? ich gewiß nicht.«

Ida war auch theilnehmend geworden und vertheidigte das Mädchen: sie arbeite ja auch, das sei, nach ihrer Meinung, immer besser als betteln. So lange man irgend Kräfte habe, müsse man Andern doch nicht lästig fallen wollen. Wenn sie z. B. in so unglücklicher Lage wäre zwischen Betteln und Straßensingen wählen zu müssen, so würde sie ihr Angesicht verhüllen und singen.

»Ich nicht,« sagte Cäcilie erregt, und reichte dem vorübergehenden Mädchen ein winziges, weißes Päckchen aus dem Fenster, »mir würde das Bitten gar nicht so schwer werden. Das Geben ist ja eine Freude, man kann sich ja mit seinen Bitten an solche Leute wenden, die dadurch nicht belästigt werden, und nun gar für Andere! – ich habe doch mehr Muth als Du, Ida.«

»Demuth,« sagte die Mutter. Cäcilie erschrak fast und senkte die Augen; sie sah gerade so aus, als dächte sie: Demuth – ich?

»Demuth – ja,« wiederholte Ida kühn, »aber Muth – nein: Du würdest lieber vergehen, als ein Leben führen, was unter dem Banne der öffentlichen Meinung steht, Du würdest fürchten im Bereiche des Niedrigen und Unreinen auch bei Dir selbst zu verlieren, Du bist überhaupt nicht sicher, trotz Allem, immer stehen zu können.«

»Nein, das bin ich nicht,« erwiederte die Schwester sanft, »ich mache ja alle Tage die Erfahrung, daß ich der göttlichen Hülfe und Gnade bedarf.« –

Bin ich ein Thor, Pauline, daß ich der Neugierde den Zügel schießen ließ, daß ich mich in ihre kleinen Geheimnisse eindränge? Ich habe das singende Paar in einer Spelunke aufgesucht und mir das Zettelchen zeigen lassen. Hergeben wollte ihn das Mädchen um keinen Preis, ich bot ihr viel, aber sie blieb fest, und warum soll ich ihr den Talisman, den Engelgruß nehmen, da sie ein armes, elendes Geschöpf ist, was vielleicht nichts Heiliges weiter in der Welt hat! – Auf dem Zettel, auf dem noch deutlich die Spur des eingewickelten Geldstückes zu sehen war, stand:

Habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigest, noch thuest wider Gottes Gebot. – Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird Dich versorgen. Gott sei mit Dir, Amen.

Ich beschenkte sie reichlich und sie trug mir auf, der jungen Dame zu sagen – was natürlich wohl nie geschehen kann – daß sie nie wieder so singen würde. Sie sei einer allzu strengen Herrin entlaufen, Angehörige habe sie nicht mehr, ein Dienst sei nicht zu finden gewesen, sie habe Schulden machen müssen – so sei es gekommen. Nun sollte ein anderes Leben begonnen werden. – Ob ich ihr nicht den Namen des Fräuleins sagen wolle, sie wolle ihn dem lieben Gott nennen. »Glauben Sie denn an Gott?« fragte ich schon in der Thüre. »Ach,« seufzte sie da, »Sie dachten, ich wäre ganz verworfen!«

Ida's Bild ist bald fertig; ich habe Dir wohl noch nicht geschrieben, daß die Familienhäupter sich dem Aschenbrödelproject entschieden widersetzen. Die jungen Damen fanden es ganz hübsch und hätten ihre Einwilligung vielleicht nicht versagt. Zu Anfang der nächsten Woche gedenke ich Cäcilien zu malen, hier im Schlosse bin ich bald fertig. Noch bin ich unschlüssig, wohin ich von hier gehe, zuweilen denke ich an das Morgenland, es wären interessante Studien dort zu machen, und vielleicht – ich träume wieder! nein, ich will nur in der Nähe bleiben. –