Weißt Du, ich habe ein Lied gehört, das Du Dir in einer Musikalienhandlung suchen mußt. Von wem es gedichtet und componirt ist, weiß ich nicht, aber ich habe es singen hören, kann Dir auch den Text schreiben. – Ida war bei der letzten Sitzung mißgestimmt, und ich wollte, weil ich diese Linien des Verdrusses nicht in das Portrait einfließen lassen mochte, zu malen aufhören, als Therese Cäcilien bat, dies Lied zu singen, sie meinte mit Recht, dann würde die Wolke wohl verfliegen. Du magst den Text sehr einfach finden, vielleicht ganz unbedeutend, ich versichere Dich aber, das Ganze war von ergreifender Wirkung.
| Du Tropfen Thau, seh ich dich an, |
| Kommt mir die Thräne süß und still, |
| Weil du so treu dein Blümlein liebst, |
| Wie ich wohl einmal lieben will. |
| Und trennt dich auch an jedem Tag |
| Von deinem Lieb der Sonnenschein, |
| Du kehrst am Abend stets zurück, |
| So muß wohl treue Liebe sein. |
| Und stirbt dein Lieb vom Sonnenbrand, |
| Dann stirbst auch du im letzten Kuß, |
| Ich seh dich an und sinne still; |
| Wie solch ein Tod beglücken muß! – |
Wie ich wohl einmal lieben will! Sie weiß es nicht, das Kind, und doch dieser hinreißende Vortrag, dieser unvergleichliche Ausdruck! Es liegt gewiß darin, daß es ihr angeboren ist, nie Mißgriffe zu begehen, in Allem vollendet zu sein. – Ida wurde ganz sanft und schön, ich unruhig, mir klopfte das Herz vor schmerzlicher Wemuth. Cäcilie und ich, welch ein Unterschied! Kannst Du mir nichts nennen, was die Kluft ausfüllen könnte? Doch wie spreche ich, wie solltest Du junges Kind wissen, was der Weiseste auf Erden nicht erdenken könnte. Lebe recht, recht wohl!
Justus.
Am 2. März.
Bin bei der süßesten Arbeit, Du weißt bei welcher. Natürlich sind wir nie allein, aber wozu auch? ich würde ihr doch nichts sagen, nicht von fern meine schneeweiße Lilie beunruhigen. Wir plaudern herrlich unbefangen mit einander und ich bin auch, ihr gegenüber, vollständig befriedigt. Was könnte ich noch Schöneres wünschen, als sie ansehen, ihre freundliche Stimme hören zu dürfen, die mir des Lieblichen so viel sagt: – Sie ist ganz vertrauungsvoll, und plaudert, was ihr in den Sinn kommt. »Was wird Theodor sagen,« meinte sie gestern, »wenn er wiederkommt und mich auch gemalt sieht; ich habe es immer für Scherz gehalten, wenn Sie davon sprachen.« – »Warum,« fragte ich, »sah ich so spaßhaft dabei aus?«
»Auch wohl, und ich bleibe ja bei den Eltern.« –
»Ida ja auch,« wendete ich ein, als wäre das kein Grund. Sie lächelte. »Wenn Sie wieder kommen, müssen Sie Theresen auch malen,« fuhr sie fort, »in spätestens zwei Jahren ist ihre Hochzeit und dann verläßt sie Burgwall.«
»Komm ich denn wieder?« fragte ich.
»Ich dachte,« antwortete sie ganz erstaunt.