»Und so bald?« fuhr ich zu fragen fort.
»Das müssen Sie am besten wissen.« – Ich schüttelte den Kopf; es schien mir gerade in diesem Augenblicke, als sei es doch besser, ich kehre in Jahr und Tag nicht wieder hierher zurück. – Zuweilen erzählt sie etwas aus ihrer Kinderzeit, und wie frisch lacht sie dabei! Neulich wurde das Gespräch zwischen ihr und den Schwestern sehr lebhaft, man neckte sie mit vergangenen Zeiten, da hatte sie sich zu vertheidigen, und dann mußte sie wieder lachen, sie wurde ganz unruhig auf ihrem Stuhle und wendete sich bald hier und bald dorthin, ich vergaß das Malen darüber und sah sie an. Plötzlich fiel ihr Blick auf mich, wie ich dasaß, nichts that und sie betrachtete, sogleich setzte sie sich in Positur, neigte sich mir etwas entgegen und flüsterte: »Sie sind eigentlich sehr gut – nicht wahr Mama?«
»Was denn?« fragte diese.
»Herr Brand ist sehr gütig, so geduldig zu warten.« –
Hätte sie die Sache nicht unter uns lassen können? – aber nein, sie hat nichts zu verheimlichen, was mich angeht.
Julchen Hermann hatte, als sie an der Reihe war, kein Buch mitgebracht, und appellirte an die Großmuth der Jugend, die da nichts verlangen werde, wo nichts sei, sie habe keine belletristischen Bücher. Sie kam aber mit ihren schönen Reden nicht durch, sondern mußte sich bequemen frei eine Erzählung aus dem Leben vorzutragen, und wenn nicht aus ihrem eigenen Leben, so doch aus ihrer Zeit.
Nach einigem Weigern that sie's, und ich will sie Dir copiren.
Der Sohn der Wittwe.
Nicht weit von der Försterei zu Drosehalm, liegt ein kleines Haus, welches vor mehreren Jahren einer Wittwe gehörte, die mit ihrem einzigen Sohne, einem lebhaften, gescheuten Knaben, in der einförmigsten Weise darin lebte. Während Ludwig, so hieß der kleine Wildfang, der die Gedanken der stillen Frau fast beständig beschäftigte, in der Schule war, besorgte sie das kleine Hauswesen, führte die Ziegen auf die Weide, arbeitete in dem Gärtchen, welches die Vorüberfahrenden, wenn sie um die Waldecke bogen – das Haus lag an der Landstraße – vom Frühling bis zum Herbste, wie ein unerwarteter, freundlicher Gruß, durch seine lachenden Blumen überraschte, oder sie saß auch im Zimmer und spann. That sie Letzteres, dann konnte man sicher daraus rechnen, daß irgend ein Erbauungsbuch, die Bibel war ihr das liebste, aufgeschlagen neben ihr lag, denn durch die jahrelange Uebung hatte sie es dahin gebracht, daß sie neben dem Spinnen auch lesen konnte. – Zuweilen erhielt die Wittwe auch Besuch aus der Stadt, von Solchen, die ihr befreundet waren, und die auf der Reise nach der Nachbarstadt, vor ihrer Thüre vorbei mußten, oder von dieser oder jener armen Frau, die in großer Verlegenheit war, und Frau Schmidt um Rath, Unterstützung oder Fürsprache bitten wollte, denn es war bekannt, daß die einfache Frau im Waldhause unter den vornehmen Damen Gönnerinnen hatte, die sie an manchem lieblichen Abende in ihrem stillen Hause aufsuchten. Alle Besuchenden fanden dieselbe Aufnahme, sie erhielten sämmtlich zum Gruße ein freundliches Gesicht, die Hand zum Drucke und ein herzliches Willkommen. Alle gingen auch in der Regel befriedigt von ihr fort, die Bittenden, nachdem sie erhalten, was sie wünschten, die Trostesbedürftigen mit erneutem Muthe im Herzen, denn Frau Schmidt hatte stets guten Muth, sie konnte unter allen Umständen, zu jeder Zeit davon mittheilen. Auch die großmüthigen Damen, welche die Wittwe dann und wann besuchten – obgleich sie, trotz der Bitten der Kinder namentlich, nie in ihren Häusern in der Stadt zu sehen war – fanden sich in ihrer Gesellschaft und der stillen Stube, welche im Sommer eine schöne Linde beschattete, sehr behaglich. Die Kinder, welche sie mitbrachten, tummelten sich, während die Frauen sich drinnen unterhielten, auf dem freien Platze vor dem Hause, herum, oder näherten sich vorsichtig dem kleinen Flüßchen, das noch sehr jung und unerfahren, mit großer Eile, über Stock und Stein, durch den grünen Thalgrund, dem größeren, bedächtiger fließenden Fluße zu eilte, der sich um die Stadt schlingt. In den Garten zu gehen, wagten sie erst dann, wenn Frau Schmidt es ihnen ausdrücklich erlaubte, oder wenn Ludwig aus der Schule kam, der dann sogleich sein Bücherpaquet sammt Riemen in die erste, beste Ecke schleuderte, um als galanter Wirth sich seinen Gästen zur Disposition zu stellen. Heidi, dann gings lustig zu! kein ansehnlicher Schmetterling war seines Lebens sicher, er mochte flattern wo er wollte, über dem Bache oder über den Lilienkelchen, ihm wurde rücksichtslos nachgestellt. Ferner wurde den kleinen, schlanken Fischen aufgelauert, die ganz harmlos schaarenweise, zwischen den bemoosten Steinen, sich so wohlig dahinwanden; zuweilen war denn auch wohl eine schöne bunte Forelle darunter, die durfte dann nie entwischen, denn Forellen sind theure wohlschmeckende, vornehme Fische, wohlgeeignet für die Tische reicher Leute und Ludwig schenkte gerne. Er hatte sich dazu einen Topf mit durchlöchertem Deckel, von seinem Spargelde gekauft, damit er, so oft das Glück ihm wohlwollte, lebendige Forellen, auf seinem Schulwege der Frau Pastorin, oder Stadträthin, oder irgend einer namhaften Dame, mitnehmen konnte. Von vorn herein hatte er sich so zu stellen gewußt, daß man ihm solche Lieferungen nicht bezahlen konnte, nein, er nahm nichts, er durfte auch nicht, er dankte sehr, höchstens waren ihm ein Paar Aepfel aufzunöthigen, und die nahm er dann mit einer so tiefen Verbeugung, und bedankte sich so ernst, daß es aussah, als glaubte er, der besonders, hauptsächlich Beschenkte zu sein.
Aber Ludwig war durchaus nicht so bescheiden, wie es im Allgemeinen von ihm hieß, er war vielmehr stolz, und baute nicht, wie er durfte, Hoffnungen auf seine ihm von Gott verliehenen Gaben, sondern er pochte auf sie. Er war klug, geschickt und muthig, was lag nun daran, daß er nur eines schlichten Bergmannes Sohn und nicht der Sprößling einer Patrizierfamilie war? Das Blättchen kann sich wenden im Leben, dachte er, und blickte stolz dabei umher, was niedrig ist, kann hoch, und was hoch ist, kann ganz klein werden.