Einmal hörte seine Mutter einen solchen laut gewordenen Gedanken, da sagte sie: »Wenn Gott will – aber dem Demüthigen giebt Er Gnade.« – »Erkundige Dich doch, was die Leute von mir sagen,« entgegnete ihr der vierzehn Jahre alte Knabe, »Niemand wird mich hochmüthig nennen.« – »Du kannst wohl Menschen, aber nicht Gott betrügen,« erwiederte ihm seine Mutter sehr ernst, und nun hütete er sich wohl, seine innersten Gedanken wieder laut werden zu lassen.

Ostern darauf wurde Ludwig eingesegnet und zu einem geschickten Tischler in die Lehre gebracht, obgleich er seine Mutter fast fußfällig um die Erlaubniß bat, einen höhern Beruf wählen zu dürfen. Auch seine Lehrer riethen der Wittwe, dem Sohne eine umfassendere Ausbildung geben zu lassen, als die Schule es bisher thun konnte, denn seine Gaben seien nicht unbedeutend, und ein in ihm wohnender, nicht zu verkennender Ehrgeiz werde ihn spornen, ihre Opfer zu vergelten. Aber die sonst so sanfte Mutter zeigte hier eine große Festigkeit und blieb beharrlich bei ihrem Entschlusse, den Sohn ein Handwerk erlernen zu lassen, welches – das möge er selbst bestimmen. Eben sein Ehrgeiz sei es, der sie in dieser Sache so entschlossen mache, sie wolle das Ihrige dazu thun, diesen hochstrebenden Sinn zu demüthigen, damit er einst fähig werden könne, nach wahrhaft hohen Dingen zu trachten.

»Mutter, ist es denn etwas Gefährliches, ein guter Lehrer oder gar Prediger werden zu wollen?« fragte Ludwig mit Thränen in den Augen, »kann ich nicht dem lieben Gott viel besser dienen, wenn ich den Beruf habe von seiner Größe und Liebe den Menschen zu erzählen, als wenn ich dastehe und schmiede, oder leime, oder so etwas?«

»Wenn Du wirklich viel von seiner Größe wüßtest, und von heiliger Liebe getrieben würdest, mein Sohn, dann würdest Du demüthiger sein,« antwortete die Mutter, »etwas Sündlicheres kann ich mir kaum denken, als einen Geistlichen, der auf die Kanzel mit dem Gedanken kommt: heute werde ich gewiß bewundert werden, der mit seiner Predigt sich verherrlichen will; der das Kreuz predigt und den eigenen Ruhm vor Augen hat. Nein, Ludwig, bleib in unserm Stande, Du kannst darin sicherer selig werden.«

Ludwig sah sehr finster dazu aus, und er seufzte tief über der Mutter schreckliche, sein Lebensglück zerstörende, Verblendung, aber er konnte nichts dagegen ausrichten und so wurde er ein Tischlerlehrling.

Sein Meister nannte ihn musterhaft: er war fleißig, anständig in seiner äußern Erscheinung, zuvorkommend, ernst, zuverlässig, sein Lob ertönte reichlich, namentlich fand der Lehrherr es so rühmenswerth, daß er stets pünktlich an Ort und Stelle war, sei es zur Arbeit, zu Tisch, zur Kirche, oder sonst irgendwo, einem Versprechen oder Auftrage zu folgen; was er versprach, hielt er mit gewissenhafter Genauigkeit.

»Er wird einmal ein gemachter Mann,« prophezeihete er, »ich sehe schon den künftigen Gewerksvorsteher, wenn nicht Senator der Stadt in ihm.« – Wohl freute sich die Mutter über das Lob ihres Lieblings, aber sie bat den Meister inständig, es den Knaben nicht hören zu lassen.

»Glauben Sie, es ist Wasser auf seine Mühle,« stellte sie ihm vor, »es bewegt seinen Sinn die leidige Eitelkeit ohnehin genug.«

»Nun was schadet die Eitelkeit?« entgegnete der Meister fast unwillig, »wenn sie das Rad der Thätigkeit in Bewegung setzt und den Jungen alle seine Kräfte mit Lust gebrauchen läßt? Nichts für ungut, Frau Schmidt, aber Weibererziehung ist nicht für solchen aufstrebenden kleinen Menschen, Ihr möchtet aus lauter Zaghaftigkeit alle frischen Sproßen seiner kernigen Wurzel streng beschneiden, damit sie möglicher Weise nicht zu einer Wildniß heranwachsen.«

»Gott hat ihm doch den Vater genommen, und mich für ihn bestellt,« erwiederte die Mutter ganz sicher, »darum muß ich ihn nach der Einsicht erziehen, die Er mir gegeben hat.«