Die Lehrzeit verfloß. Zwei Jahre blieb Ludwig noch am Orte, dann schnürte er sein Bündel und ging in die Fremde. Der Abschiedstag war ein schwerer für seine Mutter, sie hatte nichts weiter auf der Welt, daran ihr Herz so ganz hing, wie diesen einen Sohn, und trotz seiner Fehler, als Sohn war Ludwig musterhaft! Aber es mußte geschieden sein, und die Liebe macht stark, besonders eine Mutter, welche freudigen Glauben zu Gott dem Herrn hat, sie küßte und segnete ihn, begleitete ihn auch über das Weichbild der Stadt hinaus und kehrte dann ergeben in ihr einsames Haus zurück. – Ihre Lebensweise blieb dieselbe wie bisher, nur daß sie nicht mehr wie früher, Sonntags auf der Brücke, die über den kleinen Fluß führte, stand und nach der Stadt hinsah, von welcher ihr Sohn sonst kam, und daß sie jetzt noch mehr betete als las.
Ein Festtag war allemal für sie, wenn der Postbote auf ihr Haus zuschritt. O, ihr Herz fühlte dann einen wahren Freudenrausch! – Die Nachrichten waren anfangs meist gut, Ludwig hatte fast immer in großen Städten Arbeit gesucht und gefunden, und schrieb gewöhnlich erfreut über das Gute, das man auf Reisen kennen lernen und einsammeln kann. Selten klagte er, auch vom Heimweh hatte er nicht gerade zu leiden, doch war seine innige Liebe zur Mutter unverkennbar. Mehr als es der bescheidenen Frau lieb war, deutete er an, wie er es ganz anders für die Zukunft mit ihr beabsichtige, sie sollte einst bequemer, schöner wohnen, ein Haus in der Nähe der Stadt haben, schon damit der Kirchweg ein kürzerer sei; er wollte dieses Haus mit den schönsten Möbeln schmücken, für wen er denn sonst etwas lerne, wenn nicht für sie? In diesem Tone schrieb er oft, wenn auch die Mutter zu mäßigen suchte, und darauf hinwies, daß ihr Glück nicht im Aeußerlichen bestehe, daß sie auch für ihren Stand und ihre Gewohnheit hinreichend mit dem Nöthigen, ja Angenehmen versehen sei.
Jahre verstrichen wieder, die Wittwe hatte ein ganzes Kistchen voller Briefe, sie hatte auch des Sohnes Bild und freute sich sehr darüber: es lächelte sie an und sah stattlich aus, der Jüngling war zum Manne heran gereift, nur schien es ihr, als wisse diese breite Stirn von Trotz, als läge in der ganzen Haltung eine Energie, die sich gegen jede zugemuthete Unterwerfung sofort empören würde. Aber seine Briefe waren ja so liebevoll, ihr war er doch ergeben, das war gewiß, sie wollte auch nicht zu ängstlich sorgen, sondern alle ihre Sorge auf Ihn werfen, der für uns sorgen will.
Dann kam aber eine Zeit, da seine Briefe das deutliche Gepräge des Mißmuthes trugen; er klagte, es werde den Abhängigen zu schwer gemacht sich den, ihren Fähigkeiten gemäßen, Standpunkt zu erringen, der Lohn sei im Verhältniß zur Arbeit zu gering, die Behandlung nicht selten unwürdig, die Besitzenden seien meistentheils herzlos – die Mutter wisse es nur nicht, wie es in der Welt zugehe, und er danke Gott, daß sie dieselbe nicht gebrauche. Die Mutter hatte genug zu ermahnen und schrieb auch, wenn es ihm draußen nicht gefalle, dann möchte er doch wiederkommen, sie sehne sich ohnehin so sehr nach ihm. Gewiß hätte er so viel gelernt, um die Innung mit einem Meisterstück zufrieden stellen zu können, dann könnte er in der großen Stube seine Werkstatt aufschlagen und sie würden Beide ein so recht seliges Leben, nach der langen Trennung mit einander führen. Diese liebevolle Einladung hatte aber eine sehr heftige Entgegnung zur Folge. Ob er darum so weit und lange gereist sei, um mit leerer Hand, als ein armseliger Gesell wieder zu kehren, und der Mutter Besitz zu seiner Etablirung zu benutzen? Nimmermehr! Er fühle hinlänglich Kraft in sich, es mit der Feindseligkeit einer ganzen verkehrten Welt aufzunehmen!
Dieser harte Brief kam im Waldhause bei Winterszeit an, als der Schnee hoch lag und die Wittwe schon wochenlang nicht aus dem Hause gekommen war. Wie sehnte sie sich nach der Kirche! Zwar war ihr Herz selber ein dem Herrn geweihter Tempel, und Haus und Garten und der stille Wald kannten den Austausch ihrer Gefühle gegen den Segen himmlischen Trostes, aber dort, wo sie die Weihe der Sakramente empfangen, sie und ihr Sohn, dort betete sie besonders freudig für den geliebten Fernen. Nun ging es nicht, sie konnte kaum zur Försterin kommen, um sich in ihrer Herzensbeklemmung an einigen freundlichen Worten der Försterin zu erquicken, sie war mit ihrer Unruhe in das Haus gebannt. »Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden, hilf dazu!« das waren Worte, die sich oft, vielleicht ihr unbewußt, über die Lippen drängten, ihr Herz fühlte das Flehen beständig.
Und die Zeit der Finsterniß ging vorüber, der Schnee schmolz, die Sonne lachte heiter durch die kleinen Scheiben des Fensters, wo über Rosen- und Myrthenstöcken des Sohnes Bild hing; er schien die Mutter anzulächeln und – o der Freude! da kam auch der Mann mit der Briefmappe wieder, kaum konnte die Mutter sein herzliches »Gott grüß!« erwiedern, so bewegt war sie von der Erwartung, ob der liebe Herr, ihr treuer Helfer, des Sohnes Herz gemildert habe, ob er, der Ferne, auch Sonnenschein um sich sehe und in sich spüre. Und es war gut, Alles gut! Er schrieb reuig, bat wegen seiner Heftigkeit um Verzeihung, erzählte von bessern Tagen, die ihm angebrochen, und von der Aussicht auf Verwirklichung seiner Wünsche. – An diesem Tage hätte Mutter Schmidt sich recht gern arm geschenkt, vielleicht hätte sie dies überhaupt schon längst gethan, wenn sie den Sohn nicht gehabt hätte. Zum Glück sah sie, noch ehe die Sonne unterging, die liebe, freundliche, theilnehmende Sonne! auf dem Wege drüben ein Paar arme Kinder, die holte sie, fragte redselig wie nie, nach ihren geheimsten Wünschen, und fand sich so reich, diese befriedigen zu können. Einen so seligen Tag hatte sie lange nicht gehabt. Ja, das Herz ist tief zu bejammern, welches so gerne opfern möchte, und keinen Altar finden kann, auf dem es geschehen könnte. Es gehört zuweilen Muth dazu, ihn zu suchen und viel Zeit, ihn zu finden, aber es giebt ihrer unzählige um uns herum. Möge Gott zu allen Zeiten unsere Augen leiten, daß wir das Rechte sehen, und unser Herz, daß wir das Rechte thun!
Vergiß nicht, Pauline, daß ich nur wieder erzähle, ich spreche das Gehörte nach, aber ich spreche auch mit. Ja, Gott helfe allewege! –
Nach wenigen Wochen kam abermals ein Brief, und diesmal von einem reichen Geschenke von Kleidungsstücken begleitet. Das war nicht nach dem Sinne der Mutter, sie wurde wieder nachdenklicher, aber der Frühling wollte es nicht leiden, er lockte sie nach draußen und zeigte ihr die Verschwendung an Prachtgewändern, welche der liebe Gott den Blumen gestattete. Tausende blühten gestern und lagen heute welk, verblüht zu den Füßen Neugeschmückter, das ganze Thal war im farbenreichsten zartesten Schmucke, der Reichthum sproßte als saftige Zweige aus den Bäumen, breitete sich als bunt gewirkte Decke über die Hügel, wogte in der Farbe der Hoffnung über die im Herbst bestellten Aecker. Das Leben däuchte ihr wieder wunderschön, selbst so getrennt von dem geliebtesten Kinde, sie übergab ihn wieder beruhigt der Obhut des reichen Gottes, dessen Ehre die Himmel erzählen, und des Vaters voller Gnade und Treue, von dessen wundervoller Liebe die Erde, seiner Hände Werk, fröhliches Zeugniß ablegte. –
Ludwigs Briefe wurden zwar von nun an etwas seltener, enthielten aber immer verständlichere Andeutungen eines innern Triumphes. Es war viel von Manneskraft und Aufsichselbstverlassen die Rede, nur blieb es dunkel, was eigentlich Bedeutendes erreicht war. Seit jenem freudenreichen Briefe im Frühjahre datirten alle Briefe aus einem kleinen Orte an der Ostsee, welcher aber in Ludwigs Atlas von dem Sohne des Försters durchaus nicht zu entdecken war. Er hielt sich daselbst beim Gastwirth auf, der sein Haus ausbauen ließ, und noch längere Zeit Arbeit für ihn haben würde. Wie dieses Verhältniß Ludwigs ehrgeizige oder liebevolle Pläne fördern konnte, war schwer zu ergründen; nach der Mutter Meinung hätte er da, in dem armen kleinen Orte, als welchen er ihn selbst bezeichnete, nur bescheidener in seinen Wünschen werden müssen. –
So verstrich ein Jahr unter Hoffen und Fürchten. Zu Weihnachten war wieder eine bedeutende Sendung schöner Sachen angekommen: Kaffee, Zucker, Gewürze, selbst schöner Wein, aber die Mutter ließ den Ueberfluß für kommende Zeiten liegen und blieb bei ihrer einfachen Lebensweise. – Als der Frühling wieder erschien, wurde ihr sehr bang um's Herz, denn die Briefe ihres Sohnes blieben ganz aus; vergebens hatte sie gehofft, zu ihrem Geburtstage, den Ludwig stets als Festtag betrachtet hatte, durch Nachricht, vielleicht gar seines baldigen Kommens erfreut zu werden, aber die Blumensträuße, welche ihre alten und jungen Freundinnen ihr gebracht hatten, verwelkten, ohne das Gesicht der Gefeierten im Lichtglanze der Freude gesehen zu haben.