Als dieser qualvolle Zustand einige Monate gedauert hatte, wurde Frau Schmidt heiterer, sie lächelte wieder, wurde sehr thätig – in ihrer Herzensangst hatte sie oft, die Hände in den Schooß gelegt, dagesessen – ging auch nach dem Gottesdienste eines Sonntags in das Pfarrhaus zum Besuch, mit einem Worte, sie schien ganz aufzuleben. Aber man sollte noch Ungewohnteres, als Besuche in der Stadt, an ihr erleben; zuerst kam die Reihe des Erstaunens an die Försterin, welche gebeten wurde, die Ziegen und Hühner der alten Frau bei ihrem Vieh aufzunehmen, und dann und wann so gütig zu sein, einen Blick nach ihrem Heimwesen zu werfen, weil sie es verlassen müsse. Eine innere Stimme ermahne sie beständig, ihren Ludwig aufzusuchen, der in Noth wäre, sie sei dazu entschlossen, und schon am nächsten Tage solle die Reise angetreten werden. – In aller Frühe des folgenden Morgens brach sie auf, und mancher der Vorübergehenden blieb an diesem Tage dem Hause gegenüber stehen, und dachte darüber nach, was es wohl mit den verschlossenen Laden für eine Bewandtniß haben könnte. Es wurde auch von einer entschlossenen Frau daran geklopft, die Schmidt konnte ja heftig erkrankt sein und hülflos daliegen, es antwortete aber weder ein Wort noch ein Seufzen, und kopfschüttelnd ging die gute Frau ihrer Wege. Dies geschah im Juni. Zwei Monate vorher hatte auch Ludwig eine Reise angetreten, aber ehe ich sage wohin, muß ich erst von Pranbeck reden, und von der Zeit, die Ludwig darin verlebte.

Als er vor fast anderthalb Jahren nach der, von dem Kirchdorfe Pranbeck ungefähr fünf Meilen entfernten größeren Hafenstadt wandern wollte, und in das Gasthaus des kleinen Ortes trat, war er so recht zerfallen mit der Welt, die so viel des Lockenden und Reizenden für ihn hatte, es ihm, wie er meinte, höhnisch vorhielt, und, so oft er die Hände darnach ausstrecken wollte, schnell entzog. Selten hatte er etwas Vollkommenes gefunden, besonders in den letzten Jahren: war der Meister gut, so taugten die Gesellen nichts; fand er Gelegenheit viel zu verdienen, so war die Familie seines Vorgesetzten entweder aufgeblasen oder gar zu ungebildet, so daß er sich nicht mit ihr befassen konnte. Ging er in diesem letztern Falle seinen eigenen Weg, so fehlte es wieder nicht an bornirten Versuchen, sich über ihn lustig zu machen. Nein, dies Beugen und Fürliebnehmen war zu unausstehlich, und wurde ihm immer lästiger! Hätte er es nur verstanden Geld zusammen zu scharren wie diese Pilze, deren Herz gegen jedes gute Gefühl durch einen Harnisch geschützt war, diese Schwämme, die alles in ihrer Nähe Befindliche gewissenlos aussaugen, und dann wohlgefällig auf ihre magern Nachbarn herabblicken, ja dann, dann konnte er zeigen, wie der Hausstand eines christlichen Handwerkers eingerichtet sein müsse, wie man sich den Lernenden, Helfenden gegenüber zu betragen habe. – Freilich, beschränkte Menschen, das stand fest, würde er nie in seine Werkstatt aufnehmen, sondern nur solche, deren tüchtiger Verstand sich gleich durch ein anständig freies Wesen bekunde, was auf den ersten Blick von der tölpelhaften Selbstgefälligkeit einfältiger Menschen zu unterscheiden sei. –

So ungefähr dachte und sprach Ludwig, der Sohn der demüthigen, zufriedenen Wittwe im Waldhause, mit dieser Neigung die gesellschaftlichen Zustände von ihrer trübsten Seite aufzufassen und zu verurtheilen, sah er zum ersten Male das Meer in seiner unabsehbaren Ausdehnung. Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, aber keinen guten, es half nur in seiner ihm unverständlichen Größe seine Ansichten befestigen. Es war ein trauriger Tag, als Ludwig zum ersten Male an einer Küste stand, der Wind stürmte seewärts auf ihn ein und trieb die schäumenden Wogen, dunkel wie der wolkenbedeckte Himmel, stürmisch gegen den niedern Hügel, von dessen Rücken er in das unruhige Element schaute. »Ja,« sprach er bei sich selbst, »Woge auf Woge, Tag auf Tag! Es ist alles einerlei, Seelen- und Geschickeszwang und Zwang in der Natur, Niemand und Nichts kann gegen sein Verhängniß; kann er Gefallen daran finden, der liebe Gott im Himmel, wie die Mutter sagt?« –

Ein verächtliches Lächeln entstellte sein sonst hübsches Gesicht, und er drehte dem Meere den Rücken, um ein Obdach zu suchen.

Nun ist Pranbeck zwar nur ein kleiner Ort, und auch kein sehr wohlhabender, aber ein stattliches Gasthaus befindet sich doch da, und ein ebenso stattlicher Wirth, ein ganz gewandter Mann, dessen Bildung auch für ein Hôtel ausgereicht haben würde, darin. Als Ludwig durchnäßt, denn es hatte den ganzen Morgen geregnet, auf seiner Schwelle erschien, beging er nicht den Mißgriff, ihn in die ordinaire Gaststube nach dem Hofe hinaus, wo Knechte, Boten, lotterige Handwerksburschen und dergl. placirt wurden, zu verweisen, sondern er führte ihn mit einigen freundlichen Worten des Bedauerns ob des schlechten Reisewetters in das behagliche Zimmer, wo Landherrschaften und die Honoratioren des Dorfes sich häufig des Abends zu versammeln pflegten, das des Tages aber in der Regel nur ganz flüchtige Besuche Solcher empfing, die nicht ausgehen konnten, ohne im Wirthshause die Frage: Was giebts Neues? auszusprechen, und ein Gläschen zu trinken. Selten kamen Reisende anderer Art, als die Genannten, nach Pranbeck, daher mochte es kommen, daß die Erscheinung des für einen Handwerksburschen sehr nobel gekleideten Fremden dem Wirthe sehr angenehm war. – Bald hatte Ludwig seine Kleider gewechselt, etwas Stärkendes genossen und war mit dem Wirthe in der besten Unterhaltung, die damit endete, daß er versprach vorläufig in Pranbeck zu bleiben, um dem einzigen Tischler des Ortes, dem die Gesellen wegen seiner zänkischen Hausfrau allzuschnell davon liefen, zu helfen und die obere Etage des noch unvollendeten Wohnhauses mit den nothwendigen Tischlerarbeiten zu versehen. Dabei wurde gleich abgemacht, daß Ludwig im Gasthause selbst und nicht bei dem Meister wohnen solle. –

So weit war Alles gut, aber das Schlimme lauerte dahinter. Nicht daß Ludwig ein Schlemmer wurde, und wie so mancher tägliche Besucher des Gasthauses, dem Laster des Trunkes fröhnen lernte – er fühlte einen Abscheu vor solcher Verirrung, er wendete sein Auge weg, wenn so ein lallender, schwankender Mensch versuchte Witze zu reißen oder zu beweisen, daß er wirklich nur »angetrunken sei, nur genippt habe!« – Eine solche Erniedrigung war für ihn nicht zu befürchten, seine Mutter dachte kaum daran; Ludwig war ja stolz, wie konnte er sich zum Gegenstande des Ekels, des Spottes herabwürdigen! –

Der Wirth war ein reicher Mann, er hatte Felder und Wiesen, Haus und Hof, und ein reich versorgtes Waarenlager, da er das Recht hatte Handel zu treiben. Sein Verkehr als Handelsmann war ganz großartig, doch wußten nicht Viele genau darum, er ging meist in der Stille der Nacht vor sich, aber dafür war er desto ergiebiger. Nach kaum einem Monate war Ludwig Mitwisser dieses geheimnißvollen Verkehrs, und wenige Wochen später Compagnon des Wirthes. Nun wurde der Ton zwischen beiden Männern noch verbindlicher und das nächtliche Geschäft noch gewinnbringender, denn Ludwig war höchst thätig, umsichtig und kühn, gerade ein solcher Mann, wie er für den Wirth paßte, und dieser war die Freundschaft selbst gegen ihn.

Zum ersten Male hatte es nun Ludwig so, wie er es wünschte: einen gescheuten, aufgeklärten Vorgesetzten, achtungsvolle Behandlung, Anerkennung seiner Fähigkeiten und Leistungen, und reichlichen Gewinn. Dennoch sah er nicht aus wie ein Mensch, über dem die Glückssonne strahlt; er war viel schweigsamer geworden, sein Blick hatte an Offenheit verloren und über sein Gesicht flog oft etwas dem Argwohn ähnliches; sein durchdringender Blick schien dann zu fragen: wer wagt es, mein Thun und Lassen zu beurtheilen? Ich, ich allein bin Herr meiner Entschlüsse und Handlungen!

Pranbeck liegt ganz nahe an der Grenzlinie, und der Wirth war durch kühn getriebene Schmuggelei reich geworden. Aus Zuneigung zu Ludwig, wie er sagte, hatte er ihm gezeigt, wie leicht man es dahin bringen könne, die oft langweilige Berufsarbeit nur pro forma zur Hand zu nehmen, wenn man nämlich nur genug Entschlossenheit besitze, mit einigen Vorurtheilen zu brechen. Und dann hatte der Wirth ihm in fließender Rede auseinander gesetzt, wie ungerecht die Besteuerung der ausländischen Produkte sei, das arme Volk müsse sie fast ganz entbehren, mäßig Begüterte sie mit äußerster Einschränkung genießen, während man höher hinauf damit schwelge und sie verprasse. In solche Behauptungen stimmte nun zwar Ludwig nicht mit ein, aber in ihre Consequenzen, er vergaß die Worte: »seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat,« und »gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist,« – und ward Schleichhändler wie sein Verführer.

Die Geschäfte gingen nach Wunsch, denn von den drei Officianten, welche in Pranbeck stationirt waren, drückten zwei ihre Augen bei den nächtlichen Affairen des Wirthes zu, denn dieser wußte ebenso gut zu zahlen wie zu sprechen, und der Dritte war schon ein älterer Mann, der leicht zu täuschen war. Bald war Ludwig so gut bei Kasse wie nie vorher, daraus erklären sich seine Hoffnungen, Briefe und Geschenke nach Waldhaus.