Etwas länger als ein Jahr mochte Ludwig in Pranbeck sein, als bei furchtbaren Aequinoctialstürmen ein Schiff in der Nähe des Oertchens strandete. Die Mannschaft rettete sich, und die reichen Waaren, die es trug, wurden glücklich im Wachthäuschen auf einem Küstenvorsprunge und dem daneben stehenden Wachtthurme geborgen. Das Schiff gehörte einem Lübecker Kaufmanne und war in einer Anstalt versichert, die einen Agenten in der Provinzialhauptstadt hatte. Dieser, schnell benachrichtigt, war selbst bei der Bergung zugegen gewesen, hatte die Bekanntschaft des zuvorkommenden Wirthes und auch Ludwigs gemacht, der bei dem Unglücke sich sehr muthvoll und menschenfreundlich bewiesen hatte. Am Tage nach des Agenten Abreise sollten die Sachen auf schon bestellte Wagen gepackt und ihm nachgeschickt werden.

Die nun hereinbrechende Nacht wurde verhängnißvoll für Ludwig. –

Der Wirth war am Nachmittage schon äußerst splendid mit Wein gewesen, aufgeregt war man ohnehin von den Begebenheiten. Man redete viel von Muth, Recht und lächerlicher Peinlichkeit, und endlich stand so viel fest, daß, wer es wage die geborgenen Sachen sich zuzueignen, einen Hauptstreich ausführe, der ersprießlichere Folgen haben werde, als die Arbeit von wenigstens zwanzig Jahren, und der Verlust sei nur der der Versicherungsgesellschaft, komme auf Niemanden eigentlich merklich.

Ludwig stand auf und wollte der Versuchung entfliehen, sein Zimmer aufsuchen, aber dort war es ihm zu eng, er hüllte sich dicht ein und ging zum Dorfe hinaus, wo das Rauschen des Meeres – ein wunderlicher Sirenengesang! – ihn zog und lockte, bis er am Strande stand.

Weithin ringsum hörte man nichts anderes als Wind und Wasser, und wäre auch ein leises Geräusch entstanden, es wäre ungehört erstorben in diesem unnachahmlichen Zwiegespräch. Da kam der Wirth mit seinem Knechte in der Dunkelheit daher, auch die beiden ungetreuen, eidbrüchigen Grenzbeamten folgten. Sie schritten so eilig dem alten Wachtthurme zu, als beflügle der Pflichteifer ihre Schritte, als seien sie so ganz sicher, auf richtigen Wegen zu gehen. Ludwigs Blut pulsirte heftig, er sollte Mitwisser dieses Unternehmens werden, halber Theilnehmer, und keiner Gewinn davon haben, wo so großer Gewinn zu hoffen war? Es kostete dem Wirth nur wenige Worte und Ludwig ging mit ihm. Es war freilich eine That, die er nie, selbst nicht in Zukunft seinem Weibe vertrauen durfte, aber für seine Ueberwindung zahlte sie auch mit dem eigenen Herde!

Nur eine Schwierigkeit war bei der Geschichte zu fürchten, und das war die mögliche Widersetzlichkeit des Wächters. Zwar war er ein bequemer Mann und hatte bei der Schmuggelei oft seine Hand zur Hülfe geliehen, aber hier war's gefährlich für ihn, und wenn er sich weigerte, gemeinschaftliche Sache mit ihnen zu machen, dann mußte man auf den Fang verzichten. Es war, wie man gefürchtet hatte, der Wächter war unbestechlich. Vergebens waren all die glatten Worte des Wirthes, der Plan schien dem Alten zu handgreiflich: ohne Zuchthaus, meinte er, könnte das unmöglich enden.

Der Knecht erhielt von seinem Herrn einen Wink und begab sich wieder nach Pranbeck zurück, die Uebrigen schienen ihre verbrecherischen Wünsche aufgegeben zu haben, der Wirth schmollte zwar etwas, nahm aber die Einladung zu einer Parthie Landsknecht an, und setzte sich zum Spiele an den Tisch.

»Halt!« rief er plötzlich nach einer Weile, »ich habe einen unbezahlbaren Einfall. Wir wollen unsern Aerger hinunterspülen. Einen Bohrer her!«

»Wozu?« fragte der Strandwächter.

»Sollt schon sehen, altes Hasenherz. Wo ist der Schlüssel zur Remise?«