»Dann nehmen Sie nur den Wallschlüssel mit, Johanne hat ihn ausgezogen, – Kinder machen sich so gerne mit Thüren zu schaffen – und Sie haben wohl keinen Schlüssel, nicht wahr, die untere Thüre stand offen?«

Ich bejahte, dankte, und weil nicht recht mehr was zu sprechen war, empfahl ich mich und ging meiner Wege, bereute aber bald nicht länger geblieben zu sein, es fielen mir, als ich im Vorzimmer wohl eine Viertelstunde warten mußte, der Fragen noch mancherlei ein. Endlich erschien die Gräfin, und wer war es? – mein Fräulein vom Walle! O, ich Blinder! Hätte ich es der holden Frau nicht gleich ansehen können, daß sie kein gewöhnliches Menschenkind ist; würde ein Stadt- oder Hoffräulein mir ihren Wallschlüssel gegeben haben, wäre sie so unbefangen freundlich gewesen?!

Während sie nun um Entschuldigung bat, mich warten gelassen zu haben, stand ich kümmerlicher Mensch, und konnte mich nicht in die rechte Form finden, wollte selbst entschuldigen und wußte nicht wie, und fühlte mich erröthen, wie ein Schüler. Natürlich schien sie nichts davon zu merken, sie war ganz gesprächig, redete zum Glück bald von Malerei und plauderte so nett darüber, daß ich meinen stichelnden Gedanken allmählig entrissen wurde. Die Gräfin scheint von der Sache just nicht viel zu verstehn, aber sie zu lieben und das ist auch gerade recht. – Sie wird mir in nächster Woche sitzen, bis dahin wird sie »das Vergnügen gehabt haben, mich ihrem Gemahl vorgestellt zu haben.«

Da hast Du die Geschichte; ich werde noch heute diesen Brief absenden, und grüße Dich herzlich als Dein Bruder

Justus.

Den 24. Juni.

Mittsommertag, himmlisches Behagen! Ich möchte alle Ecken und Winkel meines Ichs von diesem Lichte durchströmen, von dieser Wärme erfüllen lassen. Es ist wundervoll! In meinem Leben habe ich solchen Sommer nicht kennen gelernt, bin ich so gründlich heiter und befriedigt gewesen, wie in diesem. Aber, meine Theuerste, Du hast auch keine Ahnung davon, von welcher Höhe herab ich auf die Auen und Wälder schaue, wie die Natur »zu meinen Füßen« daliegt. Es ist unbestrittene Wahrheit: je erhabener unser Standpunkt, desto schöner und harmonischer erscheinen uns die verschiedenen Einzelnheiten fernab. Steig auf den Kirchthurm, wenn Du's nicht glauben willst, wie bildhübsch und harmlos wird Dein altes Nest, Verzeihung! aussehen; die Kinder auf den Straßen spielen so nett und manierlich mit einander, das Geschrei und Gelärm, welches sie betreiben, dringt höchstens als sanftes Gemurmel in Deine Region, all die Häuserchen, die Hüttchen stehen so nett da, als wären sie aus einem Nürnberger Schächtelchen genommen, genug, es ist so, wie ich sagte. – Ich residire gegenwärtig auf Schloß Burgwall, vergiß es nicht, es auf Deinen Briefen gehörig zu bemerken. Meine Residenz ist sehr hoch, ja wirklich, denn die alten mächtigen Linden, die ihre Kronen bis zu den Fenstern der Gräfin emporstrecken, sind nur dann von meinem Reiche aus sichtbar, wenn ich mich aus dem Fenster zu ihnen hinabneige: ich wohne buchstäblich auf Schloß Burgwall, nämlich in zwei Dachstübchen, dicht neben dem Thurme.

Keinen Stein auf die Gräfin, ich bitte sehr! Die Zimmer sind ganz meine Wahl, eben der Aussicht wegen. Als mir die Erlaubniß wurde im Schlosse zu wohnen, habe ich mir gerade diese kleinen Zimmer gewählt, welche mir schon früher bei Besichtigung des Schlosses besonders gefielen. In jeder Stube ist ein großes, tiefes Fenster, ausgezeichnet für die Aufstellung einer Staffelei geeignet. Für nette Einrichtung wurde sogleich gesorgt, und so wohne ich hier so angenehm wie möglich.

Seit meinem Umzuge liegen schon zehn Tage dahinten, mir ist heut auf jeden Fall doch sehr anders zu Sinn, als da ich kam. Tags zuvor war ich dem Grafen erst vorgestellt. Er ist ein gewichtiger Mann, nicht mehr jung, gewiß, wenn nicht Funfzig, doch nahe daran; in seinem charakteristischen Gesichte nehmen die Züge des Wohlwollens und tiefen Ernstes sehr für ihn ein, und sein ganzes sicheres, bestimmtes und doch durchaus nicht anmaßendes Wesen beherrscht unwillkürlich seine Umgebung. Die Gräfin scheint ihn nahezu anzubeten, sie lebt in seinem Lichte. Wenn er spricht, so ist es gewiß, daß sie nichts anderes hört, tritt er in's Zimmer, so überfliegt ein Freudenschein ihre holden Züge. Nie habe ich solche Innigkeit, solch gegenseitiges Glück gesehn, als bei diesen beiden Menschen, und er ist wenigstens zwanzig Jahre älter als sie. So recht verständlich ist mir dies nicht; Ehrfurcht und töchterliche Gefühle könnte ich ihrerseits begreifen, aber sie liebt ihn anders und viel mehr, als ich überhaupt glaubte, daß man lieben könne.

Tags nach meinem ersten Besuche bei dem Grafen wurde ich zu Tisch geladen, und da wurde es gleich ausgemacht, daß ich, der Bequemlichkeit wegen, bei ihnen wohnen sollte. So bin ich denn täglich, außer den Sitzungen – der Graf hat den Anfang gemacht – in der Gesellschaft der liebenswürdigen Familie. Meine Unbehaglichkeit schwindet immer mehr, und ich weiß nicht, welcher der edlen Herrschaften ich den Preis höchster Liebenswürdigkeit zuerkennen soll, ihm oder ihr. Eigentlich sind sie gar nicht zu trennen, vereint sind sie das Ideal vollendeter Freundschaft und einer rührenden Liebe. Auch die kleine Johanne, des Paares einziges sechsjähriges Töchterchen, ist etwas Liebreizendes. Das Kind besucht mich zuweilen, und letzt brachte sie ein Tractätchen mit und wollte mir etwas vorlesen, fing auch richtig an und es ging über Erwartung gut, aber ich fand doch für besser das Thema der Unterhaltung zu wechseln, und erzählte ihr das Märchen von Schneewittchen. Dabei saß sie auf einem kleinen mitgebrachten Stuhle und sah mich mit den großen Augen ganz ernsthaft an, während ich unverdrossen ein in Berlin angefangenes Bild nachfeilte und mich bemühte, einem winterlichen Himmel mehr das Ansehn zufriedener Ergebung als das der trostlosen Gleichgültigkeit zu geben, die sich in Berlin über das kleine Gemälde gelagert hatte.