Als die Geschichte aus war, sagte sie: »Mama ist auch eine Stiefmutter, Max ist ihr Stiefsohn.«

»Wo ist er?« fragte ich.

»Weit weg,« erwiderte sie, »wo der König wohnt.«

»Was thut er da?«

»Das weiß ich nicht gewiß,« antwortete die Kleine höchst gewissenhaft, »aber ich glaube, der König gebraucht ihn; Mama sagt, er sei des Königs treuer Diener.« – Was für eine Art Diener, ob Page oder Adjutant, das konnte ich nicht herausbringen.

In der Stadt werde ich, will es mir scheinen, seit ich hier wohne, mit größerer Zuvorkommenheit behandelt. Ich meine im Allgemeinen, Bernwachts sind unverändert dieselben. Die Familie, obgleich ganz anders als die meiner erlauchten Beschützer, wird mir sehr lieb, und ich gehe fast täglich zu ihnen. Noch eine Bekanntschaft habe ich erneuert, Du könntest rathen, welche treue Seele ich meine. Julchen Hermann ist es. Sie wohnt im Hospitale, das heißt in einem neuerbauten Hause, neben der alten Behausung der Gebrechen und des Alters, für diejenigen Einsamen bestimmt, welche ein rundes Sümmchen für die Wohlthat sichern Daches und einiger Fuder Holz zahlen können. Früher wohnte sie in der Vorstadt, bei ihrer alten Mutter, Du mußt es noch wissen, wir besuchten sie zuweilen, und gingen nie unbeschenkt und ungeküßt von dannen.

Die alte Mutter kam mir stets mit ihren großen leuchtenden Augen, wie eine Seherin vor, ihre Worte klangen alle so weise, wie Orakelsprüche. Sie liegt nun auch auf dem Katharinenhofe, nicht hundert Schritt von dem Stübchen ihrer Tochter. Julchen zeigte mir das Grab durch das Fenster, und später habe ich es auch aufgesucht, es ist das wohlunterhaltenste auf dem ganzen Kirchhofe.

Von unserer Eltern Ruhestätte muß ich Dir etwas mittheilen, was mir hochpoetisch erscheint. Vater hat kein Monument, unser Vormund hatte es nicht für gut befunden, das Grab des Ehrenmannes zu bezeichnen, nur ein Baum, bald nach Vaters Tode von mir gepflanzt, wurzelt daran. An Mutters Grabe steht ein schönes, hohes Kreuz, Vater hat es setzen lassen. Auch dieses Grab hat ein Zeichen der Liebe von mir, einen Epheu, der die Jahre hindurch so mächtig gewachsen ist, daß nicht nur das Grab ganz, und das Kreuz größtentheils davon umschlungen wurde, sondern er hat auch die zu ihm niederhängenden Zweige der Traueresche umsponnen, sich an ihnen aufgerankt, und so stehen beide Gräber auch äußerlich, in der innigsten Verbindung. Das hat Natur gethan, und mir war es doch als hätten Mutters feine Finger, still und sinnig, die Zweige in einander geflochten. –

Später.

Endlich habe ich einen Brief von Dir. Meinst Du wirklich: ich sähe die Bibel mit den Augen der Weltkinder an, anders als ich sollte? die innere Bewegung damals, sei eine Warnung meines Engels gewesen?