Liebes Kind, Kind des Lebens und nicht der Welt, Du scheinst wirklich auf einem andern Wege zu sein, als ich, aber wie natürlich! – Vergegenwärtige Dir eine Pilgerfahrt, nach irgend einem Heiligthume, meinetwegen nach dem heiligen Grabe. Es ist kein Kreuzzug, sondern eine Wallfahrt, Männer, Frauen, Jungfrauen, Greise, begeisterte Kinder – Alles vereint sich, zu demselben Ziele zu gelangen. Wird Jeder die Reise in derselben Weise machen, trägt die Mutter nicht das Kind, stützt der Mann nicht sein Weib, bedarf der Alte nicht des Stabes? Meinst Du nicht, daß die Kinder, im Gefühl ihrer Schwäche oft auf die Knie sinken, Gott um neue Kraft anflehend, daß vielleicht ein Stärkerer sich dann über sie erbarme?

Siehst Du: Ein Ziel; der Eine erreicht es gehobenen, der Andere gebeugten Hauptes, Dieser stützend, Jener getragen, Einer schaut mit vollem Blick in das Morgenroth Canaans, während Viele auf ihre wunden Füße niederblicken, und auf den Weg, den sie wandeln müssen, damit sie die Steine des Anstoßes darauf vermeiden. – Wir haben Alle Ein Ziel: Befriedigung. Du findest es, ich ahnte es, im Glauben, ich suche es im Leben, in der Kunst, überall. Jetzt bin ich hier, und ich weiß was hier meine Seele ganz erfüllen könnte – kommt die Zukunft, die weite, unbestimmte, Du wirst wohl Ewigkeit sagen, etwas, was über das Grab hinaus währt, nun, so ist es immer Zeit auch dafür Entschlüsse zu fassen und zu handeln. Wer kann das früher, ehe er bestimmt weiß, wofür und wie? – Aber ich habe hier einsehen gelernt, daß bei der Heiligkeit nicht absolut Gefahr für das Lebensglück ist; kannst Du in dieser Façon Befriedigung erlangen, nun wohlan, Du hast meine brüderlichen Glückwünsche dazu. –

Laß uns diese Sache nicht als abgemacht betrachten, ich versichere Dich, daß Dein Widerspruch mich wohl reizt, zum Nachdenken, wiederum zum Widerspruch, aber keineswegs zum Zorne. Hier meine Hand, liebe Schwester! Dein Brief hat Dich in meinen Augen um mindestens zehn Jahre erfahrener gemacht, um nicht älter zu sagen. Wie alt bist Du eigentlich? Achtzehn rechne ich eben. Wo lerntest Du so ernst sein? – Grüße Deine alten, ehrbaren Damen von mir.

Dein Bruder Justus.

Am 27. Juli.

Gestern erhielt ich Deinen Brief. Warum ich nicht schon wieder geschrieben? Es beschäftigte mich Vieles, allerlei Begebenheiten kreuzten sich bunt durcheinander, ich war mitten darin, und doch waren sie kaum der Art, daß Dir meine Notizen darüber irgend wie wichtig erschienen wären. – Mit großer Liebe habe ich des Grafen Bild vollendet, es ist gelungen und die Herrschaften finden es auch. Die Gräfin werde ich noch nicht malen, es sind Gäste hier, aus Schlesien, welche mich mit ihren Aufträgen beehrt haben, und ich bin jetzt dabei ein Kind zu malen, ein unbeschreiblich reizendes kleines Gesicht, mit großen, fragenden Augen, die mich unaufhörlich an Cäcilie Bernwacht, des Bürgermeisters dritte Tochter erinnern. Nicht, daß das junge Mädchen so schön, wie die kleine Felicitas, oder überhaupt sehr nach meinem Geschmacke wäre, aber es liegt etwas Verwandtes in den Augen beider Mädchen, so recht echter Kindersinn, Seele, viel Seele.

Wenn ich so schöne Augen male, ist es mir oft, als sei in ihnen das Geschick der Besitzerinnen ausgesprochen. Bei denen der Felicitas denke ich zum Beispiel: was das Kind nicht Alles glaubt! Es glaubt an einen Himmel auf der Erde und an einen ewigen Himmel; es wird wahrscheinlich ewig ein Kind bleiben, und sehr viel vertrauen, und immer das Beste von allen Menschen denken, es wird auch sehr lieb haben, die ihm Liebes erweisen, und andere Menschen auch noch, und wird für alle seine Liebe nur etwas Treue erwarten und sie selten finden, vielleicht gerade dort nicht, wo es am sichersten darauf gerechnet hatte. Dann werden diese frommen Augen viel weinen, sehr viel, bis allmählig ihr milder Glanz erlischt, und sie sich schließen.

»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas,« sagte ich letzt zu ihr. Sie that es; ich sah sie lange an und vergaß in meinen Träumereien ihr zu sagen, sie könne sie wieder öffnen, bis sie endlich ganz geduldig fragte: »darf ich dich nun wieder ansehen?« –

Es giebt große Geheimnisse. Pauline, wir begegnen ihnen täglich, die größten liegen in den Worten Herz und Schicksal. –

Cäcilie Bernwacht ist gerade unter ihren Schwestern die mir fremdeste. Ich will Dir die kleine Gesellschaft skizziren. Therese, die Aelteste, ist ein hübsches, besonders verständiges Mädchen; sie ist Braut, und näht den ganzen Tag an ihrer Aussteuer, was sie indeß nicht verhindert, theilnehmend zu sein, ich mag sie sehr gern und unterhalte mich am anhaltendsten mit ihr. – Ihre zweite Schwester, Ida, ist eine Schönheit, ja, sie ist wirklich schön und ich muß sie malen, es ist ein Genuß diese Formen, diese Frische, diese Grazie studiren und copiren zu dürfen. Das Mädchen ist auch nicht ohne Geist und wird auch wohl ein Herz haben, aber sie gefällt mir von ihren Schwestern am wenigsten, ihr Witz ist scharf, sie kann beißend sein, ich mag das nicht an Damen.