Nun kommt Cäcilie, offenbar der Mutter Liebling, ein Mädchen von siebzehn Jahren, sehr zarter Gestalt, etwas blaß, mit herrlichem Haar und wundervollen Augen. Cäcilie ist vielleicht, um schön zu sein, etwas zu klein, und um im Allgemeinen so recht gefallen zu können, zu still, man kann sie kaum kennen lernen. – Nun kommen ein Paar prächtige Wildfänge von dreizehn und elf Jahren, Burga und Berga genannt, Wallburga nämlich und Luitberga, komische Namen! Wo Burga ist, ist Berga, sie sitzen in einer Klasse, binden einen Kranz, spielen zusammen Klavier und Versteck, und umarmen gleichzeitig ihre Mutter, die sich auf ihre stürmischen Ueberfälle gewöhnlich schon durch Bergung ihrer Mützenbänder mit Resignation vorbereitet. Kürzlich hörte Berga, daß ihr Vater mein Pathe ist, und augenblicklich trug sie hocherfreut darauf an, mich Pathe nennen zu dürfen, Herr Brand gefalle ihr nicht, Herr Justus wäre freilich recht hübsch, aber ungewöhnlich, Justus schlicht weg, passe sich nicht, Pathing sei das Beste. Die Mutter schüttelte gewaltig mißbilligend den Kopf und entschuldigte, ich erlaubte natürlich dagegen der elfjährigen Berga mich Pathe nennen zu dürfen. »Burga muß aber auch so sagen, sonst kann ichs doch nicht,« behauptete sie und Burga bequemte sich. Es wurde gelacht, der Alte zog die Mädchen etwas auf und damit war es abgemacht.
Am 4. August.
Heute will ich diesen Brief an Dich abschicken. Dein letzter Brief war mehr als ernst, es sprach sich Unruhe, Besorgniß darin aus. Du schreibst: ich verkenne das Streben meiner Seele, nicht flüchtige Befriedigung, die man täglich in irgend einer Sache, einer Creatur finden könne, sei der Endpunkt derselben, sondern Frieden in Gott. – Ist das nicht ein Spielen mit Worten, oder pedantische Festhaltung eines einmal so und nicht anders geformten Glaubenssatzes? Wir suchen was uns zu unserm Glücke fehlt, Jeder nach seiner Natur. Du bist ätherischer Natur als ich, und suchst geistigere, oder rein geistige, oder auch phantastische Genüsse, ich verstehe Dein Friedensverlangen nicht. Warum ist dieser Friede von Dir erst zu suchen, wodurch hast Du reines Kind ihn erschüttert, oder gar verbannt? Und warum ist mein Trachten nach Befriedigung verwerflich, da ich sie nicht im Unedlen, Rohen, Gemeinen suche? Widerstrebt mein Verlangen dem reinen Naturgeiste? – Ich habe vor meiner Vergangenheit in keiner Weise zu erröthen, und brauche dem Frieden nicht nachzujagen, weil ich ihn habe. Beunruhige Dich meinetwegen nicht im Geringsten, meine theure Schwester, ich bin vollkommen glücklich!
Lebe wohl!
Dein Bruder Justus.
Den 16. August.
Es will mir scheinen, als erkalte unser Briefwechsel, Du machst größere Pausen, als ich wünsche. Um meinerseits nichts dabei zu verschulden, schreibe ich dennoch, es ist mir wohlthuend – auch eine kleine Befriedigung – wenn ich an Dich schreibe und mich so von Grund aus ausspreche. –
Weißt Du, wer Dir hier in Burgwall sehr gefallen würde, welche junge Dame mich oft, nicht an Deine Person, denn Du bist glänzender, aber an Deine Briefe erinnert? – Cäcilie. – Vor ein Paar Tagen hatte ich mehrere Stunden anhaltend an dem Bilde der Gräfin gemalt – der Engelskopf der Felicitas steht auf der Staffelei im Dachstübchen – der Graf hatte uns dabei vorgelesen, tiefsinnige, anziehende Sachen, die nachher von uns besprochen wurden. Pauline, letzt schrieb ich Dir ich sei glücklich, heute fühle ich mich, und schon seit einigen Tagen stürmisch aufgeregt, und nicht glücklich, nein! – Wie kommt es nur, daß sie mich als Einen der Ihrigen betrachtet hatten, als einen Glaubensgenossen? Weil ich bei ihren Tischgebeten keine Störung veranlasse, sondern auch meine Hände falte? Es kann ja sein, daß die ewige Macht ein solcher Vater unser ist, als welchen sie sie anbeten! Ich bins zufrieden, aber ich weiß nicht obs wahr ist. Wahrscheinlich ist es wahr, ich glaube es fast, aber ich weiß es nicht, dabei muß ich verharren. Es mag für Tausende leicht sein, sich bei solchen Gelegenheiten, wie an jenem Tage, in ein Schweigen der Bewunderung zu versenken, oder in oftgehörten Phrasen Beifall zu zollen, ich kann es aber nicht. Ich sagte was ich meinte, und es ward lautlos still im Zimmer. Das erste Wort, was ich wieder hörte, war die Johannen gegebene Erlaubniß, das Zimmer zu verlassen. Es zog mir eisig durchs Herz, sie fürchteten für das Kind den Gifthauch der Gottlosigkeit. Gottlos! ein schreckliches Wort. Bin ich es? Antworte mir darauf. – Dieser verehrungswürdige Mann, diese herrliche Frau schaudern vielleicht vor mir zusammen, sie beten vielleicht für mich, für den armen Sünder, denn in ihren Augen giebt es keine größere Sünde, als gottlos zu sein. Aber ich protestire, ich bin es nicht! An jenem Tage wurde der wunde Punkt nicht auf das Leiseste mehr berührt, doch fühlte ich mich unbehaglich und ging bald. Im Zimmer hatte ich nicht Ruhe, ich ging hinaus, durchstreifte den Wald, das Feld, kam, ohne es beabsichtigt zu haben, in die Nähe des Kirchhofs und stand an den Gräbern der Eltern. Mutters weißes Marmorkreuz sah mich matt an, es war mir, als spräche es traurig: gottlos, armer Sohn! – »Nein!« rief ich, beugte mich und küßte das Grab. Julchen fiel mir ein. Sie ist eine Dienerin des Gottes, den ich nicht kenne. Aufgeregt, wie ich war, sehnte ich mich ihre Meinung zu hören, ich wollte sie schon geschickt herauslocken, ohne mir eine Blöße zu geben; es braucht nicht alle Welt zu wissen, daß ich gottlos bin! –
Ich ging dem Hause zu. Ihr Stübchen liegt zu ebner Erde, ich kann es vorübergehend übersehen. Ich warf einen Blick hinein und sah mit Unmuth, daß sie nicht allein war, Cäcilie war bei ihr. Als ich jedoch das junge Mädchen erkannte, kam etwas wie Segen über mich, es wurde stille, ganz stille in mir, jetzt wieder – unerklärliche Wonne! –
Ich blieb stehen und sah hinein, hören konnte ich nichts, wollte auch nicht, und gesehen konnte ich auch nicht werden. Es war Dämmerung und Julchen lag auf dem Sopha von vielen Kissen unterstützt, vor ihr, mit den Knien auf dem Estrich, Dielen sind für das Hospital Luxus, kniete das bleiche Kind, und drückte abwechselnd bald die eine, bald die andere Hand auf die Stirn der Kranken. Es war ein rührendes Bild. – Nein Pauline, ich bin gewiß nicht gottlos, sieh, als ich wieder zwischen den Gräbern hinschritt, bat ich Mutter, Gott um den schönsten Segen für das stille Kind anzuflehn, und dieser Wunsch kam aus tiefstem Herzen, ich muß also glauben, trotz der vielen Wenns und Abers des Verstandes.