Es ist mir ein süßer Gedanke, Cäcilien unter den Schutz meiner Mutter gestellt zu haben. –
Gute Nacht, Schwester; ich habe eben am Fenster gestanden und auf die ruhende Welt hinabgeschaut, der Mond hält oben Wacht, es ist sehr schön draußen. Mein Herz ist in wunderbarer Aufregung, nie habe ich mich so ernstlich gefragt, ob ich Gott glaube, ob ich gottlos bin. Wie kam es, daß diese Frage mein Inneres so in Aufruhr gebracht hat? Das Verstummen zweier Menschen hats vermocht, zweier Menschen, die ich hochschätze. Wenn es einen persönlichen Gott giebt, Pauline, dann muß er eine unausdenkbare Größe sein. Denk Dir eine Macht, welche die Welt, die Natur in dieser wunderbaren Ordnung erhält, denke diesen raffinirten Naturgesetzen nach, denke Dir dazu eine Liebe, welche dies Alles erschaffen hat und erhält für Geschöpfe, die ihn verneinen, verhöhnen; ist ein Gott, so ist mir nicht bange, Gott wird und muß am größesten im Verzeihen sein. Es ist ein wonnereicher Gedanke: Gott. Entweder beginnt nun für mich ein besonders reiches Leben, oder ein sehr ödes, kaltes. Meine Seele ist nun einmal von einem Verlangen erfaßt, diesmal kann es nur Gott befriedigen.
Justus.
Den 3. September.
Die kleine Johanne ist an den Masern erkrankt, die Gäste haben das Schloß verlassen, und ich treibe mich umher, denn das Bild der Gräfin ruht natürlich, sie verläßt die Kleine nicht, um sich in Kostüm zu werfen und mir zu sitzen. Der Graf ist vielbeschäftigt, unsere Unterhaltung bei Tisch ist einsilbiger und dreht sich meist um die kleine Kranke. – Ich erwarte Deinen Brief mit Spannung, aber nicht mehr mit der fieberhaften Unruhe wie Anfangs: ich weiß was ist, und fühle mich wohl dabei. –
Berga hat mir einen Gruß für Dich aufgetragen. Ida schalt sie dafür, sie sollte nicht zudringlich sein. »Sie meint es ja ganz gut in ihrer Weise, Ida,« sagte Cäcilie sanft, »es ist wirklich nichts Unrechtes dabei.«
Ida warf den Kopf sehr auf und erwiderte, Cäcilie scheine heute sehr gnädig zu sein, gestern habe sie Berga über ein ganz unschuldig hingeworfenes Wort eine lange Strafpredigt gehalten. Ich war gespannt, zu erfahren, was das für ein Wort gewesen sein mochte und fragte mein Pathchen. »Herr Jesus,« antwortete sie und senkte den Kopf ganz beschämt. – »Sie thuts nicht wieder,« versicherte Burga, »es thut ihr selbst leid.« –
Cäcilie sprach kein Wort weiter darüber, ich dachte aber, was würde Cäcilie sagen, wenn sie in meiner Seele lesen könnte. Später waren wir im Garten und ich wurde fortwährend von der Versuchung gepeinigt, Cäcilien zu fragen, was sie von mir denke, nur wartete ich auf eine günstige Gelegenheit dazu. Endlich waren wir einmal mitten in einem Laubengange allein und ich fragte mit dürren Worten: »liebes Pathchen, bin ich ein guter Mensch?«
»Ich bin Ihre Pathin nicht,« erwiederte das junge Mädchen sehr ernst, »ich war weder Zeugin Ihrer Taufe noch – fügte sie leise hinzu – Ihrer Wiedergeburt.«
Ist das nicht streng von solchem kleinen Mädchen von siebzehn Jahren, das so sanfte Züge hat? – es kränkte mich auch etwas, aber es verdroß mich nicht.