Ein unerhört langer Brief. Ich habe mehrere Abende daran geschrieben, that es aber recht gern. Schade daß Du die Augen nicht dazu siehst, die mir dabei oft vorschwebten. In diesen Augen spiegeln sich treu alle Gefühle: Besorgniß, Trauer, Hoffnung, Beifall, Andacht, nur eins sah ich noch nicht darin, werde es auch wohl nie sehen. Zuweilen senken sich auch diese Augen beharrlich, dann möchte ich erst recht wissen, was sie zu verbergen sich bemühen. – Lebe wohl.

Dein Justus.

Am 6. März.

Dank für Deinen lieben Brief, besonders für die Stelle, welche meine Frage so schön beantwortet. Gemeinsames Streben also, Ein Zier, Ein Glaube, Eine Liebe, Eine Hoffnung verwischen alle sonstige Verschiedenheit und bedecken der Flecken Menge. Ein Streben – ja das ist vorhanden, zur höchsten Klarheit, aber Glaube, Liebe, Hoffnung, darin erscheint sie mir vollendet, und ich bin nur ein schüchterner Anfänger darin; es ist nicht unmännlich, die Wahrheit zu gestehen, sie mag heißen, wie sie will. –

Ich werde jetzt stark in Versuchung geführt, etwas zu wagen: unser elterliches Haus soll verkauft werden, aber es ist nur eine Versuchung Unruhe und Schmerzen hervorzurufen, ich will mich davon losreißen. – Dienstag über acht Tage werde ich abreisen, dann fährt der Graf nach Berlin und ich mit ihm. Vielleicht ist dies also der letzte Brief aus Burgwall, er soll Dir innige, treue Grüße bringen. –

Den 15. März.

Der Brief liegt noch, die letzte Zeit war voller Unruhe, nun will ich aber unsere Burgwaller Correspondenz schließen. Auf morgen früh ist die Abreise festgesetzt, der Koffer ist gepackt und die leidigen Visiten sind überstanden, nur Bernwachts und Julchen habe ich noch aufgespart, die sind für sich. – Cäcilie ist seit einiger Zeit leidend, möglich, daß ich sie nur noch auf Augenblicke sehe. Ich liebe das junge Mädchen, Pauline, es ist keine Phantasie, keine Passion, es ist ein unwiderstehlicher Zug des Herzens, der mich an sie fesselt, ich fühle das jetzt mit einer Klarheit, die mir den Abschied sehr schwer, aber ganz unumgänglich nothwendig macht. – Das Kind ist so zart, wenn sie stürbe! Ich zittere bei dem Gedanken. Wüßte sie, daß ich leide, dann würde sie traurig werden, trauriger muß ich sagen, denn in ihrem leidenden Zustande sieht sie matt und angegriffen aus, auch seelenmatt, sie lächelt viel seltener als sonst, aber ihr würde auch unheimlich dabei, denn sie kennt ja keine Liebe, die Schmerzen bereitet. Sie sei Gott empfohlen, Seine Engel werden sie beschirmen. –

Ich werde nun in die Stadt gehen, auch auf den Friedhof, und will für Dich ein Epheublatt mitbringen vom Grabe der Mutter. –

Sobald ich kann, werde ich Dich aufsuchen. Die Zukunft sieht mich allzuschaal und nüchtern an, kaum mag ich an sie denken. Lebe wohl!

Justus.