Gestern Abend bin ich bei Julchen Hermann gewesen und habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Sie ist das, was Du eine echte Christin nennen würdest, liebreich, dienstfertig, freudig, genügsam, Alles »um des Herrn willen,« wie es auf ihrer heitern Stirn und in den großen grauen Augen klar steht. Ein religiöses Gespräch mit ihr anzuknüpfen, bedarf weiter keines Vorbedachtes, man kann nur nach einem Warum ihres Thuns fragen und man hat, was man will. Die Seligkeit, ihre und anderer Menschen, ist ihr Hauptgedanke, und sie ist der eignen so sicher, daß sie sich unter den Gräbern ringsum, und in der Gesellschaft eines Dutzend alter, einfältiger Weiber sogar schon wie im Vorhofe des Himmels fühlt. Ihre Sicherheit reizte mich mehr, als Du Dir vielleicht denken kannst, und ich ließ mich von meiner Heftigkeit zu Entgegnungen hinreißen, deren ich mich bei kaltem Blute schäme. »Toben Sie nur,« sagte sie ganz siegesgewiß und mit dem gütigsten Lächeln, »dieser Eifer ist mir ganz angenehm, er ist das Geschrei des angegriffenen alten Menschen, der alte Adam fürchtet überwunden zu werden.«

»Ich bitte Sie, bestes Julchen,« rief ich anmuthig, »verschonen Sie mich mit diesen abgeschmackten, Ihrer ganz unwürdigen Redensarten, – alter Adam!«

»Fleischeswille, wenn Sie das lieber hören,« erwiederte sie ganz gelassen.

»Was will denn mein Fleisch?« fragte ich lachend.

»Herrschen, das Sinnliche, die Erde mit ihren Freuden zum Abgott machen.«

»Ich denke nicht daran,« betheuerte ich.

»Sie thaten es aber, und thun es noch,« beharrte sie. –

Ich bat sie, mich dieser Anschuldigung zu überführen, allein sie meinte, es sei wohl besser, ich thäte das selbst, sie verstehe vom Disputiren wenig. Sie wisse das aber ganz gewiß, daß sie ohne Christus nicht bestehen könne, daß sie nur an seiner Hand auf Erden wandeln und im Himmel selig sein könne. Auf meine Aeußerung solche Ansichten seien Schwärmerei, schüttelte sie den Kopf und fragte mich, ob ich denn allen Ernstes glaube, den Himmel verdient zu haben? – »Verdient,« sagte ich ihr, »zwar gerade nicht, aber für wen er denn sein solle, wenn nicht für Menschen, die ein richtiges Leben geführt hätten, ich sei kein Grausamer, kein Lüstling u. s. w.«

»Sie meinen, Sie haben die Gebote gehalten?« fragte sie.

»Gewiß,« behauptete ich. –