Es erfolgte eine lange Pause, dann sagte sie: »In diesem Falle haben Sie den Himmel verdient; ich kann das von mir nicht sagen, ich habe keines der Gebote gehalten.«
Ihr Ton war bei diesem demüthigen Bekenntniß ganz ruhig, ich fühlte, sie sprach ihres Herzens Meinung aus. Desto größer war mein Staunen. Julchen Hermann gilt allgemein als eins der vortrefflichsten Wesen, unsere Mutter war ihre Freundin, ihr ganzes langes Leben wird musterhaft genannt und sie sagt, sie habe alle Gebote übertreten. Ich dachte an das fünfte, das sechste, das siebente. »Das ist Selbstverblendung,« rief ich, »die ganze Stadt würde Ihnen widersprechen!«
»Das ist Selbsterkenntniß,« entgegnete sie, »was weiß die Stadt von meiner Herzensgeschichte, und das Herz ist der Heerd, der stille, heimliche Heerd der geschehenen und ungeschehenen nur gewollten Thaten, die vor Gott alle gleich sind. Das Wort »Du sollst nicht begehren« steht in gleicher Reihe mit dem »Du sollst nicht fluchen, stehlen« u. s. w. Was die Stadt nicht weiß, soll Ihrer Mutter Sohn erfahren, und so hören Sie denn etwas aus dem Leben einer alten, unbescholtenen Jungfrau, und sehen Sie hinein wie in einen Spiegel, lieber Justus.« –
Die Erzählung, welche ich Dir gewiß mittheilen darf, da Du meiner Mutter Tochter bist, hat einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Es wird mir nicht schwer werden, sie Dir ziemlich getreu mit Julchens eigenen Worten zu überliefern, das Ganze ist mir lebendig gegenwärtig.
Aus Julchen Hermanns Leben.
»So weit ich zurückdenken kann, ist es unverdiente Liebe, welche mich gepflegt, gehütet und geführt hat. Meine Mutter haben Sie gekannt, sie war einzig in ihrer Art, ich könnte stundenlang von ihren Eigenschaften reden, und hätte sie doch nicht vollständig geschildert. In ihren frühern Jahren war sie sehr lebendig und hat sich ihre geistige Frische auch bis ins höchste Alter erhalten, Sie müssen sich noch erinnern können, wie eindringlich all ihre Worte und wie ausdrucksvoll ihr Mienenspiel und all ihre Bewegungen waren. Mutters Worte hatten stets die größte Gewalt über mich. – Mein lieber Vater war Geschäftsmann und hatte für meines Bruders und meine Erziehung nur wenig Zeit übrig, Mutter nahm uns also ganz unter ihre Leitung, und so war ich denn schon früh so glücklich das Gute in seiner Schönheit kennen, es lieben zu lernen, von Kind an war ich unsers himmlischen Schöpfers und seines Sohnes Eigenthum, das er vor tausend Gefahren von seinen Engeln bewachen ließ. Aber trotz dieser Leitung, trotz dieses Schutzes, trotz meiner Liebe zu dem Heiligen, habe ich oft tiefes Leid über meine Sündhaftigkeit tragen müssen, sie steckt zu tief, glauben Sie, wir werden ihrer erst ledig, wenn die Hülle zerbricht.«
»Als mein Vater starb, der nur ein geringes Vermögen hinterließ, war mein Bruder auf dem Gymnasium, und ich ein Mädchen von sechszehn Jahren. Mein Bruder Leopold war sehr befähigt und Mutter und ich wünschten beide sehr, er möchte Theologie studiren, kein Opfer, welches wir uns zur Förderung dieses Zweckes auferlegten, schien uns zu schwer, wir entbehrten mit Freudigkeit und freuten uns über jede neue Bestellung an Näh- und Stickarbeiten, deren Ertrag für den Bruder zurückgelegt wurde. Leopold kam wirklich zur Universität und erleichterte Mutter den kostspieligen Unterhalt durch Stundengeben, so daß vorauszusehen war, es werde Alles gut gehen. Daß wir's an Bitten bei der rechten Behörde nicht fehlen ließen, können Sie sich denken – aber Leopold irrte ab. Er trieb es sehr, sehr schlimm, mit der Theologie war es aus, er kam zu Haus und es sollte nun überlegt werden, was nun aus ihm werden könne. Ehe er ankam, war ich in der vortrefflichsten Stimmung, es war nicht schwer, neben der Mutter das Rechte zu finden: ich hatte nicht zu richten, sondern nur zu beten und zu bitten, auch konnte ich meinem lieben Herrn beweisen, bis zu welchem Grade von Sanftmuth ich es gebracht hatte, ich wollte mit schwesterlicher Liebe den zu halten suchen, der unbrüderlich den Lohn meines anhaltenden Fleißes verpraßt hatte, nur Lächeln anstatt Thränen zeigen.«
»Alles gelang, bis Leopold auch in seiner Heimath das schreckliche Leben wieder begann, und die traurigsten Excesse unter unsern Augen verübte, obgleich Mutter alles Mögliche, was seine Verblendung zerstören konnte, anwendete, obgleich ich, nach meiner Meinung, mit der überzeugendsten Klarheit auseinandersetzte, daß der von ihm eingeschlagene Weg einzig in den Abgrund bodenloser Verderbtheit und Unheiles führen müsse. Er wollte also nicht! Nun war es aus mit meiner großen, schönen Liebe, mit meiner Sanftmuth, da glaubte ich entschieden die Grenze zwischen ihm und mir gezogen, ich wendete mich kalt von ihm ab und betrachtete ihn mit dem Blicke der Verachtung. Mein Herz litt unsäglich dabei, aber ich hüllte mich in ein stolzes Schweigen, den Bruder vermeidend, die Mutter auffordernd, ihn zu lassen, wie ich es gethan, in mir den Ersatz zu suchen. Ja, ich wagte das Unglaubliche, ich war so stolz in meiner Tugend, die mich so hoch über den Bruder stellte – aber Mutter hatte keine Antwort dafür, sie sah mich nur an, stumm und verwundert, schmerzlich befremdet.« –
»Am Abende dieses Tages brachten Jünglinge den Leichnam meines Bruders, aber Gott sei gepriesen! er hatte sich nicht selbst entleibt, wie es mir bei dem ersten Anblicke qualvoll durch die Seele fuhr, er war verunglückt.« –
Julchen schwieg einige Augenblicke, aber bald gefaßt, fuhr sie fort: