»Ist es gewiß, daß mein abstoßendes Wesen nicht Ursach war, daß mein Bruder gerade an diesem Tage das Haus verließ, draußen umherirrte? – Hatte ich nicht jedenfalls Mutters Liebe von dem Unglücklichen zu reißen gesucht, hatte ich nicht Uebels von ihm geredet, während ich »ihn entschuldigen sollte und Alles zum Besten kehren!« –
»Meiner Mutter Haupt richtete sich früher empor als das meinige, sie hatte ein gutes Gewissen. Aber sie tröstete mich mit liebevollen Worten, erinnerte mich an Gottes Weisheit und Güte, die Alles voraussieht, immer wacht, gern verzeiht, und hob mein, in der Seelenqual gesunkenes Vertrauen zu dem, der das zerbrochene Rohr nicht knickt und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Durch Gottes und ihre Hülfe wurde ich wieder ruhiger, ich drückte die Hände meiner Freundinnen wieder wärmer, als in der Zeit des Elends. Viel Worte des Lobes und der Bewunderung wurden in jener Zeit über mich gesprochen, die öffentliche Meinung überschreitet leicht das Maaß, im Tadel wie im Lobe, man hinterbrachte sie mir, mich zu erfreuen, aber ich verbarg mich schamroth vor den kurzsichtigen Beobachtern. Die freundliche Aufnahme und Vertheidigung, die Leopold Anfangs bei mir gefunden hatte, dokumentirten aufs Neue mein vortreffliches Herz, meine spätere Kälte war untrüglicher Beweis meiner reinen Tugendhaftigkeit, die mit dem Unreinen durchaus keine Gemeinschaft haben könne, und dann, mein unverkennbar tiefer Schmerz nach Leopolds Tode – wie rührend erschien er der Welt, mit welcher Zartheit begegnete man mir seinetwegen!«
»Jahre verstrichen, ich war zwei und zwanzig Jahre alt geworden, und Gott hatte mir ein Glück geschenkt, das in seinem Umfange vorher nicht zu ahnen ist: ich meine die Liebe eines Freundes, in dessen Gemeinschaft uns die Welt verschwindet, wir uns nur selig vor dem Herrn aller Liebe fühlen. Mein Freund war unendlich mehr als ich, aber ich verstand ihn. Ich staunte über den Reichthum des innerlichen Lebens, den er mir erst zugänglich gemacht hatte; er war der Engel der mir lächelnd unser seliges Endziel und alle Hindernisse auf dem Wege dahin im Lichte der überwindenden Kraft der Gnade zeigte. Ich bin jetzt ein altes Mädchen, aber wenn ich von ihm spreche, so verkörpere ich nur ein freudiges Hallen der ihn feiernden Seele; ich liebe ihn noch, und freue mich ihm entgegen, aber staunen Sie, Niemand weiß es: ich wurde ihm ungetreu.«
»Gott nahm ihn mir früh, ich sah ihn begraben; aber an seinem Grabe sprach ich das Gelübde aus, einsam meinen Weg zu wandeln; Keiner sollte so Theil an mir haben, wie er, Niemand so meine Theilnahme, mein Vertrauen, meine Freundschaft besitzen; er sollte mein Leitstern bleiben, bis wir wieder bei Gott vereint sein würden.«
»In diesem Gelübde fand ich neue Kraft, ich hatte die Süßigkeit der innigsten Gemeinschaft zweier Herzen kennen gelernt und wollte, das vielleicht lange Leben hindurch, darauf verzichten; wollte mich mit der sekundairen, laueren Freundschaft derer begnügen, die mein Herz nur oberflächlich kannten, und in andern Verbindungen größere Befriedigung fanden.«
»Meine Sehnsucht und Trauer war groß, ich habe Jahre lang viel gelitten, mehr als ein Christenherz um einen Heimgegangenen leiden sollte. Endlich erhob ich mich, mit Gottes Hülfe, zu größerer Klarheit, ich empfand wieder Freude bei seinem Andenken, ich freute mich in seinem Sinne handeln zu können, richtete meine Blicke und mein Herz wieder fester zu den Höhen, von wannen die Hülfe kommt. – Da starb Mutter und ich war ganz verwaist. Es ist sehr schwer allein zu stehn, wenn man ein warmes Herz hat. Es fehlt freilich nie an Gelegenheiten zum Gutesthun, aber unsere Liebesthaten werden da unendlich wohlthätiger wirken, wo die Liebe sie empfängt; man will auch nicht verschwenden, weil man weiß, wie glücklich Liebe machen kann. Fühlen Sie, wie es kam, daß die welche als ein Muster felsenfester Treue galt, allmählig die Wünsche hegte, mit ihrem tiefsten Seyn, sich an ein anderes lebendes Wesen zu schließen, fühlen Sie aber auch die Kämpfe, Selbstanklagen und welches Verzagen diese arme Seele erschütterten? Der geistige Bund, die geistige Ehe, wenn Sie wollen, war entweihet, auf welche Tugend durfte ich noch bauen, wenn nicht auf diese Treue, auf mein freiwilliges Gelübde der feurigsten dankerfülltesten Liebe? – Auf keine Tugend, keine Kraft war zu rechnen, in mir war kein Halt.«
»Was giebt mir nun den Muth mich dem Himmel und meinem Freunde dennoch entgegen zu freuen?« fuhr die Erzählerin fort, »ich will es Ihnen sagen. Kennen Sie noch Worte wie diese: »Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, und saget den verzagten Herzen, seid getrost, fürchtet euch nicht; ich bin der Herr dein Arzt; selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet – wendet euch zu mir, so werdet ihr selig – die Liebe decket der Sünden Menge – verlasset euch auf den Herrn ewiglich – durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!«
»Jetzt bin ich stark im Glauben, ich bin auch selig in Liebe und Hoffnung.«
Das treffliche Mädchen schwieg und sah mich mit den leuchtenden Augen ihrer Mutter an. Ich küßte ihre Hand.
»Haben Sie wirklich alle Gebote gehalten?« fragte sie.