Da, eines Nachts, als wieder Frühlingsstürme das Häuschen umbrausten, erwachte Gisela. Erschrocken setzte sie sich im Bette auf und lauschte. »Mach' auf! Mach' auf!« tönte es vom Fenster her. »Ich bringe Dir mein neues Geschenk und hole mir mein Krönlein. Mach' auf!« Da sprang Gisela ans Fenster und öffnete und fühlte in ihren Armen die kühle, schäumende Woge, die wie damals zum Fenster hineinhüpfte.
Zitternd nahm sie die versprochene Gabe entgegen. Ein köstlicher, leuchtend weißer Schleier legte sich um ihre Schultern. Sie eilte zum Spiegel und betrachtete sich und gefiel sich sehr. Da streifte ihr Blick das Krönlein. Das sollte sie nun hergeben! Nein, so schön war der Schleier denn doch nicht, daß sie das Krönlein dafür opfern mochte!
Unterdessen griff die Woge mit sehnsüchtigen Händen ins Kämmerlein hinein und schluchzte: »Nun gieb es mir wieder und behalte den Schleier. Ist er nicht schön?« »Nein,« erwiederte Gisela, »um den Schleier gebe ich die Krone nicht zurück. Bringe mir etwas viel, viel Schöneres« und legte den Schleier in die weißen Hände der Woge. Seufzend sank diese in die Tiefe des Flußbettes zurück. Gisela aber stand im Schmucke ihres Krönleins vor dem Spiegel. Als die Sommersonne strahlte – der Herbst die Bäume im Gärtchen mit goldenen Aepfeln behing – der Winter vor die Fensterscheiben weiße Spitzenvorhänge zauberte, immer war es des Mädchens größte Freude, sich mit dem Krönlein zu schmücken.
Und wieder ward es Frühling. Der Fluß schwoll an und leichtfüßig hüpfte die Woge an der Hausmauer hinauf zu Giselas Fensterchen. Diesmal brachte sie einen Arm voll der herrlichsten, seltensten Blüten, wie sie nur hoch oben in den Bergen gedeihen, zum Angebinde und forderte flehend ihr Krönlein dafür. Aber Gisela gab es auch diesmal nicht her – so lieblich die Blüten lockten. Wehklagend sank die Woge mit ihrer Blütenlast wieder hinab. Gisela aber glaubte nicht anders, als daß sie ihren Schau nun für Lebenszeit behalten würde, daß ihr die Woge nichts Besseres zu geben hätte.
Und wieder nahte der Frühling. Mit Donnergebrause schoß der Fluß zu Tal, ließ übermütige Wellen über die Ufer hinausspringen. Wieder klopfte Giselas Woge mit zarten Fingern an des Mädchens Kammerfenster und als diese es öffnete, setzte sie vorsichtig und leis ein liebliches Kind, ein Knäblein, auf das Fensterbrett zwischen Nelken- und Rosenstöcke.
Gisela sah es und stand gebannt und konnte den Blick nicht von dem Kinde wenden, das zärtlich die Arme nach ihr ausstreckte.
»Nun gieb mir aber mein Krönlein!« bat die Woge. »Besseres kann ich Dir ja niemals bringen.«
Da fühlte Gisela tief im Herzen, wie recht die Woge hatte. Daß dies Kindlein sie so glücklich machen würde wie sonst nichts auf dieser Erde. Ohne Besinnen nahm sie das Krönlein vom Tische und setzte es der Woge wieder aufs Haupt. Mit einem Jubellaut sank diese in die Tiefe zurück und winkte glückselig zu den beiden hinauf, die ihr lachend nachschauten. Dann nahm Gisela das Bübchen auf den Schoß und sah ihm tief in die leuchtenden Blauaugen und küßte seinen roten Mund. Noch nie im Leben war ihr so wohl ums Herz gewesen. »Bübchen,« sprach sie, »woher kommst Du denn?« Und das Kind erzählte, daß es aus dem »schönen Hause« zwischen den silbernen Bächen käme. Daß sie zu Hause alle »Die Schönsten« hießen. Daß es am Bache gespielt hätte, ehe die Woge es davon getragen. Da kam Erinnerung über Gisela und sie erbleichte. Das »schöne Haus«, »die Schönsten«! Auch sie war ja dort und zwischen ihnen gewesen bevor sie in der Nacht hierhergebracht worden. Mit zitternder Stimme fragte sie: »Sag, mein Kleiner, wieviele Geschwister seid Ihr denn im »schönen Hause«?«
»Fünf«, krähte der Kleine, »aber«, flüsterte er dicht an Giselas Ohr, »wir haben noch eine Schwester gehabt. Gisela hat sie geheißen. Die haben die Eltern weit, weit fortgeschickt, weil sie so sehr, sehr häßlich ist. Das darfst du aber niemandem erzählen, hörst du. Die Eltern dürfen nie wissen, daß ich es weiß. Unsere alte Wärterin hat mir's erzählt, einmal als sie sehr böse war auf unsere schöne Mutter.«
»Weil sie so häßlich war« klang es weiter in Giselas Ohr. »So häßlich.«