Das Kind auf dem Arm ging sie zum Spiegel. »Ja«, dachte sie, »häßlich bin ich, das sehe ich jetzt neben dem schönen, schönen Brüderlein.« Aber, daß die Eltern sie darum nicht bei sich behalten hatten – das tat so weh, so bitter weh.
Bitterlich mußte sie schluchzen und große Tränen liefen über ihre Wangen.
Da legte das Brüderlein beide Arme um ihren Hals und sprach: »Nicht weinen, Schwesterlein, ich hab' dich ja so lieb – so lieb«.
Gisela mußte trotz ihres Kummers lächeln vor Freude und sie küßte das Kind und fragte: »Lieb hast Du mich? Bin ich denn nicht zu häßlich zum liebhaben?«
»Häßlich?« lachte der Kleine, »Du bist doch nicht häßlich. Du bist doch so gut.«
Und das Mädchen erzählte dem Kinde, daß es seine unbekannte Schwester sei und daß sie es nun gleich zu den Eltern zurückbringen würde. Im »schönen Hause« verlebten sie unterdessen Stunden der größten Angst und Sorge. Die Eltern suchten überall vergeblich nach ihrem Liebling – in den Bächen, im Fluß, in den Felsspalten des Gebirges.
Da verzweifelten sie und in ihrem Jammer gedachten sie ihrer verstoßenen Tochter und meinten, der Verlust des Knaben sei wohl die Strafe für das an ihr begangene Unrecht. Und sie weinten bitterlich. Anderen Tages, als die ganze Familie trauernd versammelt war, öffnete sich leise die Tür und herein trat ein großes, unschönes Mädchen.
»Gisela!« riefen die Eltern und eilten ihr entgegen. »Gisela, unsere Tochter! Dich schickt Gott zur rechten Zeit um mit uns zu weinen um unser goldlockiges Kind. Komm und vergieb, daß wir aus törichter Eitelkeit so unrecht an Dir handelten.«
Da stammelte das Mädchen: »Ich habe Euch vergeben. Aber nicht um mit Euch zu weinen, bin ich gekommen. Freuen will ich mich mit Euch und dann wieder gehen.«
Gisela öffnete die Tür und führte den staunenden Eltern das Brüderlein zu. Da gab es ein Jubeln und Jauchzen und Schluchzen der Freude und Gisela mußte erzählen, wie sich alles zugetragen hatte.