Dann kamen die trüben Wintertage, da konnte der kleine Max nicht mehr vor der Türe im Sonnenschein mit Ringelblumen und Kieselsteinen spielen. Da mußte er im Zimmer bleiben und langweilte sich. Das sah Gevatter Langbein und dachte ernstlich nach, wie er dem Kinde Unterhaltung verschaffen könnte. Endlich reiste er heimlich ab und ging auf die Suche nach schönem, blinkendem Spielzeug. Am Weihnachtsabend, als der Christbaum brannte, war auch der Gevatter plötzlich wieder da und trug in seinem Schnabel ein Körbchen mit den herrlichsten Geschenken: Bretzeln, Zinnsoldaten, Hampelmänner, Trompeten, – alles lag in dem Körbchen und war für Mäxchen bestimmt. Das war ein Jubel ohne Ende und auch Langbein konnte sich vor Freude gar nicht lassen und sprang fröhlich klappernd auf seinen langen Stelzbeinen im Zimmer umher. Langbein hatte den kleinen Jungen eben allzu lieb. Darum war er auch nicht wie die anderen Störche im Herbst in südliche Länder gezogen. Er konnte sich von dem Kinde nicht trennen. Nun hatte Mäxchen Beschäftigung genug mit all den schönen Sachen. Die Bretzeln waren bald aufgezehrt, aber mit dem Hampelmann und den Soldaten ließ es sich zu schön spielen, und in die Trompete blies er mit vollen Backen wenn er auf Langbeins Rücken im Stübchen umherritt. Taterata!!

Endlich aber hatte auch diese Freude ein Ende. Der Hampelmann wurde zu alt und humpelte nicht mehr. Die Soldaten hatten im Kriege Köpfe, Arme und Beine verloren. Die Trompete hatte keine lustigen Töne mehr im Bauch, so sehr Mäxlein auch die Backen aufblies und hineintutete. Da weinte das Kind bitterlich. Das konnte der Gevatter nicht mit ansehen und ging schnell wieder auf Reisen. Weit, weit flog er bis in die Hauptstadt des Landes. Da sah er in den Schaufenstern der herrlichen Läden viel schönes Spielzeug, aber es sah alles so zerbrechlich aus. Das würde doch wieder nicht lange halten, meinte er. Er suchte nach etwas ganz besonders Schönem, Unzerbrechlichem. –

Im Schlosse sollte abends das Ordensfest stattfinden – das einzige Fest, das seit dem Tode des kleinen Kronprinzen noch gefeiert wurde. Da wurden die prachtvollen Säle gekehrt, geschrubbt, gebohnt, daß sie abends schön sauber wären, und nach langer Zeit wieder zum ersten Male die Fenster zum Lüften geöffnet.

Neugierig umflog Gevatter Langbein das weite Schloß und blickte zu den Fenstern hinein. Was er da alles sah, blendete ihn schier. Das Schönste aber war ein blinkender, edelsteinleuchtender, goldener Gegenstand, der auf purpurrotem Kissen lag. Das war etwas für Mäxchen! Das mußte er haben. Leise, leise huschte Langbein durchs Fenster hinein, ergriff die leuchtende Königskrone und flog mit ihr in hohem Bogen weit über Seen, Flüsse und Berge zum Dorfe zurück. Nun hatte Mäxchen ein Spielzeug wie keines der anderen Kinder eines besaß, und unzerbrechlich war es auch, so viel er es auf dem Fußboden auch hin- und hertrudelte. Im Königsschlosse herrschte unterdessen die größte Unruhe. Die Krone war spurlos verschwunden. Laut jammernd liefen die Minister umher und heimlich flüsterten sie untereinander: »Das bedeutet das Ende! Unser Königreich ist verloren!«

Nur wenige, sehr alte Männer lächelten geheimnisvoll, gingen zur Königin und sprachen: »Gedenket der alten Weissagung, vielteure Landesmutter. – Das Kindlein, in dessen Schoße die Königskrone gefunden wird, soll König werden. Und es wird ein Wunder geschehen. Gedenket dessen wohl und lasset nun im ganzen Lande nach diesem Kinde suchen. Der Verlust der Krone bedeutet uns Glück – nicht Unglück.«

Da sandte die Königin berittene Boten aus, daß sie nach dem zukünftigen Könige forschten. Lange Zeit geschah es vergebens. Schon war der Sommer wieder ins Land gezogen und Königin und Volk wollten gerade die Hoffnung auf Erfüllung ihrer Sehnsucht aufgeben. – Da geschah das Wunderbare: Ein kleines Häuflein von den Abgesandten der Königin ritt durch ein Dörflein und kam am Ende desselben vor eine arme Hütte. Da sahen die Männer ein eigenartiges Bild. Auf der Schwelle des Hauses saß ein kleiner Knabe und hielt einen blanken Gegenstand im Schoß. Neben dem Kinde aber stand gravitätisch auf einem Bein ein alter, schwarzer Storch und sah den Nahenden neugierig entgegen. –

Die fürchteten sich aber keineswegs vor dem großen Vogel, stiegen von den Pferden, traten näher und schlugen vor Freuden die Hände über dem Kopf zusammen. Da war sie ja endlich, die verschwundene Krone! Und wie es seit Jahrhunderten vorausgesagt worden war, lag sie im Schoße eines Kindleins, eines Knäbleins. Einer der Männer hob Mäxlein vom Boden auf, setzte ihm die Krone auf seinen dicken, blonden Lockenkopf und alle riefen nun laut: »Hoch lebe unser kleiner Kronprinz, unser zukünftiger König!«