Am nächsten Tage lag Friedel im Garten auf dem Rasen und träumte in die blaue Luft hinein, in der die Schwälblein munter singend hin und her huschten. Aber er hörte nicht auf ihren Gesang. Er war in Gedanken wie so oft mit Mütterleins Lied beschäftigt und summte erst leise, dann immer lauter die ihm bekannten Töne, und es war, als wenn das Lied eine Leiter wäre, auf der er höher, immer höher zum Mütterlein steigen könnte. Aber plötzlich konnte er nicht weiter, das Lied brach mitten drin ab, die Leiter war zu Ende. Vor Kummer schlug er nach den Blumen im Grase und biß mit den Zähnen in die Halme. Endlich aber blickte er wieder unverwandt sehnsüchtig in die Wolken hinauf. Da bemerkte er über sich die langen Linien der Telephondrähte und wünschte in seinem Herzen, daß solch ein Draht doch auch in den Himmel hinaufführen möge. Wie schön wäre das! Dann würde er den ganzen Tag über mit Mutter telephonieren und den Hörer gewiß erst wieder anhängen, wenn es Abend wäre und er ins Bett müßte.

Er konnte den Blick nicht von den blanken Drähten abwenden, auf denen sich eben die Schwälblein niederließen. Nun saßen sie einzeln und in kleinen Gesellschaften beieinander im Sonnenschein und rührten sich nicht, und sangen nicht. Ordentlich feierlich still war es in der Luft. Gebannt hing Friedels Blick an all den schwarzen Punkten auf den dünnen Linien.

»Ei, das sind ja richtige Noten,« rief er aus und sprang vom Boden auf. »Das ist ja, das ist ja!« Jetzt sang er selig die Noten nach. Dann klatschte er in die Hände und jubelte laut: »Das ist ja Mutters Lied!« Und die Vöglein saßen ganz still, bis Friedel das Lied so oft gesungen hatte, daß er es ganz genau kannte. Da winkte er ihnen selig zu und rief: »Habt Dank, habt Dank, Ihr lieben Schwälblein, nun vergesse ich es niemals, niemals wieder!« Und Mutter droben im Himmel war nun ganz glücklich, daß ihr Friedel sich nicht mehr zu grämen brauchte und immer, wenn er sein Liedel so recht von Herzen sang, daß Blumen, Vögel und Menschen ihre Freude daran hatten, stimmte Mütterlein glücklich mit ein, und bald sangen alle Englein im Himmel es mit. Die Schwälblein aber sind zwitschernd von dannen geflogen. Und eines ist an mein Fenster gekommen und hat mir die ganze schöne Geschichte erzählt.


Die Nesselhexe.

Es war im Lande der blauen Sterne. Wohin man blickte, schauten sie vom Boden auf wie Tausende lieber, blauer Kinderaugen. Als wäre ein Stück des Himmels zur Erde gesunken, so sahen die breiten, breiten Felder des Flachses aus, und die Menschen, die ihn gesät hatten, waren glücklich, denn sie wußten nun, daß sie eine reiche Ernte haben würden. Sie waren arme Weber und bauten sich selber den Flachs, aus dem sie die schöne, glatte Leinewand herstellten. Aber die Freude der armen Leute wurde vernichtet. Krieg überzog das Land. Wilde, berittene Soldatenhorden rasten über die Felder, über die blauen Sterne hin und scharfe Pferdehufe zertraten die Hoffnung der Webersleute. Da ging ein Jammern und Wehklagen durch die Hütten. Weinend standen Männer und Weiber vor den zertrampelten Feldern und manch wilder Fluch wurde zum Himmel geschickt. Die sonst fromm und gläubig gewesen waren, zürnten dem Herrgott und verlernten das Beten. Nur die Gret, die junge Witwe, die mit ihren beiden Kindern hinten am Waldesrande in einer winzigen Hütte wohnte, fluchte und jammerte nicht. Sie weinte nur heimlich und still vor sich hin, wenn sie an kommende Tage des Elends und der Not dachte. Auch ging sie fleißig zur Kirche wie bisher und betete zu Gott, daß er ihr helfe und sie und ihre Kleinen vor dem Hungertode bewahre. Abends las sie eifrig in dem Gebetbuche, das sie von ihrer seligen Großmutter geerbt hatte. Eines Tages, als sie es wieder zur Hand nahm und es aufschlug, fand sie darin einen vergilbten Zettel, den sie in den langen, langen Jahren noch niemals gesehen hatte. Auf dem stand von unbekannter Hand geschrieben: »Bete und arbeite«.