Als die Nacht kam, saß die Mutter als schöner, lichter Engel an Friedels Bett und sang ihm das Lied so lange vor, bis auch er es bis zu Ende singen konnte. Wie selig war da Friedel! Aber am Morgen, als er erwachte und sah, daß er ganz allein war und merkte, daß alles nur ein Traum gewesen, versuchte er wenigstens das Liedchen zu singen, wie er es im Traume so schön gekonnt hatte. Da mußte er nun erst recht bitterlich weinen, denn mitten im Gesang blieb er stecken. Den Schluß hatte er wieder vergessen. Oben im Himmel aber saß seine Mutter traurig auf einem Wolkenkissen und dachte darüber nach, wie sie ihren Friedel von seinem Kummer erlösen könnte.

Da vernahm sie ein leises Rauschen in den Lüften, und als sie aus dem Himmelsfenster schaute, sah sie, daß ein feiner Regen zur Erde niederging. »Ihr Regentröpfchen!« sprach sie, »die Ihr die Erde befruchtet, daß sie Blüten und Früchte trägt, die Ihr den Menschen so viel Segen bringt, bringt meinem Friedel das Lied seiner Mutter.«

Und sie neigte sich weit aus dem Himmelsfenster hinaus und sang den Tröpflein ihre Melodie vor.

Die trugen sie hinunter zur Erde und: »Punk – punk! Punk – punk!« hörte es Friedel in die Dachrinne und gegen die Fensterscheiben schlagen und dachte: das klingt mir doch so bekannt – wie ein Lied! –

Daß es das Lied seines Mütterleins war, das verstand er nicht.

Da verzweifelte die Mutter im Himmel und in ihrer Not bat sie den Abendwind, sich ihres Friedels anzunehmen, ihm ihr Schlummerlied vorzusingen. Der lauschte aufmerksam ihrem Gesang und versprach, sein Bestes zu tun.

In den Aesten der großen Linde vor Friedels Zimmerchen rauschte und flüsterte er und hatte keinen Ton des schönen Liedes vergessen. Wohl horchte Friedel auf und dachte: Heute weht der Wind einmal schön! Aber das Lied der Mutter erkannte er nicht.

Da winkte die Mutter einem Zug Schwalben, der am blauen Himmel hin und wieder flog. Die Vöglein kamen gehorsam herbei und ließen sich von dem Leid des schönen Engels erzählen. Dann steckten sie ein Weilchen die Köpfe zusammen und wippten mit den Schwänzen und endlich zwitscherten sie: »Wir erfüllen Deine Bitte ganz gewiß. Wozu nennt man uns denn sonst die Liebesboten? Wenn Friedel auch unseren Gesang nicht versteht – wir machen uns ihm auch anders verständlich. Wir kennen die Welt und ihre Einrichtungen ja so genau. Sei nur ganz ruhig und baue auf uns!«