Das Lied der Mutter.

Friedel war ein lieber, lieber Bub, den alle Leute gut leiden mochten. Immer war er freundlich und lustig wenn er mit seinen Spielkameraden zusammen war. Schon von weitem hörte man sein helles Lachen. Nur, wenn er allein im Zimmer saß, oder in der Laube hinten im Garten, oder am Bach, wo die Fischlein springen, da wurde er oft ganz still und traurig und mußte weinen. Dann dachte er an sein Mütterlein, das er so lieb gehabt hatte, so lieb, wie man gar nicht beschreiben kann, und das nun nicht mehr bei ihm war, weil der liebe Gott es zu sich in den schönen Himmel genommen hatte. Solch ein Mütterlein, wie sein Mütterlein gewesen war, hatte kein anderes Kind das wußte er immer besser, je älter er wurde. So schön war Mutter gewesen, wie ein Engel. Und so herrliche Lieder hatte sie gesungen den ganzen Tag, wie die Vögel im Walde es tuen. Des Abends hatte sie ihn in den Schlaf gesungen mit einem Lied, das war eigentlich gar kein Lied, es war wie ein süßer Hauch. Es hatte keine Worte gehabt – nur Töne, aber nie wieder hatte er ein so schönes Lied gehört. Den Anfang hatte er wohl behalten und summte ihn oft vor sich hin, wenn er ganz allein war. Aber wenn er an eine bestimmte Stelle kam, dann wußte er nicht weiter. Dann quälte er sich und suchte in seinem Kopfe nach den fehlenden Tönen, aber er fand sie nicht und war sehr traurig darüber. Als er größer wurde, zeigte es sich, daß er der Mutter Talent für die Musik geerbt hatte. Mit Leichtigkeit lernte er die Noten, die auf dem Papier die Töne darstellen, und lernte sie auf dem Klavier zu spielen und sie zu singen.

Nun suchte er in allen Musikheften, ob er nicht in einem von ihnen das Lied der Mutter fände. Er suchte, suchte, aber fand es nicht. Da weinte er oft bitterlich.

Das sah nun sein Mütterlein im Himmel droben und hatte keine Ruhe, weil ihr Kind sich so sehr grämte und sie ihm nicht helfen konnte. Darum bat sie den lieben Herrgott: »Bitte, bitte, laß mich nur solange wieder hinunter auf die Erde, bis ich dem Friedel mein Wiegenlied gelehrt habe. Er kann es ja nirgends finden, mein armer Bub. Es steht ja nirgends geschrieben. Ich habe es mir ja selber für ihn ausgedacht.«

Als der liebe Gott den Schmerz der Mutter sah, sprach er: »Dein Sohn soll nicht länger weinen. Schwebe in der Nacht zu ihm hinunter und singe ihm Dein Liedchen vor.«

Ueberselig war da die Mutter und bedankte sich bei Gott Vater.