Was aber alles gute Zureden und alle Liebe der Gret nicht vermochte, das erreichte endlich die liebe Eitelkeit bei den Leuten. Als eines Tages, wie jetzt immer, alle Dorfbewohner in schäbigem, zerfetztem Gewand zur Kirche kamen, erschienen Gret und ihre kleinen Mädchen in herrlichen neuen, seidenglänzenden Kleidern. Da reckten die Leute die Hälse und sperrten vor Neid und Staunen die Mäuler auf und konnten sich nicht sattsehen an den feinen Stoffen. Als der Gottesdienst vorüber war, schlichen sich die Dorfkinder leise an Grets Kinder heran, befühlten ihre feinen Kleider. Und auch die Frauen traten herzu und betrachteten mit großen, glänzenden Augen den Feststaat der Gret. Anderen Tages erschien in Grets Hütte eine eitle Frau, um ihr Geheimnis zu erfragen, am nächsten kamen gar vier und so wurden es immer mehr. Sie sagten, ihre Kinder hätten ihnen keine Ruhe gelassen, sie wollten auch so schön gekleidet gehen. Im Grunde war es aber nur die liebe Eitelkeit, die sie dazu zwang – sie gestanden es nur nicht ein.
So kam es, daß im nächsten Sommer alle Einwohner des Dorfes Brennesseln sammelten, um daraus schöne Stoffe zu machen – daß nun alle Not ein Ende hatte.
Die Gret hieß nun aber nicht mehr »die Nesselhexe«. Sie wurde weit und breit geachtet und geliebt.
Ihr Ziegenböcklein aber, das ihr so viel Glück ins Haus gebracht, hat sie hoch in Ehren gehalten und liebevoll gepflegt bis zu seinem Tode.