Was man ein Sonntagskind nennt, das wißt ihr Kinder ja schon lange und auch, daß ein solches sieht, hört und erlebt, was andere Menschenkinder nicht sehen, hören und erleben.

Heute will ich Euch einmal erzählen, was einem Sonntagskinde an einem schönen Sommermorgen im Walde begegnete.

Flipsius war schon ein älterer Herr, aber noch gesund und munter, seines Zeichens Glasschleifer.

Im Winter saß er fleißig hinter dem Tische in seiner Werkstatt und schliff die herrlichsten Glassachen.

Wenn aber der Frühling ins Land kam, Berge und Täler das schöne grüne Kleid mit den bunten Blümlein darin anzogen, dann duldete es Flipsius nicht mehr zu hause.

Dann zog er aus in Gottes Wunderwelt und lauschte und horchte und äugte, daß ihm ja keine von allen ihren Schönheiten entginge.

Es war im Hochsommer vor Sonnenaufgang, da griff Flipsius zum Wanderstabe und schlich zum Hause hinaus. Er wollte einmal sehen, wie es in aller Herrgottsfrühe draußen in der Natur zugeht. Mit ganz leisen, vorsichtigen Schritten, daß er ja in der Dämmerung kein Würmchen und kein Blümlein zertrete, betrat er den grünen Wald.

Da war es so still wie in der Kirche. Unter grünen Farnblättern schliefen Eidechsen und Frösche. Behutsam verkroch er sich unter die breiten Blätter des Huflattich und wartete geduldig. Endlich erscholl von der höchsten Spitze einer Tanne der leise Pfiff eines Vögleins – und wieder – und noch einmal.

Da reckte Flipsius vorsichtig die Nase aus seinem Versteck hervor, roch die würzige Morgenluft und sah allzugleich, daß Frau Sonne mit ihren ersten, rosigen Strahlen die Kronen der Bäume streichelte.