Schnell lief es weiter. Als es dämmerig wurde, verkroch es sich in ein Haus und versteckte sich im Zimmer in der dunklen Ecke hinter dem Kleiderschranke. Im Zimmer war es still. Eine Frau nähte und seufzte dabei und ein Mann las stirnrunzelnd in einem Buche. Zwei Kinder stießen und pufften sich heimlich mit den Füßen, daß die Eltern es nicht sahen. Und Geistchen fror viel, viel mehr als es je auf seinem Berge gefroren hatte. Wohl entdeckte es, daß die Leute Feuer hatten, aber es war gar nicht lustig.

Es war eingesperrt in einen großen steinernen Kasten und streckte nur hin und wieder ein dünnes, rotes Fingerlein durch die schwarze Gittertüre. Und die Menschen froren wohl auch, denn sie sahen so griesgrämig aus und gaben sich gegenseitig kein gutes Wort. »Das sind doch nicht dieselben Menschen, die bei uns oben waren!« flüsterte Geistchen in seiner Ecke und schüttelte den Kopf. Dann hockte es sich auf den Boden, aß einen Apfel, den es im Sack hatte, und schlief ein. Am Morgen schlüpfte es unbemerkt aus dem Hause und ging weiter auf die Suche nach seinen Menschen, den frohen, glücklichen. Er fand sie nicht. Daß sie zu ihm nicht freundlich waren, kam wohl daher, daß sie ihn nicht kannten. Aber, warum waren sie untereinander so fremd und kalt? Woher kam das nur? Daß sie sich bei jedem Wort so erstaunt ansahen, als verständen sie sich nicht. Woher kam das nur? Das mußte es erfahren. Es versuchte nun, sich selber den Menschen zu nähern. Leise schlich es sich an ein junges, schönes Mädchen heran, ganz, ganz dicht – und prallte zurück. An etwas Festes, ganz Durchsichtiges rührte seine Hand – von dem Mädchen spürte es nichts. Ebenso erging es ihm bei den jungen Burschen, den Kindern und Frauen. Es war da etwas, das man nicht sah um jeden Menschen herum, das man nur fühlte und das es unmöglich machte, sich ihm richtig, herzlich zu nähern.

Unter einem blühenden Baume stand eine junge Frau mit einem Kindchen auf dem Arme – die sah glückselig aus und lächelte Geistchen freundlich an. Da faßte es sich ein Herz und sprang frisch und frank auf die Frau zu, um ihr an den Hals zu fliegen. Aber – oh weh, auch hier prallte es zurück, fiel auf den Rücken und hielt sich die Nase, die es sich übel gestoßen hatte. Nun sah es näher hin und bemerkte – eine dünne, dünne Wand von Glas umgab rings die Frau. Nun wußte er's – die Menschen in dem Tale lebten jeder ganz für sich allein unter einer feinen undurchdringlichen Glasglocke – darum sahen sie so unglücklich aus. Nur die jungen Mütter hatten ihre ganz, ganz kleinen Kinder mit unter ihrer Glocke, und darum waren sie die einzigen Menschen in dem stillen Tale, die nicht einsam und die darum glücklich waren.


Nein, in dem Tale konnte es Berggeistchen wahrlich nicht gefallen. Zum Glück war der taube Kräutersepp grade auch unten am Waldesrand. Dem kroch er heimlich, als derselbe schlief, in den Korb, den er immer auf dem Rücken trug, und ließ sich so wieder, ungesehen von der alten Steinbockwache, hinauf auf seinen Berg tragen.

Mit einem lauten »Gottseidank« sprang er oben aus der Kiepe, so daß den alten Kräutersepp, der ja von nichts ahnte, beinah vor Schrecken der Schlag gerührt hätte.

Nun tut Geistchen freudig seine Arbeit.

Nach dem Tale der armen einsamen Menschen spürt es keine Sehnsucht mehr.