Er wußte sehr gut, daß es streng verboten war, die Grenze des Bergreiches zu überschreiten. Auch kannte er wohl das Heer von alten Steinböcken, die dort ringsum aufgestellt waren, um Wache zu halten. Vor denen hatte er große Furcht.
Wenn Ihr im zoologischen Garten einen Steinbock gesehen habt, werdet Ihr es verstehen. Wie ein sehr strenger, würdiger Geheimer-Ober-Schulrat sieht er aus und daß man vor dem sich fürchtet, das wißt Ihr wohl. – Berggeistchen überlegte hin und her, wie es seine Talfahrt am besten machen könne. Endlich fiel ihm etwas ein. Es setzte sich auf den Erdboden, nahm einen großen Fichtenzweig in beide Hände, so daß derselbe ihn ganz und gar verdeckte und rutschte so, heidi, den Berg hinab. Beinah wäre die Talfahrt gelungen, aber leider nur beinah.
Als die alten Ober-Schulräte, ich meine die Steinböcke, den rutschenden Zweig sahen, dachten sie sich erst nichts dabei. Dann kam es ihnen wohl in den Sinn, daß die Abfahrt desselben merkwürdig geschwind vor sich ging. Schnell hoppelten sie herbei, hielten den struppigen, grünen Wanderer an und erblickten darunter Berggeistlein. Da wurden sie sehr, sehr böse auf den Ausreißer, grommelten in ihre Bärte hinein und jagten den beschämten Kleinen schnell wieder den Berg hinauf.
Nun war ihm alle Lust zur Talfahrt vergangen. Nun lebte er wieder tagaus, tagein so, wie der alte Berggeist es verlangte: weckte das Echo, zog die Nebelvorhänge hin und her und putzte die blanken Gletscherfirnen, bis sie weithin leuchteten. Da erschien eines Tages eine Schar junger Männer und junger Mädchen auf dem Berge. Die lachten und jubelten und sangen, daß es eine Lust war. Sie zündeten ein großes Feuer an und tanzten im Scheine desselben. Berggeistchen stand hinter einem Felsen und sah das alles und sein Herz klopfte laut vor Aufregung. »So lustig sind die Menschen! Und sie singen so schön. Und so schöne rote Flammen können sie machen, um sich daran zu wärmen! Wir hier oben müssen immer warten, bis die Sonne so gnädig ist, uns auf dem Pelz zu scheinen.« So dachte Berggeistchen und ging nun wieder nur mit dem Gedanken um, wie es unbemerkt durchwitschen und zu den lustigen Menschen ins Tal kommen könnte.
Endlich hatte es einen guten Einfall. Es rollte sich so lange im dicken Schnee herum, bis der ihn ganz und gar einwickelte und kullerte nun als kleine Lawine den Berg hinab. Erst ging's sehr schön, dann aber wurde ihm himmelangst, es bekam keine Luft mehr. »Was wird denn das?« stöhnte es noch, dann wußte es von nichts mehr und wäre um ein Haar erstickt. Zum Glück rollte der große Schneeball gegen einen dicken Baum, zerschellte und wie in einer weißen Eierschale lag Berggeistchen darinnen. Erst rührte es sich nicht, als wär's gestorben. Aber bald kam Leben in den lustigen Kerl. Sein Näschen, das ganz weiß gewesen war, färbte sich wieder rot. Er schlug die Augen auf, sah sich erstaunt um und sagte betrübt: »Wieder nix!« Dann klopfte er sich den Schnee ab und stieg seinen Berg wieder hinauf.
Nun grübelte er aber erst recht. »Beinah' wäre die Reise gelungen – nur an der Luft hat mir's gefehlt,« überlegte er. »Das muß doch zu ändern sein!« Er war ein findiger Kopf. Schon am nächsten Tage wußte er, wie 's zu machen war. Er suchte sich einen gänzlich hohlen Baumstamm, der am Boden lag. Den nahm er mit in seine Lawine, so daß er als Schornstein an der Seite herausragte. Durch den bekam er Luft und fuhr nun lustig zu Tale, und als er an der alten Steinbock-Grenzwache vorübersauste, da sprangen die würdigen Herren ängstlich auf die Seite und schüttelten die Köpfe: »Bei dem Wetter eine Lawine und solch ein langer Baum darin, merkwürdig!« sagten sie.
Berggeistchen machte ihnen in Gedanken eine schöne »lange Nase«. In Wirklichkeit konnte er sie ja nicht machen – dazu war's in seinem Gefängnis von Schnee viel zu eng. Es rollte – rollte – rollte – rollte – endlich lag es ganz still. »Nun bin ich angelangt!« dachte voll Freuden der kleine Reisende und allsogleich fing er an, mit Händen und Füßen zu stoßen und zu strampeln. Die Schneehülle barst und Geistchen lag im Sonnenschein auf einer schönen grünen Wiese. Schnell sprang es auf und schüttelte sich und trappelte emsig hin und her, denn es war recht verfroren und auch im Magen war's ihm sonderbar zumute. Der verträgt es eben nicht, in eine rollende Lawine verpackt zu sein. Dann sah Geistlein sich rings um und holte tief Atem, aber die Luft schmeckte ihm nun gleich gar nicht. Die schmeckte ganz genau wie der Dampf, der aufstieg, wenn oben auf der Höhe die Sonne recht lange auf ein nasses Fleckchen Erde geschienen hatte. Schnell lief der Kleine weiter, weil er meinte, an einer anderen Stelle würde die Luft wieder schön klar und frisch sein, so wie er's gewohnt war. Aber er täuschte sich. Im Tale weht eben keine Bergluft. Er schnappte und schnappte und warf einen sehnsüchtigen Blick hinauf zu den schimmernden Gipfeln. Da kam ein Mann des Weges daher in prächtigen Kleidern. In der Hand trug er ein Stöcklein mit einem großen goldenen Knopf daran. »Aha«, dachte Geistlein, »nun wird's lustig,« lief dem Herrn entgegen, verneigte sich und rief: »Grüß Gott, Mensch!« Der aber sah ihn erst gar nicht an, stieß mit dem Stock heftig auf den Boden und brummelte: »Tölpel«.
»Nanu«, sagte Geistchen und blickte dem Brummbären bestürzt nach. Es wußte eben nicht, daß es eine schwere Beleidigung ist, einen Erdenbürger mit »Mensch« anzureden. Nachdenklich schlich der Kleine weiter und kam in die Nähe von Wohnhäusern. »Oh, wie still ist's hier,« seufzte er. »Da brennt kein schönes, rotes Feuer, da lacht niemand, da singt niemand und doch laufen genug Leute herum.«
Doch endlich, hinter der Hecke, da wurde gesungen und gejauchzt, aber wie anders klang es als damals oben auf dem Berge, und als Geistchen genau hinsah, prallte es erschrocken zurück. Gar nicht froh und lustig sahen die Menschen aus, nein, eher böse. Und sie schlugen mit den Fäusten auf den Tisch, daß es knallte, und hatten wilde, rote Gesichter.