Neben all diesen mehr auf einheitliche Erfassung der organischen Natur und auf den Nachweis ihrer Übereinstimmung mit der anorganischen gerichteten Bestrebungen wandte sich aber auch der offene Blick der Griechen dem Reichtum der Tierwelt zu, namentlich auch derjenigen Asiens und Ägyptens. Schon im 5. Jahrhundert weiß Herodot von einer großen Anzahl von Tieren, ihrem Vorkommen und ihrer Lebensgeschichte zu erzählen, ferner Ktesias; endlich die attischen Komödiendichter, besonders Epicharm und Aristophanes. Aber mit dem Sinn und der Freude an der belebten Natur war es nicht getan. Während in den älteren hippokratischen Schriften die Tiere in ähnlicher Weise, wie etwa bei Mose, nach dem Medium ihres Vorkommens aufgezählt werden, existiert in der Schrift „Über die Diät“ eine Aufzählung von 52 Tieren, die man füglich als eine systematische Reihenfolge, das koische Tiersystem (ca. 410 v. Chr.), bezeichnen kann. Es scheint einem verschollenen Autor entlehnt zu sein und behandelt die Tiere in absteigender Reihenfolge, und zwar: Säugetiere, zahme, wilde, unter letzteren nach der Größe geordnet, Vögel des Landes und Wassers, Fische: Küstenfische, Wanderfische, Selachier, Schlammbewohner, Fluß- und Teichfische (Weichtiere), Muscheltiere, Krebse. Von größeren Gruppen fehlen nur Reptilien und Insekten, da sie nicht genossen wurden. Die Bedeutung dieses Systems besteht vor allem in der Abtrennung der Fische von den übrigen Wirbeltieren und der Wirbellosen von ihnen, wodurch diese Klassifikation einige nicht selbstverständliche und bedeutungsvolle Züge des Aristotelischen Systems vorwegnimmt. Die Gruppenbildungen dieses Systems wirken aber besonders da nach, wo mehr im Anschluß an die medizinische Literatur Kategorien von Tieren aufgezählt werden, bei Galen und den Ichthyographen des 16. Jahrhunderts.
Weit wichtiger als um die Zoologie sind die Verdienste der hippokratischen Ärzte um Anatomie und Physiologie, wobei begreiflich der Mensch und die Haustiere im Vordergrund des Interesses stehen. Auch auf diesen Gebieten sind Ansätze zu systematischer Ordnung des Stoffes unverkennbar, Einteilung des Körpers nach der Siebenzahl, von der Peripherie nach dem Zentrum, vom Scheitel zur Zehe. Bedeutungsvoll ist für die spätere Medizin die Lehre von den vier Säften geworden. Aber auch Vergleiche zwischen körperlichen Einrichtungen und Produkten der Technik, zwischen anatomischen Zuständen verschiedener Art bei verwandten Tieren, Experimente an lebenden Tieren, planmäßige Bebrütung von Hühnereiern zum Studium der Entwicklung, Parallelen zwischen der Entwicklung von Pflanze, menschlichen und tierischen Embryonen, Zeugungstheorien, worunter namentlich die später als Pangenesis bezeichnete, Anklänge an die Lehre vom Überleben der kräftigsten Organismen, die Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften — all das deutet nicht nur auf umfangreiches Wissen, sondern auf einen hohen Zustand von dessen Verwertung im Dienste der Biologie hin. Wenn man bedenkt, wie lange die Zoologie durchaus an die Medizin gekettet und wie mächtig und grundlegend der Einfluß der hippokratischen Literatur nicht nur auf die nächstliegende antike, sondern auch auf die spätere moderne war, so wird man die Bedeutung dieser Errungenschaften schon auf so früher Stufe der Entwicklung unserer Wissenschaft nicht verkennen.
Diese aussichtsvolle Entwicklung der Vorstufen einer wissenschaftlichen Zoologie wurde dadurch jählings unterbrochen, daß die Naturphilosophie hinter der Ethik zurückzutreten begann, ein Vorgang, der mit der Sophistik seinen Anfang nahm und in Plato seinen literarischen Abschluß fand. Plato gibt uns im Timäus eine Schilderung der Weltbildung mit Einschluß der organischen Natur und des Menschen, aus der alle Mystik und Teleologie späterer Jahrhunderte ihre Nahrung sog. Der Timäus bedeutet aber im Vergleich zur vorangehenden ihres kritischen Geistes bewußt werdenden Naturauffassung einen gewaltigen Rückschritt von der Forschung in die Poesie. So wenig sein Erkenntniswert in Betracht kommt, so ist er doch dadurch und infolge der späteren Gegensätzlichkeit zwischen der Aristotelischen und Platonischen Philosophie von großer geschichtlicher Bedeutung geworden. Die organische Natur erscheint im Timäus als Degeneration des Mannes, den der Weltenschöpfer aufs vollkommenste geschaffen hat, wobei Plato die Pythagoreische Zahlenmystik mit der Geometrie des Organismus in Verbindung setzt und die teleologische Erklärung der einzelnen Organe im Dienste der Seele durchführt. Anderseits scheint das Verdienst, Naturerscheinungen nach Gattung (genus) und Art (species) zu gliedern und damit auf dem Wege der Induktion Allgemeinbegriffe zu schaffen, ebenfalls auf Plato zurückzugehen. Die genannten Begriffe stehen zwar bei ihm in komplizierterem gegenseitigen Verhältnis, als in unserer Logik; doch bleibt wohl der Aufbau von Systemen mit ihrer Hilfe Gemeingut der Platonischen Schule, die zum Teil infolge mangelnder Erweiterung ihrer positiven Kenntnisse in der künstlichen Ausbildung dichotomischer Gliederungen (nach Art unserer botanischen und zoologischen Bestimmungstabellen) verfiel, zum Teil aber auch die Stärke der Aristotelischen Systematik wurde.
2. Aristoteles.
Aristoteles, geb. 384 v. Chr. zu Stagiros in Mazedonien als Sohn des Nikomachos, des Leibarztes von König Amyntas, und einer thrakischen Mutter Phästis, wandte sich nach dem Tode des Vaters, achtzehnjährig, Athen zu, wo er in den Kreis der Schule des damals in Sizilien befindlichen Plato eintrat. Nach 20 Jahren des Lernens und Lehrens begab er sich zu seinem Freunde Hermias, dem Herrscher von Atarneus, heiratete dessen Tochter Pythias, hielt sich in Mytilene und Lesbos auf und wurde 343 durch Philipp von Mazedonien zur Erziehung des damals dreizehnjährigen Alexanders (des Großen) an den mazedonischen Hof berufen. Vier Jahre später wurde Alexander Reichsverweser. Aristoteles blieb in Mazedonien, baute seine Vaterstadt wieder auf und gab ihr eine Verfassung. 335 kehrte er nach Athen zurück, bezog das Lykeion, in dessen Laubgängen (Peripatoi) er seine philosophische Schule einrichtete, morgens einem engeren, nachmittags einem weiteren Kreise zugänglich. In die folgenden zwölf Jahre fällt das Schwergewicht seiner literarischen und akademischen Tätigkeit. Nach Alexanders Tode entfloh er einem Prozeß wegen Gotteslästerung nach Chalkis auf Euböa und starb daselbst 322, nachdem er zuvor Theophrast zu seinem Erben und wissenschaftlichen Nachfolger eingesetzt hatte.
Die zoologischen Schriften des Aristoteles bilden nur einen Teil seiner biologischen und einer viel umfangreicheren Gesamtheit seiner naturwissenschaftlichen Schriften. Diese selbst ordnen sich nach Form und Inhalt wieder seinen etwa viermal umfangreicheren Werken ein. Zoologie, allgemeine Biologie, Entwicklungsgeschichte, Mißbildungslehre, Physiologie treten bei ihm zuerst in Gestalt systematisch entwickelter und nach dem damaligen Stande des Wissens ausgebauter Wissenschaften auf. Die anatomischen und botanischen Werke sind verloren gegangen. Der Umfang des Wissens, das uns in den zoologischen Schriften entgegentritt, ist vielfach wohl schon voraristotelisch, die literarische Abrundung der verschiedenen Teile eine sehr ungleichwertige, indem sie zwischen Notizsammlungen, Vorlesungen und wissenschaftlichen Monographien schwanken. Eine letzte einheitliche Redaktion fehlt; anderseits sind ganze Bücher als gefälscht erwiesen. Immerhin steht fest, daß die zoologischen Schriften des Aristoteles bis ins 16. Jahrhundert (Aldrovandi resp. Gesner) an Reichtum des Beobachtungsmaterials, bis auf Linné in bezug auf systematische Durcharbeitung unübertroffen waren und bis auf die Gegenwart es noch sind in Hinsicht auf philosophische Begründung der wissenschaftlichen Prinzipien für die Biologie. Als Hauptschrift hat bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Tiergeschichte gegolten. Erst seither ist auch unter Führung Hegels und seiner Schule sowie der Berliner Akademie in Deutschland und durch Barthélemy St. Hilaire in Frankreich zum Verständnis der übrigen Schriften ein Grund gelegt worden. Der zoologischen Literatur der Gegenwart ist jedoch der Einfluß der Aristotelischen Zoologie und Philosophie auf die Entwicklung der biologischen Wissenschaften noch nicht hinreichend bekannt.
Die Hauptschriften für die Zoologie sind:
- Tiergeschichte (8 Bücher), eine erstmalige Sammlung zoologischen Materials, vorwiegend im Sinne beschreibender Zoologie gehalten.
- Teile der Tiere (4 Bücher, wovon vielleicht das erste als eine prinzipielle Einleitung für die Gesamtheit der biologischen Schriften zu betrachten ist), eine systematische vergleichende Anatomie und Physiologie. Materiell würden sich hier anschließen: Über die Ortsbewegung der Tiere, Über Sinneswahrnehmung und eine Reihe kleinerer Schriften über Gesamtfunktionen des Organismus.
- Zeugungs- und Entwicklungsgeschichte (5 Bücher), eine Embryologie mit Einschluß der Mißbildungslehre, von stark theoretischem Anstrich.
- Über die Seele (3 Bücher), eine theoretische Biologie mit Einschluß der Psychologie.
Die Anordnung der ersten drei Hauptschriften entspricht dem Grundsatz, es sei notwendig, damit anzufangen, die Erscheinungen jeder Gattung, dann die Ursachen und zuletzt die Entstehung zu besprechen.
In gleicher Vollkommenheit ist nie mehr die Absicht durchgeführt worden, die Biologie als Teil der Allgemeinwissenschaft einzugliedern, sie aber auch andererseits als Ganzes aus den Erscheinungen systematisch durch eigene Beobachtung, Aufnahme fremder mündlich und literarisch überlieferter Angaben aufzubauen, der Mannigfaltigkeit der Natur ebenso gerecht zu werden, wie ihrer Einheit und dadurch zwischen Realismus und Idealismus eine Mitte einzuhalten, wie sie bei gleicher Stoffülle nie mehr wiedergewonnen worden ist. Mangelhaftigkeit der Beobachtung, Leichtgläubigkeit, Fehlen geeigneter Hilfsmittel, Unsicherheit der Bestimmung der dargestellten Gegenstände, stellenweise allzu große Breite in der Behandlung des Stoffes, Übertragung der Verallgemeinerungen aus der anorganischen Naturforschung in die organische, Unterbleiben der letzten redaktionellen Überarbeitung des Gesamtwerks, Verlust erheblicher Stücke — all diese Schäden der Aristotelischen Werke sind nicht zu leugnen und fordern zu großer Vorsicht in ihrer Beurteilung auf. Daher können sie einem modernen Empiriker nicht ohne weiteres verständlich sein. Ihrem Eigenwerte und ihrer historischen Bedeutung aber geschieht dadurch kein Eintrag und die Urteile von Buffon und Cuvier, daß die Aristotelische Zoologie in ihrer Art das vollkommenste sei, werden auch für die Zukunft zu Recht bestehen.