Der Tierbestand, über den die Aristotelischen Schriften sich erstrecken, beläuft sich auf etwa 520 unterschiedene Formen, welche Gattungen in unserem Sinne entsprechen. Abgesehen von zwei, mit Vorbehalt erwähnten Fabelwesen, ist es der Grundstock der Fauna des Ägäischen Meeres und seiner Umgebung, vermehrt durch einzelne Vertreter der ägyptischen Fauna. Neben der reichlichen Küstenfauna werden auch zahlreiche pelagische und der Tiefsee angehörende Vorkommnisse aufgeführt. Mit besonderer Ausführlichkeit gelangen der Mensch, die Haustiere, die Fische, die Zephalopoden, die niederen Wirbellosen zur Behandlung. Die Schilderung dieser Tierwelt erstreckt sich auf alle Lebensäußerungen möglichst ebenmäßig, bald mehr auf die Lebensweise, die Charaktereigenschaften, bald mehr auf die Form, den Habitus sowohl wie die Teile: Proportionen, Organe, Gewebe. Unterstützt wurden die Ausführungen seiner Werke gelegentlich durch Illustrationen. Auf diesem zoographischen und zootomischen Wege wird analytisch ein Tatbestand von gewaltigem Umfange aus der organischen Natur gewonnen, den es nun zu ordnen und nach außen zu verknüpfen gilt. Bei diesen beiden Aufgaben verhält sich Aristoteles verschieden. Während er bei der Einreihung der Lebewelt in das Gesamtbild seiner Wissenschaft wohl weniger originell erscheint, als Plato, und wenige Gesichtspunkte einzunehmen weiß, die nicht nur wie eine geschickte Auswahl aus denen seiner Vorgänger erscheinen, behauptet er seine Selbständigkeit am allermeisten, solange er auf dem Gebiet der Biologie selbst bleibt.
Die wichtigsten seiner metaphysischen Prinzipien sind, soweit sie für die Zoologie in Betracht kommen, etwa folgende: Die Natur ist der Inbegriff von Ursache und Zweck. Sie tut alles wegen des Notwendigsten und Schönsten, schafft aus dem vorhandenen Stoff das Schönere und Bessere und flieht das Unendliche und Planlose. Sie richtet die Organe zu für das gesamte Werk, dabei geht sie ökonomisch vor, schafft gleichwie Gott nichts vergeblich oder doppelt und verwendet dasselbe Werkzeug zu mehreren Verrichtungen. Überall sucht sie das Mannigfaltige zur Einheit zu führen und schreitet stetig fort, obschon sie dabei den Dingen Perioden setzt, deren Modifikationen jedoch von der Beschaffenheit des Stoffes abhängig sind. Wie weit dieser Naturbegriff sich mit seinem Gottesbegriff des stofflosen Geistes deckt, ist schwer abzugrenzen. Immerhin war ihm die göttliche Ursächlichkeit der letzte unbedingte Grund der Weltordnung. Aber die Naturkausalität ist auch nach unten begrenzt. Die Schranken des Stoffes vereiteln teilweise ihre Entwürfe und zwingen sie in den Bann des Zufalls und Mißlingens.
Aristoteles unterscheidet viererlei Ursachen: 1. die Materie, 2. die Form, 3. die bewegende Ursache und 4. die Endursache, den Zweck. Wie er sich das Verhältnis dieser Ursachen zueinander dachte, kann hier nicht eingehend erörtert werden. Es ist nur hervorzuheben, daß seine Vorstellung vom Zweck, im Gegensatz zu der späterer Autoren, den Zweck eines Objektes zunächst in dessen eigener vollentwickelter Form selbst sah (immanenter Zweck), nicht in irgend einer Nützlichkeit außerhalb des Objektes. Der vollendete Zustand ist die oberste Ursache, auf die alle Entwicklung orientiert ist. Die drei letzten der genannten Ursachen machen die Seele aus, die sich der obersten materiellen Qualitäten der Wärme und der Kälte bedient, um ihren Plan zu realisieren.
Zum ersten Male bei Aristoteles tritt als Forschungsprinzip die möglichst umfangreiche Beobachtung auf. „Hat man nicht ausreichende Beobachtungen, aber sollten diese gemacht werden, so muß man der Beobachtung mehr Glauben schenken als der Theorie und dieser nur, wenn sie zum gleichen Resultat führt, wie die Erscheinungen.“ Erst aus den Tatsachen leitet Aristoteles durch Induktion (Epagoge) allgemeine Sätze ab, die zu Gattungsbegriffen führen. Daher finden sich bei ihm z. B. viele Sätze über Korrelation der Organe und der Funktionen und bei der Heerschau der Lebewelt mehr oder weniger scharf umschriebene, aber allgemein verwendete Gruppenbildungen, die sich gegenseitig über- und unterordnen. Dadurch wird Aristoteles zum Schöpfer der biologischen Systematik. Hat er auch der Klassifikation der Tiere nicht einen formalen Abschluß zu geben verstanden, wie es später mit Ray beginnend bis zu Cuvier versucht wurde, so entschädigt er anderseits durch die Breite seiner Systematik, die sich auch auf die Teile der Tiere, ihre Funktionen und die Entwicklungsstufen des individuellen Lebens erstreckt. Am deutlichsten hebt sich sein Verdienst um die Methodik der Biologie ab, wo wir ihn im Kampfe mit Platos Nachfolgern sehen. Ihnen gegenüber stützt er sich auf das Prinzip der Anatomie, die die Induktion aus den äußeren Erscheinungen nimmt. Hat er auch menschliche Leichen nie seziert, so teilt er so reichliche und vielfach richtige Beobachtungen über die Anatomie der Tiere mit, daß nur ausgedehnte Anwendung anatomischer Technik in den Besitz derselben kann gesetzt haben. Auch Vivisektion und Experiment wandte er, wenn auch wohl in bescheidenerem Maße als seine hippokratischen Vorgänger, an. Neben der Induktion geht die Deduktion her, namentlich da, wo die Beobachtung versagte. So zieht Aristoteles im Anschluß an Empedokles die vermeintlichen Elementarqualitäten warm, kalt, trocken, feucht und deren Mischung zur Erklärung der schwierigsten organischen Prozesse bei. Er überträgt mit Plato die Geometrie und die Lehre vom Primat der Teile in seine Biologie. Die bewußte Durchführung der von ihm als richtig erkannten Prinzipien gelangt also bei ihm selbst noch nicht zum vollen Ausdruck, insbesondere, da auch das in seinen Schriften gehäufte Material ungleichmäßig verarbeitet ist. Ohne die letzte Bearbeitung erfahren zu haben, werden ältere Teile einer durch Tradition auf ihn übergehenden Wissenschaft von jüngeren überschichtet.
Einzelne bei Aristoteles verzeichnete Tatsachen, die zunächst imstande waren, späteren Zoologen Bewunderung für ihn einzuflößen, können wir hier nicht aufzählen, um so weniger, da sie vielfach von Irrtümern aufgewogen werden, über deren kritiklose Wiedergabe man erstaunt sein konnte. Man hat während der Herrschaft der Linnéschen Klassifikation in der Unschärfe des Artbegriffes von Aristoteles einen Mangel gesehen; die Gegenwart urteilt anders und begreift, daß eine so scharfe Formulierung dieses Begriffes, wie wir sie allein noch zu praktischen Zwecken brauchen, der Aristotelischen Biologie kaum zugute gekommen wäre.
Eine der größten Schwierigkeiten für die Beurteilung der Aristotelischen Biologie ist der Mangel an einer der unsern entsprechenden Terminologie. Spezielle Bezeichnungen für die von uns heute leicht unterscheidbaren Naturerscheinungen fehlen. Anderseits werden Vulgärbezeichnungen in einer für uns schwer zu umschreibenden Weise gebraucht, z. B. die Bezeichnungen Wärme, Kochung, die es fast unmöglich machen, unseren Vorstellungskreis mit dem Aristotelischen zu vergleichen. Sodann werden Ausdrücke wie Gattung und Art wohl zur Zusammenfassung von Individuen, nicht aber im heutigen Sinne gebraucht, wenngleich die Bezeichnung Gattung vorwiegend im Sinne der oberen Gruppen des Systems verwendet wird. Nicht geringer sind die Schwierigkeiten da, wo einzelne Lebewesen bezeichnet werden sollen und wo später die Vervollkommnung der Zoologie durch Linné daher auch am meisten empfunden wurde.
Das Resultat der Aristotelischen Zoologie ist in den Hauptzügen etwa folgendes: In der Natur findet ein allmählicher Übergang vom Unbeseelten zum Beseelten statt. Zunächst folgen die Pflanzen, die beseelter sind als die anorganische Natur, aber weniger beseelt als die Tiere, zu denen sie durch niedere Meertiere allmählich übergehen. Den Pflanzen ist die Ernährung eigen, zugleich auch die Zeugung, die nur eine spezielle Art von Ernährung ist, ferner Regeneration und Teilbarkeit durch Stecklinge und Wurzelbrut. Der Schlaf ist ihr üblicher Zustand, aktive Ortsbewegung fehlt ihnen. Eine Art von Wärme haben sie auch, wie alles, was eine Seele hat. Sie sind, wie alle niederen Lebensformen, an Feuchtigkeit gebunden. Da sie nur wenige Funktionen ausüben, besitzen sie auch nur wenige Organe. Ihre Gewebe sind Holz, Rinde, Blatt, Wurzel. Das Oben der Pflanzen ist die Wurzel, da von dort die Ernährung ausgeht. Dadurch stehen sie im Gegensatz zu den Tieren, bei denen vielfach die Verrichtungen keine andern sind, als bei den Pflanzen. Die Tiere besitzen aber außer der „ernährenden Seele“ der Pflanzen auch eine „empfindende Seele“. Diese bedarf einer größeren Wärme, welche durch Kochung erzeugt wird und die Nahrungsmittel im Körper verwandelt, teils in dessen Bestandteile, teils in Ausscheidungen. Außerdem kommt den Tieren, wenigstens den höheren, Ortsbewegung zu, gewissermaßen als aktive Leistung, die der passiven, der Empfindung, parallel geht und die das spezifisch Animalische ist. Daher rührt die Bezeichnung der neueren Physiologie: animalische und vegetative Funktionen. Beide Grundfunktionen entsprechen übrigens den späteren Begriffen des Kraftwechsels (physikalische) und des Stoffwechsels (chemische Physiologie). Für die höheren Tiere und den Menschen kommt hinzu die „intelligente Seele“, der Mensch allein besitzt Vernunft. Dadurch kommt eine psychologisch abgestufte Reihenfolge der Naturkörper zustande, der Aristoteles in der Behandlung dieses oder jenes Problems folgt und die nun mehr oder weniger im einzelnen ausgeführt wird. Angesichts der Resultate der neueren Phylogenie wird man auch daraus keinen Vorwurf gegen ihn ableiten, daß diese Reihenfolge nicht immer dieselbe ist und z. B. innerhalb der Wirbellosen die großen Abteilungen verschieden aufgezählt werden. Dagegen muß scharf betont werden, daß für ihn die Art als ewig galt und deren Umwandlung stets nur ideal gedacht wird, nicht real. Doch entging ihm nicht, daß die höheren Lebewesen in ihrer Embryonalentwicklung Entwicklungsstufen, die niederen Tierformen entsprechen, durchlaufen. Die großen Umrisse des Aristotelischen Tiersystems lassen sich übersichtlich folgendermaßen zusammenfassen:
| (Unsere Bezeichnungen) | ||||
| A. | Bluttiere | Wirbeltiere | ||
| a) | Lebendiggebärende Vierfüßer | Säugetiere | ||
| 1. | Mensch | |||
| 2. | Affen | |||
| 3. | Vielspaltfüßige | Raubtiere, Nager, Insektenfresser | ||
| 4. | Zweihufer | |||
| 5. | Hauerzähnige | Schweine | ||
| 6. | Einhufer | |||
| 7. | Wassersäugetiere | Wale, Robben | ||
| 8. | Flatterhäutige | Fledermäuse | ||
| Nicht in Gruppen zu bringen sind: | ||||
| Elefant, Hippopotamus, Kamel, sowie einige unbestimmbare und fabelhafte Wesen. | ||||
| b) | Vögel | Vögel | ||
| 1. | Krummklauige | Raubvögel | ||
| 2. | Würmerfresser | |||
| 3. | Distelfresser | |||
| 4. | Holzkäferfresser | Spechte usw. | ||
| 5. | Tauben | Tauben | ||
| 6. | Spaltfüßige | Sumpfvögel usw. | ||
| 7. | Ruderfüßige | Schwimmvögel | ||
| 8. | Erdvögel | Hühner usw. | ||
| c) | Eierlegende Vierfüßer | Reptilien | ||
| 1. | Beschuppte Vierfüßer | Saurier, Schildkröten | ||
| 2. | Beschuppte Schlangen | Schlangen | ||
| 3. | Unbeschuppte Vierfüßer | Lurche | ||
| d) | Fische | Fische | ||
| 1. | Selachier, Knorpelfische | |||
| a) spindelförmige | Haie | |||
| b) flache | Rochen | |||
| 2. | Grätenfische | Knochenfische | ||
| B. | Blutlose | Wirbellose | ||
| a) | Weichtiere | Zephalopoden | ||
| 1. | kurzbeinige mit 2 langen Armen | Dekapoden | ||
| 2. | langbeinige | Oktopoden | ||
| b) | Weichschaltiere | Krustazeen | ||
| 1. | scherentragende | Astaci | ||
| 2. | scherenlose | Langusten | ||
| 3. | scherenlose, mehr als zehnfüßige | Caridina | ||
| 4. | kurzschwänzige | Brachyuren | ||
| 5. | Karzinien | Einsiedlerkrebse | ||
| c) | Insekten | |||
| 1. | Koleopteren | Käfer | ||
| 2. | Vierflügelige Hinterstachler | Hymenopteren | ||
| 3. | Zweiflügelige Vorderstachler | Dipteren | ||
| 4. | Epizoen und Modertiere | |||
| 5. | Lange Vierfüßler | Myriapoden | ||
| 6. | Spinnenartige | Arachniden z. T. | ||
| 7. | Helminthen | Würmer | ||
| c) | Schaltiere | Mollusken u. niedere Tiere | ||
| 1. | Konchylien | Käfer | ||
| a) einschalige | Einschaler | |||
| b) flache | Zweischaler | |||
| c) gewundene | Schnecken | |||
| 2. | Seeigel | Echiniden | ||
| 3. | Seesterne | Asteriden u. Ophiuriden | ||
| 4. | Schallose, frei lebende | Holothurien, Velellen | ||
| 4. | Schallose, angewachsene | Schwämme, Aktinien | ||
Physiologische und anatomisch begründete Zusammengehörigkeit der Tiere ist also noch nicht scharf geschieden. Es fehlen manche Gruppen, die wir erwarten würden, z. B. die Schmetterlinge. Schwankend sind die Fledermäuse und Strauße, die eine Mittelstellung zwischen Säugetieren und Vögeln einnehmen sollen, ebenso die Wassersäugetiere, die zwar anatomisch als Säugetiere nachgewiesen, aber in eine Mittelstellung zwischen diese und die Fische gebracht werden. Besonders scharf gesondert treten die Fische als kiementragend und mit Flossen versehen auf und werden nach ihrem Skelett eingeteilt. Die Umgrenzung derselben ist später oft durchbrochen worden, hat ja auch Linné noch Schwierigkeiten bereitet, und die Scheidung in zwei große Gruppen ist bis heute beibehalten worden. Was die Wirbellosen betrifft, so hat erst Ende des 18. Jahrhunderts die Systematik hier wesentliche Fortschritte gemacht. Ihre Abtrennung von den Fischen und die vielen anatomischen und biologischen Schilderungen derselben gehören zu den hervorragendsten Merkmalen der Aristotelischen Zoologie. Als oberste Einteilungsprinzipien wählt er anatomische. „Zuerst nun werden wir die Teile, aus denen die Tiere bestehen, zu erörtern haben. Denn in ihnen liegen die größten und ersten Unterschiede auch für das Gesamttier, je nach Besitz oder Abwesenheit gewisser Teile, nach Lage und Anordnung, nach Gestalt, Überschuß, Analogie, Gegensatz der zufälligen Eigenschaften.“ Dies führt ganz selbstverständlich hinüber zu ausgedehnterer Verarbeitung anatomischer Einzelheiten, seien es nun solche, die auf Aristoteles’ eigene Beobachtungen oder die seiner Vorgänger zurückzuführen sind. Damit ist aber auch der Anstoß zu einer vergleichend über die ganze Tierwelt ausgedehnten Anatomie und Physiologie gegeben. So stuft denn Aristoteles auch innerhalb des einzelnen Individuums die Teile ab. Er unterscheidet Grundstoffe, gleichartige Teile (Gewebe), ungleichartige Teile (Organe), berücksichtigt auch die Proportionen und endlich den Habitus. Die schwächste Seite ist neben vielen anatomischen Irrtümern seine Physiologie, da sie von unzulänglichen physikalischen Vorstellungen ausgeht. Es ist hier nicht der Ort, die große Zahl irriger und oberflächlicher Kenntnisse und Begriffe vom Bau und von den Verrichtungen des menschlichen Körpers, die er der Betrachtung der übrigen Organismen zugrunde legt, aufzuzählen. Nur nebenbei mag auch erwähnt werden, daß viele Einzelbeobachtungen, die sich in seinen Werken finden, später bestätigt wurden. Von besonderer Tragweite ist Aristoteles’ Wertung des Herzens geworden, das er schlechthin als das Zentrum der ganzen Organisation, weil es das der Ernährung und Bewegung sei, mithin auch als das der Seelenfunktionen auffaßte, während ihm das Hirn nur ein Kühlapparat für die aufsteigende Wärme zu sein schien. Das Herz ist das erste und letzte, was sich bewegt; die Luft das Agens der Bewegung. Zur Kenntnis der Bewegungsfunktion fehlte ihm eine klare Vorstellung von den Muskeln und ihrer Wirkung.
Weitaus am wertvollsten sind innerhalb der Physiologie die Ausführungen über die Entwicklungsgeschichte, weil hier die Naturauffassung wie die Beobachtungsmittel von Aristoteles am weitesten führen konnten. Von der Zeugung sind vier Arten zu unterscheiden: die Urzeugung, wodurch Lebewesen aus faulenden Stoffen entstehen sollten, die Sprossung niederer Tiere, die hermaphroditische, die geschlechtliche Zeugung. Die dritte Form, ein Mittelding zwischen dem, was wir als Hermaphroditismus und Parthenogenese unterscheiden, schreibt er außer den Pflanzen den Bienen und einigen Fischen zu. Bei den höheren Tieren herrscht sonst Zweigeschlechtigkeit als eine Folge der Ortsbewegung und führt zu einer Differenzierung der Geschlechter, die von prinzipieller Bedeutung für die ganze Organisation des Individuums ist (Wirkung der Kastration). Beim Männchen ist der Zeugungsstoff die Samenflüssigkeit, die aber nicht pangenetisch gedacht wird, beim Weibchen das Ei oder die Katamenialflüssigkeit. Als vollkommene Eier erscheinen die dotterreichen. Bei der Befruchtung liefert das Weibchen den Stoff, das Männchen das gestaltende Prinzip, das nicht einmal stofflich zu sein braucht, sondern als rein mechanisch wirksam gedacht wird. Es soll eine Bewegung übertragen und einen Ernährungsprozeß einleiten und die weiblichen Geschlechtsprodukte in einen Keim überführen, der bald im Ei, bald ein „Wurm“ ist. Im Verlaufe der weiteren Entwicklung entstehen die Organe nicht gleichzeitig, obschon sie der Möglichkeit nach vorhanden sind, sondern sukzessive in größter Zweckmäßigkeit nach dem Endzustand, der erreicht werden soll. Der Embryo ist beseelt, zunächst zwar nur mit einer „ernährenden Seele“, erst später treten die höheren Stufen des Seelenlebens auf. So besitzt er denn auch zuerst nur generelle, erst später mehr spezielle und individuelle Eigenschaften. Die Ernährung des Embryo ist eine Fortsetzung der Zeugung. Die Fruchtbarkeit steht in Korrelation mit der Form der Ernährung, der Größe der Eier usw. Aristoteles findet hier die Gelegenheit, ausgedehnten Erfahrungen über die vergleichende Entwicklungsgeschichte Raum zu geben. Die Reihenfolge, in der die Organe auftreten, richtet sich nach der physiologischen Bedeutung der Organe. Daher entsteht zuerst das wichtigste Organ, das Herz, wie sich am Hühnerembryo sehen läßt, wo es als „der springende Punkt“ imponiert. Dann entstehen die großen Gefäße und der Kopf mit den schon früh großen Augen. Sind die Grundstoffe nicht genügend, so geht die Entwicklung in Mißbildung aus. Den einzelnen Formen der Mißbildung widmet Aristoteles ein ausgedehntes Kapitel, das als die Grundlage der späteren Teratologie zu betrachten ist, da in ihm die pathologischen Erscheinungen auf natürliche Ursachen zurückgeführt sind. An Beobachtungen über die Entwicklung der einzelnen Organe, namentlich auch an genauen Angaben über die Zeugungs-, Gestations- und Entwicklungsfunktionen der Haussäugetiere findet sich ein großer Reichtum in den verschiedenen Aristotelischen Schriften.