Der praktischen Organisation zoologischer Forschung ging die theoretische zur Seite. Der Stoff hatte nachgerade unheimliche Dimensionen angenommen; aber er lag chaotisch da. Es fehlte vor allem an einem Unterscheidungsmittel rein äußerer Art für das Ähnliche und doch konstant Verschiedene! Andererseits machte sich das Bedürfnis geltend, die Gesamtheit des Bestandes an Tieren und Pflanzen nach einem natürlichen Prinzip, wie es die Botaniker schon seit der Renaissance suchten, zu ordnen. Dazu kam die solchen Strömungen günstige Zeitstimmung. Die Organisation der Kirche hatte unter den Jesuiten den Höhepunkt erreicht, Ludwig XIV. organisierte den Typus des europäischen Staates, Leibniz den des philosophischen Systems; braucht man sich da zu wundern, daß sich der Drang nach Organisation der Kenntnis von den Lebewesen, die den größten Bestand an damals bekannten konkreten Objekten darstellten, in gesteigertem Maße geltend machte?

2. John Ray.

John Ray, geboren 1628, studierte von 1644 in Cambridge Theologie, traf dort den etwas jüngeren Fr. Willughby (1635-72) mit dem er sich intim befreundete, verlor als Nichtkonformist 1662 seine Stelle am Trinity College, reiste auf dem Kontinent 1663, zog sich von 1669 ab zu Willughby zurück, übernahm von 1672 an die Erziehung von Willughbys verwaisten Kindern, gab 1675 Willughbys Ornithologie, 1682 seine Methodus plantarum nova, 1686 seine Historia plantarum, 1693 seine Synopsis der Vierfüßer heraus und starb 1705. Um sich von Rays Gedankenkreis eine Vorstellung zu machen, muß man wissen, daß er Griechisch konnte, ohne bindende Verpflichtungen sich ganz seinen Aufgaben widmete und ein vielgelesenes Buch schrieb, worin er die Weisheit Gottes aus der Schöpfung bewies.

Rays Verdienste liegen fast vollständig auf methodischem Gebiete und gehören der gesamten Biologie an. Aber er beschränkte sich nicht darauf, seine Prinzipien aufzustellen, sondern er betätigte sich auch an den größten Gruppen der Lebewesen. Den Zeit- und Streitfragen der damaligen Biologie durchaus nicht fremd, suchte er in entgegengesetzter Weise wie die Mechanisten die Vereinfachung des biologischen Tatbestandes zu erreichen, Übersicht und Ordnung in die Mannigfaltigkeit tierischen Lebens zu bringen. Dabei lehnt er sich in höherem Grade, als dies seit Cäsalpin der Fall gewesen war, bewußt an Aristoteles an, sowohl in den allgemeinen Ausführungen über das Tier, wie auch im speziellen Modus der Gliederung der Tierwelt. Die beifolgende Übersicht bringt, abgesehen von der Erwähnung der Manati, geradezu nur den klassifikatorischen Inhalt der Aristotelischen Schriften in tabellarischer Form. Ray scheute sich geradezu, die Wale den Säugetieren einzureihen, weil Aristoteles es nicht getan hatte, oder er behält die Bezeichnung genus für die größeren Gruppen bei, ohne deren Stufenfolge entsprechend zu charakterisieren. Und doch besteht ein großer Fortschritt: Ray machte die Klassifikation zu einer selbständigen wissenschaftlichen Aufgabe; dadurch allein wurde der durch den Zuwachs an neuen Objekten drohenden Verwirrung Einhalt geboten. Sodann vollzog sich in Rays Arbeiten wieder einmal der Prozeß, daß ihm für die Einteilung die Formmerkmale wichtiger wurden, als die Funktionsmerkmale, ohne daß er sich dessen bewußt war. Es war ein rein praktisches Verdienst Rays, daß er die Art (Spezies) definierte und gewissermaßen zur Norm, zur kleinsten Einheit des Systems erhob. Er selbst faßte die Feststellung des Artbegriffes als ein Hilfsmittel der Klassifikation auf. „Welche Formen der Spezies nach verschieden sind, behalten diese ihre spezifische Natur beständig, und es entsteht die eine nicht aus dem Samen einer andern und umgekehrt.“ Nun ist aber dieses Zeichen der spezifischen Übereinstimmung, obschon ziemlich konstant, doch nicht beständig und untrüglich. Denn „daß einige Samen degenerieren und, wenn auch selten, Pflanzen erzeugen, welche von der Spezies der mütterlichen Form verschieden sind, daß es also bei Pflanzen eine Umwandlung der Spezies gibt, beweisen die Versuche“. Es lag also vollkommen außerhalb der Absicht Rays, dem Artbegriff die dogmatisch starre Deutung zu geben, welche später beliebte. Seine Klassifikation kann hier nicht im einzelnen verfolgt werden, doch traf sie schon durch Anwendung des Aristotelischen Grundsatzes, Ähnliches zusammenzustellen und Unähnliches zu trennen, bei dem erweiterten Tierbestande, der jetzt vorlag, vielfach das Richtige und bedeutete im einzelnen einen wichtigen Schritt vorwärts. Bei den Insekten gründete Ray im Anschluß an Swammerdam die Einteilung auf den Vollkommenheitsgrad der Metamorphose. Ray überging den Menschen im Gegensatz zu seinen sonstigen Anlehnungen an Aristoteles vollständig. Er brach dagegen zuerst mit der Tradition, welche die alten Fabelwesen mitschleppte, und nahm nur positiv erwiesene Tiere in seine Verzeichnisse auf. Er dehnte seine Tätigkeit jedoch innerhalb der Wirbellosen nicht über die Insekten hin aus. Martin Lister, sein Freund, behandelte nach Rays Prinzipien die Mollusken. Hier mag auch noch W. Charleton (1619-1707) um seiner Verdienste für die Nomenklatur willen aufgeführt sein. Er suchte zuerst einer zweckmäßigen Terminologie für die verschiedenen Eigenschaften der Form, Farbe usw. Eingang zu verschaffen.

Allgemeine Übersicht der Tiere (1693):

Tiere sind

Bluttiere und zwar

Lungenatmer mit Herzventrikeln und zwar mit

deren zwei

Lebendiggebärende

Wassertiere, Gruppe der Wale

Landtiere, Vierfüßer, oder um auch die

 Manati einzuschließen,

Haartragende, mit Einschluß

der amphibisch Lebenden

Eierlegende, Vögel

deren einem, Eierlegende Vierfüßer und Schlangen

Kiemenatmer, Blutführende Fische außer den Walen

Blutlose

Große, und zwar

Weichtiere, Polyp, Tintenfisch, Posthörnchen

Krustentiere, Heuschreckenkrebs, Flußkrebs, Taschenkrebs

Schaltiere, Einschaler, Zweischaler, Schnecken

Kleine Insekten.

3. Vermehrung der Tierkenntnis.

Daß diesem gewaltigen Aufschwunge der Zoologie am Ende des 17. Jahrhunderts ein bedeutender Niederschlag von neuen Leistungen, die sich die großen Meister zum Muster nahmen, folgen mußte, ist nicht überraschend. Nur in Kürze seien hier einige der wichtigsten zoologischen Werke aus dieser beschaulichen Periode (bis 1750) hervorgehoben.

Die Tierkenntnis nahm teils durch Ausdehnung der Zootomie über seltene oder fremdländische Formen zu: M. Sarasin (Biber, Vielfraß), P. Blair (Elefant), Jussieu (Hippopotamus), Vallisneri (Chamäleon), oder aber durch Beschreibung neuer Arten und ihrer Lebensweise: Rumph, Seba, Petiver (Südasien), Kämpfer (Japan), Pr. Alpin, Tournefort, Shaw (Orient und Nordafrika), Sloane (Zentralamerika), S. Merian (Surinam); insbesondere gewann die mitteleuropäische Fauna durch die Darstellungen von Marsigli (Donau 1726), Cysat (Schweizerseen 1661), Breyn (Schaltiere). Das Lieblingsobjekt aber bildeten die Insekten, und den großen Publikationen des 17. Jahrhunderts folgte R. A. F. de Réaumur mit seinen durch vielseitige Berücksichtigung der Biologie und Entwicklungsgeschichte klassischen Abhandlungen zur Naturgeschichte der Insekten (1734 bis 1742), der sich nebenbei auch um die Naturgeschichte der niederen Tiere, namentlich der Polypen, verdient gemacht hat. Das von ihm in Paris angelegte Museum ging später an den Jardin des Plantes über. Von verdienstvollen Arbeiten über Wirbellose sind hervorzuheben diejenigen von J. H. Linck (1733) über die Seesterne, von Marsigli (1711) über die Polypen und die Edelkoralle. Großes Aufsehen erregten die Experimente Trembleys (1744) am Süßwasserpolypen.

4. Biologische Dogmatik.