Für die Zootomie bedeutete, sofern sie nicht physiologisch orientiert war, das 18. Jahrhundert eine Zeit stiller und ruhiger Entwicklung. Die Vervollkommnung der menschlichen Anatomie, insbesondere durch B. S. Albinus (1697 bis 1770, von 1721 Professor in Leiden), zog auch eine sorgfältigere Beschreibung der tierischen Anatomie nach sich. Noch wuchs der Kreis der neu darzustellenden Formen unablässig, wenn auch die Freude an Zootomie vorzugsweise durch die an mikroskopischer Anatomie, an Studien experimenteller Art über Insekten und, von der Mitte des Jahrhunderts ab, an der Physiologie des Menschen in den Schatten gestellt wurde. Eine scharfe Trennung zwischen all diesen Zweigen der Zoologie war indes nicht durchgeführt, namentlich tritt von der Mitte des Jahrhunderts ab eine Spaltung zwischen der auf die Physiologie des Menschen orientierten Zootomie und der im Dienste der Systematik stehenden ein. So stark auch die Rückwirkungen der Physiologie Hallers, später Bichats, Magendies, Claude Bernards, Joh. Müllers und vieler anderer waren, so kann hier nur auf diese Rückwirkungen hingewiesen werden, ohne daß wir sie weiter noch verfolgen.
Die vorangehende Periode der vergleichenden Anatomie hatte mit drei Sammelwerken abgeschlossen, deren letztes (Valentini Amphiteatrum) 1720 erschienen war. Der erste Zootom, den wir nun vorzugsweise mit der Anatomie der höheren Tiere beschäftigt finden, ist Peter Camper (1722 bis 1789), „ein Meteor von Geist, Wissenschaft, Talent und Tätigkeit“ (Goethe). Ein gewandter Zeichner, weit gereist, fein gebildet, aber unruhigen Geistes, hielt er es nirgends lange aus, und hinterließ denn auch zahlreiche treffliche Monographien, aber keine größere systematische Leistung; so eine Arbeit über den Orang-Utan, über die Anatomie des Elefanten, über die Wale, Renntier, Rhinozeros. Dazu kam eine starke Tendenz, auch den Menschen naturhistorisch zu erfassen, und die Fühlung der vergleichenden Anatomie mit der Ästhetik in einer Form zu suchen, die später durch Goethe beliebt wurde. In Edinburg lehrten Alex. Monro, der Vater (1697 bis 1767), dem wir das erste Handbuch der vergleichenden Anatomie verdanken, und der Sohn (1732-1817), der sich besonders mit dem Bau der Fische — wiewohl wesentlich unter dem vergleichend die Wirbeltiere überschauenden Gesichtspunkte — befaßt, und von dem auch die sorgfältige Anatomie des Seeigels herrührt. Albrecht von Haller selbst (1708 bis 1777) ist für die vergleichende Anatomie bedeutungsvoll wegen seiner ausgedehnten Kenntnisse, seiner Einzelarbeiten über die vergleichende Anatomie des Nervensystems, über Mißbildungen, sowie um seiner mit der ganzen Macht seiner Autorität vertretenen, der christlichen Dogmatik genehmen präformationistischen Entwicklungslehre, durch die er den Fortschritt der von Harvey neubelebten Epigenese auf lange Zeit hinaus hemmte. Wohl den größten Überblick über die Zootomie besaß John Hunter (1728-1793), der Begründer der auch jetzt noch größten und am meisten nach vergleichend-physiologischen Prinzipien angelegten Sammlung der Welt, die dann in den Besitz des Royal College of Surgeons in London überging. Nur in dieser bisher unübertroffenen Schöpfung tritt uns die Organisation der gesamten Tierwelt nach den Funktionen elementarster Art entgegen. Neben einer unendlichen Zahl von Einzelbeobachtungen gab Hunter die erste bedeutendere Schrift über die Zähne und deren Entwicklung heraus, stellte eine Menge vergleichend-physiologischer Experimente an und hinterließ ein Werk über tierische Ökonomie, das erst R. Owen 1861 nach einer Abschrift, die Clift sich von den später durch Home verbrannten Manuskripten Hunters angefertigt hatte, herausgeben konnte. Einen illustrierten Katalog der Hunterschen Sammlung sowie sein Handbuch gab Everard Home (1756-1832) heraus. Eine der interessantesten Persönlichkeiten ist F. Vicq d’Azyr (1748-1794), der in Paris als Arzt und Naturforscher wirkte und lehrte und wesentlich Vergleichung der Wirbeltiere bis in die äußersten Einzelheiten empfahl, um damit eine Basis für die Erklärung der Funktionen im Sinne von Hallers Physiologie, aber in größerer Ausdehnung, über die Tierwelt zu schaffen. Neben Buffon ist er Vertreter der Einheit der Organisation. Diese begründet er vor allem aus der Übereinstimmung der elementaren Funktionen, nähert sich also damit am meisten John Hunter. Sein Hauptwerk ist sein Traité d’anatomie et de physiologie, Paris 1786. Insbesondere galten seine Bemühungen der vergleichenden Anatomie des Schädels und der Extremitäten. Noch dunkel sind die Einflüsse der Iatromechanik und Iatrochemie, sowie des Animismus auf die Entwicklung der Zoologie und Zootomie in dieser ganzen Periode.
In Deutschland sind als vergleichende Anatomen von bedeutenden Verdiensten im 18. Jahrhundert insbesondere zwei zu nennen: J. F. Blumenbach und Kielmeyer. Ersterer (1752-1840) behandelte in der Hauptsache Buffonsche Probleme, insbesondere die Naturgeschichte des Menschen, vertrat in seiner witzigen Schrift „Über den Bildungstrieb“ den Vitalismus, las von 1785 als erster auf einer deutschen Hochschule (Göttingen) vergleichende Anatomie und schrieb über denselben Stoff das erste deutsche Handbuch. K. F. Kielmeyer (1765-1844) war als Professor an der Karlsschule von entscheidendem Einfluß auf Cuviers Entwicklung. Ein Vorbote der Naturphilosophie und doch stark im Gefolge der Hallerschen Reizlehre, sammelte er umfangreiches Material als Vorstand der wissenschaftlichen Sammlungen in Stuttgart, um „die Zoologie auf vergleichende Anatomie und Physiologie zu gründen und eine möglichst vollständige Vergleichung der Tiere unter sich nach ihrer Zusammensetzung und nach der Verschiedenheit ihrer organischen Systeme und deren Funktionen durchführen zu können“. A. von Humboldt schätzte ihn als den „ersten Physiologen Deutschlands“.
VI. Französische Zoologie von der Mitte des 18. Jahrhunderts an.
Als die französische Zoologie können wir einen Ausschnitt aus der Geschichte unserer Wissenschaft bezeichnen, der im Zeitraume von etwa 1750-1860 sich vorwiegend in Paris abspielt. Daß Zoologen sich zu gemeinsamer Arbeit verbündeten (z. B. Ray, Willughby, Lister), oder Schüler die Werke der Lehrer herausgaben oder an ihnen mitarbeiteten, kam ja auch sonst vor. Aber eine Organisation unserer Wissenschaft an einem Ort durch mehrere selbständige Forscher und auf die Dauer von vier Generationen hin, verbunden mit einer entsprechenden Wirkung nach außen, das war ein geschichtliches Ereignis, das einzig dasteht und daher eine einheitliche Betrachtung erheischt.
Der Schauplatz dieses Ereignisses bildete das erste und zeitweise hervorragendste naturwissenschaftliche Institut Mitteleuropas. Aus einem im 15. Jahrhundert zu pharmazeutischen Zwecken angelegten Garten entwickelte sich ein botanischer Garten, der, 1635 von den Ärzten Ludwigs XIII. neu organisiert, neben den Heilmitteln auch Exemplare aller naturhistorischen Kuriositäten enthalten sollte. Dieser „Garten des Königs“, später „Pflanzengarten“ genannt, diente schon früh auch als Mittelpunkt zoologischer Bestrebungen. Duverney war sein erster Anatom, du Fay, Buffons Vorgänger, ruinierte sich an diesen Sammlungen. Reiche Schenkungen flossen ihnen im 18. Jahrhundert zu. 1793 wurde er durch Verordnung des Nationalkonvents reorganisiert, mit einer Bibliothek versehen, zwölf Unterrichtskurse an ihm eingerichtet und ihm die Bezeichnung „Museum für Naturgeschichte“ beigelegt. In der Revolutionszeit bildete er einen kleinen Freistaat, dessen Selbstherrlichkeit niemand anzutasten wagte. Ja sogar Napoleons Maßregeln widersetzte sich das Museum gelegentlich mit Erfolg, und 1815 wurden die Sammlungen auf A. von Humboldts Intervention gegen jeden Eingriff geschützt. Die Blütezeit fällt ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts. Später wurde die Vereinigung aller Zweige der Naturgeschichte ein Hindernis für die Konkurrenz mit spezieller ausgebildeten Anstalten des Auslandes.
Abgesehen von den Publikationen der einzelnen noch zu nennenden Autoren, nahmen am Pflanzengarten große und vorbildliche literarische Unternehmen ihren Ursprung. So die Encyclopédie Méthodique (begonnen 1782, aufgehört 1832), die Annales (später Mémoires) du Museum (1802), die Annales de Sciences naturelles (1824).
1. Buffon.
An der Schwelle des Aufschwunges der französischen Zoologie begegnet uns Buffon, ein Zeitgenosse Linnés. G. L. Leclerc, nach seiner Besitzung in der Bourgogne de Buffon genannt, später in den Grafenstand erhoben, geboren 1707, wurde nach mathematischen Studien 1733 Mitglied der Pariser Akademie, 1739 Intendant des Pflanzengartens, unterstützt von dem jüngeren Arzt L. M. Daubenton (1716-1799) und anderen Mitarbeitern. 1749 erschien die Histoire naturelle, 1778 die Epoques de la nature; er starb 1788. Im Anschluß an Leibniz und die Enzyklopädisten empfand Buffon das Bedürfnis, die Tierwelt dem Weltganzen als Teilerscheinung einzugliedern, und zwar nicht nur als Teil des Bestandes, sondern des Entstehens der Welt. Ausgehend vom feurigen Zustand des Erdballes, entwarf er eine Entstehungsgeschichte der Erde, die in der Geologie revolutionierend wirkte trotz oder vielleicht wegen ihres stark hypothetischen Charakters. Auf dem Schauplatz der Erdoberfläche entwirft er die erste ins Große gehende Übersicht der Faunen, insbesondere der kontinentalen, deren Charakter er zuerst festlegt und auf erdgeschichtliche Erscheinungen zurückführt; so läßt er sie mit der Abkühlung der Pole dem Äquator zu wandern und setzt die Konstitution der Lebewesen im einzelnen mit ihren Lebensbedingungen, natürlichen Grenzen, Klima usw. in Zusammenhang. Durch Urzeugung läßt er im Anschluß an die Materialisten kleinste organische Teile entstanden sein (man würde vor 50 Jahren gesagt haben: Zellen; heute: Biophoren), aus denen heute noch Protozoen hervorgehen sollten. Dieselben organischen Moleküle sollten als Überschuß der Nahrung des erwachsenen Organismus zu den Zeugungsstoffen werden, die Entwicklung wäre dem Kristallisationsprozeß zu vergleichen. Damit wurde Buffon zum Epigenetiker und Vorgänger C. Fr. Wolffs. Neben dieser hypothetischen Kosmogonie verdanken wir Buffon aber die Schilderung der Organismenwelt, die für die ganze Folgezeit mustergültig ist und bleiben wird. Einer der ersten Prosaschriftsteller Frankreichs, hat er der Naturbeschreibung ihre eigentliche Form gegeben. Während man z. B. von der Vogelwelt vor ihm nur sehr wenig gute Darstellungen besaß, hat er die lebendigsten und stimmungsvollsten Bilder entworfen; ebenso sind seine Beschreibungen der Säugetiere wahre Kunstwerke, vorab die des Menschen, der vor Buffon niemals Gegenstand einer speziellen, die mannigfachen Erscheinungen und die Beziehungen zur Außenwelt gleichmäßig berücksichtigenden Naturgeschichte gewesen ist. Das Bild Buffons ist lange Zeit durch seine Stellung zu Linné und der Systematik verdunkelt worden. Dessen Vereinfachung des Ausdruckes für eine Lebensform und ihren Reichtum fand bei Buffon keine Gnade. Seine Polemik gegen Linné, die dieser unbeantwortet ließ, und gegen die Künstlichkeit der Formen der Systematik ist uns heute verständlicher, weil wir wiederum mehr die Klüfte sehen, die die Lebewesen der Gegenwart voneinander trennen. Und doch mußte Buffon vor dem, was an Linnés System natürlich war, insofern kapitulieren, als er später die Beschreibungen verwandter Arten aneinanderreihte. Und die Annahme einer Verwandtschaft des Ähnlichen trat ihm sowohl wie Linné in späteren Jahren immer mehr in den Vordergrund, so daß er zur Überzeugung kam, wenn man Pflanzen- und Tierfamilien zulasse, so müsse man auch den Menschen und die Affen zu derselben Familie zählen, ja annehmen, daß alle Tiere nur von einem abstammen, das im Laufe der Zeit durch Vervollkommnung und Degeneration alle Formen der übrigen Tiere erzeugt habe. Buffon hat der Zoologie unvergleichliche Dienste durch die Popularisierung und die Form, in der sie geschah, getan. Das Erscheinen der Naturgeschichte erregte in ganz Europa das größte Aufsehen; Fürsten und Völker versenkten sich in sie und an ihrer Hand in die Rätsel der belebten Natur. Es war sein Werk, daß während der Französischen Revolution die Blüte unserer Wissenschaft kaum eine Unterbrechung erfahren hat.
Daubenton ergänzte Buffon durch die sorgfältigsten Beschreibungen von Habitus und Anatomie der höheren Tiere, durch eingehendere Vergleichungen des Skelettes der Säugetierabteilungen, als sie zuvor üblich waren. Lacepède (1756 bis 1825), unter Anlehnung an Linné und Buffon zugleich, ist als der Ergänzer von Buffons Arbeit nach der Seite der Ichthyologie bemerkenswert.