2. Lamarck.

Der bedeutendste französische Forscher, der sich an Buffon anschloß, war J. de Monet, später Chevalier de Lamarck (geboren 1744 in der Pikardie, 1760 Offizier, später pensioniert, 1779 Mitglied der Pariser Akademie, von 1793 an Professor am Jardin des Plantes für Wirbellose, gestorben 1829). In seinen Anschauungen unter unmittelbarem Einflusse von Buffon stehend, ließ er der Hypothese einen noch breiteren Spielraum und überraschte durch seine glänzenden Einfälle, die mit einer ausgedehnten Kenntnis der Zoologie der lebenden und fossilen Wirbellosen verbunden auftraten. Noch mehr als bei Buffon brach sich bei Lamarck die Überzeugung Bahn, daß die Tierwelt auf gemeinsame Urformen zurückgehe. In den Urorganismen hätten die Bedürfnisse mit der Außenwelt in Beziehung zu treten versucht, und so sei unter dem Einfluß von Gebrauch und Nichtgebrauch, sowie der Vererbung erworbener Eigenschaften höhere Organisation entstanden, die einen Organe hätten zugenommen, die anderen seien verkümmert, dadurch, daß ein innerer Antrieb die Säfte mehr nach den derselben bedürftigen Stellen dirigiert hätten. Lamarck denkt sich den Ablauf streng mechanisch auf Grund der Annahme, das Leben beruhe auf zwei Agenzien: Wärme und Elektrizität. Mit Buffon nimmt Lamarck an, die Existenzform sei aus den Anforderungen der Umgebung an den Organismus entstanden, nicht auf sie eingerichtet. Im Formenkreis der fossilen Mollusken findet er allmähliche Übergänge, die zu den lebenden hinüberleiten, wie er denn überhaupt den Schwerpunkt der Forschung auf die niederen, weil einfacheren, Organismen verlegt. Urzeugung nimmt er nur für die niedersten Wesen an, die höheren sind aus diesen entstanden. Er protestiert zuerst vom Standpunkt der Umwandlung der Arten gegen die Begriffe der Klassifikation; diese sind vielmehr nur Schranken unseres Wissens. Der Mensch gilt ihm als das vollkommenste Lebewesen, und er schildert, wie seine Abstammung vom höchsten Affen zu denken wärewenn wir nicht wüßten, daß er anderer Abkunft wäre als die Tiere. Mit diesen Anschauungen konnte Lamarck nicht den Glauben an unveränderliche Arten vereinigen; seine Bemühungen zielten infolgedessen dahin, die Veränderlichkeit der Arten zu erweisen. Die natürliche Ordnung der Organismen ist nicht (wie mit Bonnet) in einer fortlaufenden Reihenfolge der Lebewesen zu suchen, sondern sie kann nur die sein, in der die Organismen wirklich entstanden sind. Demgemäß hat denn auch Lamarck zuerst das Schema des Stammbaumes gewählt, um die Verwandtschaft der Organismen zum Ausdruck zu bringen.

Lamarck erweitert die Zahl der Klassen der „Wirbellosen“, die er zuerst den „Wirbeltieren“ unter dieser Bezeichnung gegenüberstellt. Er kommt 1809 auf die Einteilung der ersteren in Mollusken, Krustazeen, Arachniden, Insekten, Würmer, Strahltiere, Polypen, Rankenfüßler, Ringelwürmer, Aufgußtiere (die gesperrten seit Ray neu), wobei er überall der Systematik eine anatomisch begründete Unterlage gibt. Abgesehen von den zahl- und umfangreichen Arbeiten Lamarcks kommen insbesondere in Betracht die Naturgeschichte der wirbellosen Tiere, seine Hydrogeologie 1801 und die Philosophie zoologique 1809.

Tabelle, um den Ursprung der verschiedenen Tiere darzutun.

Lamarck ist von seinen Zeit- und Arbeitsgenossen als Phantast mit Achselzucken betrachtet worden. Er stand am Pflanzengarten nicht an erster Stelle. Mild und nachgiebig, daher auch nicht mit der Tradition der mosaischen Schöpfungslehre brechend, gedrückt von schweren äußeren Schicksalen, so lebte er nur in der Spezialwissenschaft fort, bis seine Ideen zeitgemäß und geradezu für eine naturphilosophische Schule, den Neo-Lamarckismus, zum Leitstern wurden.

3. Etienne Geoffroy St. Hilaire.

In die geistige Führung am Pflanzengarten teilten sich Cuvier und Etienne Geoffroy Saint-Hilaire, ein Mann, der nicht nur als Forscher, sondern auch als Mensch an erster Stelle steht und stehen wird. Geboren 1772, begab er sich, nachdem er die juristischen Studien aufgegeben, nach Paris, um unter Brisson, Haüy, Daubenton sich naturhistorischen Studien zu widmen. Nach Lacepèdes Rücktritt wurde er Assistent, 1793, erhielt im gleichen Jahre einen Lehrstuhl für Zoologie der Wirbeltiere und hielt die ersten Vorlesungen in Frankreich über dieses Gebiet, 1793 organisierte er die „Menagerie“ des Pflanzengartens, rief 1795 Cuvier an dasselbe Institut, begleitete 1798-1804 die Expedition Napoleons nach Ägypten, ging 1808 als wissenschaftlicher Kommissar auf die Pyrenäenhalbinsel. Ins Jahr 1830 und folgende fällt der epochemachende Streit mit Cuvier, 1838 legte er die Leitung der Menagerie nieder, trat 1840 zurück und starb 1844. Etienne Geoffroy hat während der Dauer seines ganzen Lebens die Zoologie nach all ihren Seiten mit einer großen Fülle von streng wissenschaftlich gehaltenen Monographien beschenkt. Wo es immer die Gelegenheit ergab, gewann er dem Stoffe besonders durch anatomische Vergleichung neue Seiten ab. Er legte den Grund zur Anatomie der Säugetiere, deren seltenere Formen damals dem Pflanzengarten zuflossen, er erschloß die Fauna Ägyptens, wo er Polypterus entdeckte, was nach Cuviers Urteil allein eine ägyptische Expedition gerechtfertigt hätte; neben Cuviers nehmen auch Geoffroys paläontologische Arbeiten einen hohen Rang ein. Die Vergleichung des Schädels, der Gehörknöchelchen, des Kiemenskeletts durch die Reihe der Wirbeltiere, aber auch anderer Organsysteme bildet einen großen Teil seiner Spezialarbeiten. Die Anatomie führte ihn zur Entwicklungsgeschichte und zu der Lehre von den Mißbildungen, die ihn zu ihren Neubegründern zählt. Ferner kam er nach der Richtung der vergleichenden Physiologie auf die Einwirkung der Außenwelt auf den Organismus, die Lehre von der Tierzüchtung. Außer diesen Hunderten von Monographien sind als Hauptwerke besonders hervorzuheben: Philosophie anatomique 1818, Principes de Philosophie zoologique 1830, sowie sein Anteil an den Publikationen der ägyptischen Expedition.

Et. Geoffroys allgemeine Ansichten lehnen sich zumeist an die Buffons an. In der Verwendung der Spekulation geht er weniger weit ins Unbekannte der Weltschöpfung hinaus als Buffon und Lamarck; er beschränkt sich auf die Organismenwelt. Hier schwebt ihm eine allgemeine Gesetzmäßigkeit von Sein und Werden vor, eine Art einheitliches Gesetz der organischen Natur, das in verschiedenen Prinzipien zum Ausdruck kommt. Dadurch berührt er sich mit der deutschen Naturphilosophie. Anders als die Analytiker Linné und Cuvier, ist er synthetisch gerichtet und sucht überall die Einheit, sowohl in der Organisation selbst wie in den Einflüssen der Außenwelt. Die Gleichmäßigkeit, womit Geoffroy alle Beziehungen der von ihm geschilderten Organismen untersucht, womit er die Logik auf alle Erscheinungen anwendet, verleiht seinen Arbeiten etwas Unvergängliches. Mit Lamarck nimmt Geoffroy die Veränderlichkeit der Organismen an, aber nicht eine unbegrenzte. Er verlegt nicht mit Lamarck die Ursache der Veränderung in Gebrauch und Nichtgebrauch, sondern in den Einfluß des umgebenden Mediums. Im Gegensatz zu Cuvier ist ihm die Form das Bestimmende für die Funktion und Lebensweise; so allein erhalten die rudimentären Organe einen Sinn. Demgemäß hält Geoffroy die Umwandlung der Art für möglich, den Transformismus für eine zulässige Hypothese. Die individuelle Entwicklungsgeschichte zieht er zunächst für die vergleichende Anatomie des Schädels bei. Auch ihm ist die Embryonalentwicklung ein Auszug des Weges, den die Arten bis zu ihrem heutigen Zustand zurückgelegt haben. 1820, ein Jahr vor J. F. Meckel, tritt er mit seiner Lehre von den Mißbildungen hervor, die er in vollem Umfange als Entwicklungsstörungen, Verzögerung und Stillstand, betrachtet, während noch Winslöw und Haller diese Erklärungen nur zum Teil zugelassen, zum Teil aber Präformation mißbildeter Keime angenommen hatten. Aber er begnügt sich nicht mit Beschreibung und Klassifikation der Mißbildungen, sondern da er sie durch Einflüsse der Umgebung erklärt, sucht er durch ebensolche Einflüsse auf künstlichem Wege Mißbildungen hervorzurufen (Schüttelversuche, Luftabschluß usw.). Als Epigenetiker hat er die Präformation auch der mißbildeten Keime endgültig beseitigt und die Teratologie den organischen Naturwissenschaften eingereiht. Aus der ungemein breiten Erfahrung und der Einheit der Betrachtungsweise ergaben sich für Et. Geoffroy einige Erfahrungssätze allgemeiner Art, deren Anwendung nur deswegen oft etwas Künstliches oder Gewaltsames an sich hatte, weil die Klassifikation der lebenden Tiere noch zu sehr als eine natürliche Reihenfolge aufgefaßt wurde. Nach dem Prinzip der Analogie sollten sich die Teile bei verschiedenen Tieren entsprechen, nach dem des Gleichgewichts der Organe bei Zunahme der einen Teile andere zurücktreten (Extremitäten des Straußes). Sein Ideal ist, es sollten Tiere unter ganz veränderte Lebensbedingungen gebracht und dadurch konstante Varietäten erzeugt werden, da der Einfluß der Umgebung ein geradezu allmächtiger sei. So ließ er denn auch bereits einen seiner Schüler permanente Larven der Wassersalamander auf experimentellem Wege darstellen. Mit alledem ist Etienne Geoffroy der vielseitigste und innerlich freieste dieser Forscher gewesen, dessen Arbeiten auch heute noch in jeder Hinsicht belehrend wirken.

4. G. Cuvier.