IX. Zoographie nach der Mitte des 18. Jahrhunderts.

1. Fortbildung der Klassifikation.

Wenn von der weiteren Entwicklung der Zoographie und Systematik von Linné an im folgenden Abschnitt die Rede ist, so versteht sich von selbst, daß die Hauptentwicklung sich innerhalb der französischen Zoologie vollzieht und die Zoologie anderer Länder auch bei großartigen Leistungen doch meistens nur als Partnerin, selten aber überlegen an die Seite tritt. Daher fällt ein Teil des hierhergehörigen Stoffes mit der in den vorhergehenden Abschnitten behandelten Geschichte zusammen. Vergleichen wir die Zahl der beschriebenen Arten der wichtigsten Tiergruppen zu Linnés Zeiten und in der Gegenwart, so erhellt daraus eine solche Massenzunahme unserer Kenntnis, daß eine Aufsplitterung wie bei der Zoographie bei der Systematik als notwendige Folge erscheint. Einer Zusammenstellung von Möbius zufolge haben von der zehnten Auflage Linnés, also 1758-1898 im ganzen 2700 Autoren über 400000 Spezies von Tieren bekannt gemacht. Auf die einzelnen Gruppen entfallen folgende Zahlen:

Tierklassen Zahl der Spezies
in Linnés
Systematik,
10. Aufl. 1758
Ungefähre
Zahl der jetzt
bekannten
Spezies
Säugetiere   183   3 500
Vögel   444  13 000
Reptilien und Amphibien   181   5 000
Fische   414  12 000
Schmetterlinge   542  50 000
Käfer   595 120 000
Hymenoptern   229  38 000
Diptern   190  28 000
Neuroptern    35   2 050
Orthoptern   150  13 000
Hemiptern   195  30 000
Spinnen    78  20 000
Tausendfüßler    16   3 000
Krebse    89   8 000
Pyknogoniden    —     150
Würmer    41   8 000
Manteltiere     3     400
Moostiere    35   1 000
Mollusken und Brachiopoden   674  50 000
Echinodermen    29   3 000
Schwämme    11   1 500
Protozoen    28   6 000
Summe der Arten  4 236 418 500

Wenn wir diesen Zeitraum überblicken, so hat sich die scheinbar einfachste Arbeit, die sorgfältige Beschreibung und die Umgrenzung der Arten nach übereinstimmenden konstanten Merkmalen, am meisten gelohnt, in zweiter Linie die Wiedereinführung anatomischer Prinzipien in die Klassifikation durch Cuvier, endlich die Verknüpfung mit den Tatsachen der räumlichen und zeitlichen Verbreitung. Relativ geringer Wert kommt aber den Resultaten der Klassifikation zu, da durchgehends das reale Band der Blutsverwandtschaft, auch wo es geahnt wurde, vor 1860 nicht zu Schlußfolgerungen für die Systematik verwertbar wurde, dann aber zu einer überraschenden Entwertung gerade der oberen Gruppen des Systems führte, während die Art ihre praktische Bedeutung behielt. Es kann daher nicht Aufgabe unserer kurzen Darstellung sein, die Resultate der Klassifikation ausführlich zu behandeln, vielmehr sind nur die wichtigsten Fortschritte der Klassifikation sowie die bedeutendsten Vermehrungen und Bereicherungen unserer Kenntnis durch Reisen hervorzuheben.

In diesen Dingen zeigt die Periode von Linné bis zur Mitte des Jahrhunderts stark einheitliche Züge. Reisen zugunsten der Zoologie werden jetzt nicht nur etwas häufiger, sondern man nimmt geschulte Naturforscher mit an Bord. Doch ist ihre Tätigkeit noch in erster Linie auf Sammlung für Museumszwecke berechnet, nicht mit zootomischen oder physiologischen Absichten verbunden. Die Museen haben noch den Charakter von Raritätenkammern, ihr Inhalt ist universal, sie enthalten also nicht getrennte Abteilungen für Belehrung und wissenschaftliche Arbeit und sind noch an die europäischen Kulturstätten gebunden, nicht universal verbreitet mit lokal spezialisierten Absichten; ebenso sind die Tiergärten noch Schaustellungen fürs Publikum, nicht Versuchsstationen, wie sich denn auch die Laboratorien noch nicht von den Museen ablösen und den Lebensbedingungen der zu erforschenden Lebewelt anpassen. Alle die weiteren Entwicklungen gehören erst der zweiten Hälfte des Jahrhunderts an.

Es versteht sich fast von selbst, daß die Schilderung einzelner Tiergruppen unter steigender Spezialisierung an Umfang und Genauigkeit zunahm. Es würde zu weit führen, wollten wir all dieser Monographien gedenken, die, abgesehen von den geschichtlich bedeutungsvollen Persönlichkeiten, eine Menge sorgfältiger und fleißiger Einzelarbeiter beschäftigt haben. Nach verschiedenen Seiten sind indes die zoographischen Spezialgebiete zu allgemeinerer Bedeutung gelangt, wovon hier kurz Notiz genommen werden muß.

Die Protozoen traten aus dem Zustande eines Lieblingsobjektes dilettierender Mikroskopiker mit dem Auftreten der Zellenlehre; von Siebold bildete namentlich die Lehre von ihrer Einzelligkeit aus. In ihrer Bedeutung für die Entwicklungslehre vielfach überschätzt, gewannen sie wiederum gegen Ende des Jahrhunderts an Aktualität durch den Einblick in ihren Wert als Krankheitserreger für die medizinische Zoologie.

Über die Schwämme herrschten anfangs des Jahrhunderts noch sehr unklare Vorstellungen, bis Grant 1826 die Kenntnis ihres Baues zu fördern begann und die Untersuchung ihrer Entwicklung sie den Zölenteraten nahe brachte.

Die Gasträaden wurden als Übergangsgruppe zwischen Protozoen und Metazoen 1876 von Haeckel aufgestellt.