In innigster Verkettung und Durchdringung spielen sich in der entwickelten Seele gewußte und einfach bewußte, unterbewußte und relativ unbewußte Vorgänge ab, einander wechselseitig beeinflussend. Bedeutsam ist hierbei die Rolle des minder Bewußten. Es macht einen wesentlichen Teil unserer Triebfedern und Motive aus, es ist mitbestimmend für die Richtung unseres Handelns, es gibt unserer Psyche die eigenartige, scheinbar grundlos wechselnde „Stimmung“, die sich über alles ergießt, was wir erleben. Die scheinbar geringfügigsten Eindrücke, die wir gar nicht bemerken, die aber nichtsdestoweniger in uns wirken, indem sie von unserer Umwelt ausgehen, kommen für die Richtung, die Lebhaftigkeit, die Geschwindigkeit, die Frische, den Gefühlston usw. unserer psychischen Reaktionen in Betracht; dazu gehören auch die organischen Empfindungen, die von unserem eigenen Leibe ausgehen und durch ihren Gefühlston das übrige Seelenleben beeinflussen[45], ferner die Empfindungen, die durch die Bewegung und Haltung unseres Körpers ausgelöst werden. Bedeutsam sind insbesondere auch die unterbewußten Nachwirkungen von Erlebnissen, welche kürzere oder längere Zeit in der Seele nachklingen, bis ein bestimmtes Erlebnis, welches zuerst die Seele in einer gewissen Spannung erhielt, sich ausgelebt hat; hierbei kommt es oft entweder zu einem Zusammenwirken zweier oder mehrerer Erlebnisse zu einer verstärkten Resultante, oder aber zu einer Interferenz und Opposition solcher Erlebnisse. Jedenfalls kann man mit Recht von psychischen Wellenzügen und Strömungen sprechen, von einem psychischen Anklingen und Abklingen u. dgl.[46]. Die ganze Vergangenheit der Psyche ist für das jedesmalige neue Erleben in verschiedenem Grade bedeutsam, für ihr Erkennen wie für ihr Fühlen und Wollen. Das, was die Seele reaktiv und aktiv erlebt, durchgemacht hat, das ist sie, das bildet einen wesentlichen Teil ihres Seins; wie sie ist, so wirkt sie, und wie sie wirkt, so ist sie. Das Zentrum, der relativ konstante Kern der Seele, das sind die Dispositionen, die in Form von Gewohnheiten, Fertigkeiten, Neigungen auftreten und die, aus früheren Erlebnissen hervorgegangen, die neuen Erlebnisse formal mitbedingen. Weil diese Dispositionen in der Regel nicht zu klarem Bewußtsein gelangen, weil das „Unterbewußte“ mit seinen Antrieben das ganze Seelenleben trägt und durchsetzt, aus einem stetig wachsenden Ressort aufsteigend, kennt sich das Subjekt nur wenig, wenn es bloß seine klar bewußten Erlebnisse in Betracht zieht. Nur ein Teil der psychischen Vorgänge ist aus klar bewußten Erlebnissen (und auch da nicht restlos) abzuleiten. Wo dies nicht gelingt, ist das Prinzip der Kausalität keineswegs durchbrochen, es gibt auch keine absolut „freisteigenden“ Vorstellungen, absolut unbewußte Assoziationen u. dgl., sondern es besteht ein minderbewußter, relativ unbewußter Untergrund und es gibt unterbewußte Vermittler von Bewußtseinsprozessen und deren Verbindungen. Eine scharfe psychologische Analyse kann nachträglich solche Zwischenglieder ermitteln, und wir können wohl annehmen, daß sie auch dann vorhanden sind, wenn wir sie nicht zu unterscheiden vermögen.

Differenzierung und Integrierung charakterisieren wie alle Entwicklung so auch die psychische Evolution. Das gilt wie für die Psyche als Ganzes so auch für deren Einzelerlebnisse, phylo- wie ontogenetisch. Ein dumpfes, verworrenes, chaotisches Bewußtsein ist der Ausgangspunkt dieser Entwicklung, die ihren idealen Höhepunkt in der klarsten und umfassendsten Synthese („Integration“) einer reichsten Mannigfaltigkeit scharf unterschiedener („differenzierter“) Inhalte des Bewußtseins erreicht. Ein gutes Beispiel dafür ist das Hervorgehen der mannigfachen Sinne aus einem primitiven Hautsinn, der noch kaum lokalisiert ist. Durch Anpassung an die verschiedenen physikalisch-chemischen Reize verändert und verfeinert sich die psychophysische Organisation dahin, daß nun für jeden Typus des Reizes eine besondere Art des Empfindens besteht, die infolge der Arbeitsteilung auch schärfer ausgeprägt ist. Diese Mannigfaltigkeit von Empfindungsarten vermag das entwickelte Bewußtsein dadurch zu „integrieren“, daß es sie in immer klareren und deutlicheren Vorstellungen zusammenfaßt. Im gleichen Sinne entwickeln sich dann auch die gedanklichen Gebilde, Begriffe und Urteile, indem sie einerseits immer spezieller und bestimmter werden, anderseits immer zweckmäßiger zur Einheit des Denkens und Erkennens zusammengefaßt werden. Die Fähigkeit der Synthese entwickelt, steigert sich parallel damit und zwar in bestimmter „Gesetzlichkeit“, aus welcher die „apriorischen“ Erkenntniskonstanten, die „Formen“ der Erkenntnis entspringen; die Genesis dieser ist also keineswegs, wie man zuweilen geglaubt hat (Spencer u. a.) mit einem empirischen Charakter derselben identisch, was hier nur nebenbei bemerkt sei[47]. Ebenso differenziert und integriert sich das Gefühlsleben, immer speziellere und feinere Gefühlsnuancen verdrängen das anfangs noch arme, rohe Gefühlsleben, zugleich schwächt sich teilweise die ursprüngliche Heftigkeit der Affekte ab. Endlich tritt das ursprünglich äußerst einfache, arme Triebleben in eine Mannigfaltigkeit von Willenstendenzen auseinander, welche die verschiedensten Richtungen haben und doch immer mehr zur Einheit eines obersten „Grundwillens“ verbunden werden. Während also die niedrigste Bewußtseinsstufe ein höchst einfaches, durch einzelne Reize unstetig ausgelöstes, des inneren Zusammenhanges noch entbehrendes „Momentanbewußtsein“ sein muß, finden wir auf den höchsten Stufen der Entwicklung eine allseitige Differenzierung, eine außerordentliche Fülle von Qualitäten, verbunden mit einer „zentralisierten Organisation“ des Seelischen; an Stelle bloßer Gefühls- und Strebungseinheit tritt die synthetische Einheit des wollenden und denkenden, sich in der Mannigfaltigkeit seiner Inhalte konstant zusammenschließenden Selbstbewußtseins.

Differenzierung und Integrierung sind auch für das Verhältnis des Einzelgeistes zum Gesamtbewußtsein charakteristisch[48]. Ein isolierter, absolut selbständiger Individualgeist ist nirgends zu finden, von Anfang an bildet das Einzelbewußtsein ein Glied eines Zusammenhanges, der durch die Wechselwirkung gleich gearteter Individuen entsteht und sogleich auf die letzteren zurückwirkt. Erst innerhalb des sozialpsychischen Verbandes erfolgt die immer weiter gehende Differenzierung der Individualseelen bzw. bestimmter Gruppen von solchen, eine Differenzierung, die so weit gehen kann, daß ein Gegensatz zum Gesamtgeist entsteht. Aber diese psychische Differenzierung, die durch die Verschiedenheit der Lebensweise, des Berufes, des Milieu, der Erlebnisse usw. erfolgt, ist von einer Integrierung begleitet, indem der gleiche Beruf usw. einen gemeinsamen Berufs- und Korpsgeist erzeugt. Auf die Abtrennung der Individualitäten vom Gesamtbewußtsein folgt eine neue Bindung durch das letztere, ein Gesamtbewußtsein höherer Stufe mit wachsender Bewußtheit des Zusammenhanges, mit Überwiegen des willentlichen Aneinanderschließens und Kooperierens vor dem zuerst rein triebmäßigen Zusammengehörigkeitsgefühl. Auf die, wie Tönnies sagt, vom „Wesenwillen“ beherrschte naturhafte „Gemeinschaft“ folgt die durch mehr äußere Interessen und durch „Willkür“ bedingte „Gesellschaft“, der aber, fügen wir hinzu, sich allmählich weitergreifend und verinnerlichend, eine von einem neuen Wesenwillen beherrschte, kulturelle Gemeinschaft im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln sich überlagert. Zwischen Gesamt- und Einzelbewußtsein findet eine beständige Wechselwirkung statt. Einerseits wächst das Einzel-Ich in eine ihm als objektive Macht von Anfang an gegenüberstehende Gesamtheit hinein, durch deren Tendenzen es mehr oder weniger beeinflußt wird, abgesehen von dem Niederschlage kollektiv-psychischen Lebens, welches in Form von Dispositionen vom Individuum ererbt wird; der Gesamtgeist wirkt durch Erziehung, Zwang der Sitte, Nachahmung u. dgl. auf das Individualbewußtsein, in dem er schon partiell der Potenz nach enthalten ist, ein. Die aus dem „Gesamtgeist“ differenzierten „Individualseelen“ modifizieren ihrerseits den Gesamtgeist fortwährend, besonders die „führenden Geister“, welche einerseits der klarste und kräftigste Ausdruck von Tendenzen und Idealen des Gesamtgeistes, anderseits die relativ originellen Neugestalter des Gesamtgeistes sind. Endlich stehen die Gebilde des Gesamtgeistes: Recht, Wirtschaft, Religion usw. in Wechselwirkung miteinander, und zugleich besteht eine Entwicklung innerhalb jedes dieser Gebilde[49]....

Die Entwicklung der Einzel- wie der Gesamtpsyche ist eine „gesetzliche“. Freilich kann hier nicht von Gesetzen im Sinne der Physik, sondern eben nur von Entwicklungsgesetzen, die hier den Charakter typischer Sukzessionen haben, denen die kausal-teleologische Wirksamkeit des Psychischen zugrunde liegt, die Rede sein. Differenzierung und Integrierung, Auseinandertreten des relativ homogenen Erlebens in eine Mannigfaltigkeit gesonderter Bewußtseinsvorgänge und darauf folgende Zusammenfassung zu einheitlichem Zusammenhange — das ist etwas, was die psychische mit der biologischen Entwicklung gemein hat. Ebenso finden wir das Prinzip der „Heterogonie der Zwecke“ schon in der biologischen Sphäre, wo es freilich schon mit psychischen Faktoren zusammenhängt. Charakteristisch für das Psychische ist vor allem die Entwicklung in Gegensätzen, welche vom Kontrastprinzip beherrscht wird und mit der Natur des Gefühls- und Willenlebens zusammenhängt. Dadurch nämlich, daß sich Gefühle und Strebungen zu höchster Stärke und Wirkung ausleben, findet eine Übersättigung und Abstumpfung der Psyche statt, die nun, des Alten überdrüssig, nach Neuem, nach Veränderung ihres Zustandes strebt. Da nun das Bewußtsein des Neuen vorzüglich durch die gegensätzlichen Strebungen, die infolge des Nachlassens der älteren an Kraft gewinnen, konstituiert wird, so ist der Umschlag der Tendenzen ins gerade Gegenteil, der Übergang von einem Extrem zum andern leicht verständlich[50]. Besonders zeigt sich eine solche Entwicklung im geschichtlichen Geistesleben, im Wechsel z. B. von Moden, von künstlerischen Richtungen, von politischen oder religiösen Strömungen. Die Gegensätze folgen einander nicht bloß in der Zeit, sondern auch in einer und derselben Periode ruft das eine Extrem leicht das andere, gegensätzliche hervor, so daß z. B. nüchternste Wirklichkeitsbetrachtung auf der einen Seite mit Mystik und Aberglauben auf der andern in derselben Zeit zusammengehen können. Indem zur Thesis sich sogleich die Antithesis gesellt, fehlt es freilich auch fast nie an einer „mittleren Linie“ der Geistesstimmung, an der Synthese von Extremen, bald in eklektischer Weise, bald aber auch in organischer, schöpferischer Form, die sich dann weiter entwickelt und, wenigstens als Tendenz, den Extremen Konkurrenz macht, wie dies besonders das Beispiel philosophischer Systeme oder Theorien lehrt. Da die Synthese nie absolut, nie vollendet ist, da in den synthetischen Versuchen immer wieder neue Einseitigkeiten vorkommen, kommt das Geistesleben nie zur Ruhe, sondern mit einer gewissen Periodizität kommen die gleichartigen Tendenzen immer wieder, um freilich immer neue Modifikationen psychischer Gebilde zu erzeugen. Selbsterhaltung im Wechsel hier wie überall! Jene Tendenzen, welche zu ihrer Zeit durch andere verdrängt wurden, kommen wieder auf, wenn die Verhältnisse günstiger geworden, und dies wiederholt sich so lange, bis alle Potenzen der Psyche zur Entfaltung gekommen, bis alles in ihr Angelegte sich verwirklicht hat, bis alle Willensrichtungen und Ideen sich „ausgelebt“ haben. Beharrungs- und Veränderungstendenz wirken hierbei stets zusammen, indem bald mehr die eine, bald mehr die andere überwiegt.


Anmerkungen.

Zu I.

[1] Den Aktualitätsstandpunkt nehmen ein: Spinoza, Hume, Fichte, Schopenhauer, Fechner, Paulsen, Wundt, Joël, J. St. Mill, Spencer, Höffding, Jodl, Jerusalem, Mach, Fouillée, Bergson, Luquet u. a. Nach Wundt ist das geistige Leben „nicht eine Verbindung unveränderter Objekte und wechselnder Zustände, sondern in allen seinen Bestandteilen Ereignis, nicht ruhendes Sein, sondern Tätigkeit, nicht Stillstand, sondern Entwicklung“ (Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele 2[C], S. 495). Die innere Erfahrung ist „ein Zusammenhang von Vorgängen“ (Grundriß der Psychol.).

[2] Vgl. meine Schrift „Leib und Seele“, Leipzig 1906.

[3] Die reine Zeitlichkeit des psychischen Geschehens, die Stetigkeit desselben, das wir erst zu einer Summe von Elementen veräußerlichen, betont neuerdings H. Bergson.