V. Die psychische Entwicklung.

Wir haben bereits der verschiedenen Faktoren, welche an der Entwicklung des Seelenlebens beteiligt sind, Erwähnung getan. Nun erübrigt uns noch die zusammenfassende Darlegung des Wesens dieser Entwicklung.

Zunächst ist von einer Entwicklung der Psyche als Ganzes zu sprechen. Wir wissen, daß diese Entwicklung eine Entfaltung von innen heraus ist. Damit wurde keineswegs bestritten, daß eine durchgängige Beeinflussung der Psyche durch das äußere Milieu besteht. Direkt und indirekt kommt dieser Einfluß zur Geltung und alle Seelenentwicklung steht, wenn sie auch innerlicher Art ist, zu jenem in Beziehung, paßt sich ihm nach Möglichkeit an und schmiegt sich den waltenden Verhältnissen an. Aber das Milieu wirkt auf die Psyche entsprechend der eigenen Natur dieser. Es wirkt als eine Summe von Reizen, welche in der psychischen Organisation Tendenzen wachruft, die zu bestimmt gerichteten Reaktionen führen, die wieder auf die psychische Organisation zurückwirken; dann erst kann auch die natürliche Auslese einsetzen, welche das Erhaltungsgemäße, Zweckmäßige begünstigt, indem sie zugleich das Untaugliche auszumerzen bestrebt ist. In jedem Falle aber ist die psychische Entwicklung „zielstrebig“, indem zum Wesen der Psyche die Tendenz zur Erhaltung und Durchsetzung der eigenen Einheit gehört, aus welcher Tendenz in Reaktion zu den äußeren Reizen die Entwicklung der Seele mit teleologischer und zugleich kausaler Notwendigkeit erfolgt. Je höher entwickelt die Seele ist, desto mehr wird die Reaktivität derselben zur Aktivität, desto relativ unabhängiger wird sie vom Zwange des Milieu, desto mehr kann sie ihren ureigenen Tendenzen folgen, ihr Milieu selbsttätig modifizieren, ein neues Milieu, einen neuen Wirkungskreis schaffen. Die gesamte Kulturtätigkeit ist nichts anderes als ein aktives Anpassen des Milieu an die Tendenzen, Bedürfnisse, Zwecke, Ideale der menschheitlichen Psyche.

In welcher Hinsicht können wir von der Psyche sagen, daß sie sich entwickelt? In extensiver und intensiv-qualitativer Hinsicht, so aber, daß hier die Extension, das Quantitative sogleich auch qualitativen Charakter besitzt. Die psychische Entwicklung besteht zunächst darin, daß die Zahl der Erlebnisse des Subjekts wächst, daß der Umfang seines Bewußtseins ein immer größerer wird, sich auf eine immer größere Menge von Vorstellungen, Gefühlen usw. erstreckt. Das gilt sowohl vom Individuum als auch vom „Gesamtgeist“, von der „Kollektivseele“ eines Volkes, einer sozialen Gemeinschaft. Während das Individualsubjekt den Schatz seines Bewußtseins durch Erfahrung, Lernen, eigenes Denken vergrößert, entwickelt sich die Kollektivseele, als das Gemeinsame in einer Vielheit von Einzelseelen und zugleich als der durch Wechselwirkung bedingte einheitliche Zusammenhang dieser, durch Akkumulation von Kollektiverfahrungen und der Produkte des Gemeinschaftswirkens auf allen Gebieten geistiger Betätigung. Was beim Individuum die Vererbung bedeutet, das ist für die Kollektivseele, für den Gesamtgeist die Tradition, durch welche die folgenden Generationen von vornherein in eine Welt geistiger Werte gestellt sind, an die sie anknüpfen und die sie weiter verarbeiten können. Die Tradition stellt einen seelischen Zusammenhang in der Zeit dar, der trotz wiederholten scheinbaren Durchbruchs der geschichtlichen Kontinuität, trotz zeitweiligen Zurücktretens, Vergessenwerdens, Nichtbeachtetseins geistiger Werte zustande kommt. Die Tradition ist die sozialhistorische Art der Vererbung, die Vererbung eine Art Tradition. Das letztere ist ohne weiteres verständlich, wenn wir bedenken, daß freilich fertige Vorstellungen, Gedanken, Wertungen u. dgl. nicht vererbt werden können — weil für solche in der unentfalteten Psyche des Keimes gar kein Organ vorhanden ist, und aus anderen Ursachen — wohl aber psychische Anlagen oder Dispositionen allgemeinster und auch spezieller Art. Vermöge solcher Anlagen, d. h. Tendenzen der primitiven Seelenorganisation zu bestimmt gerichteten Reaktionen und Aktionen, Tendenzen, die freilich erst durch Reize ausgelöst werden müssen, ist die Psyche besser ausgestattet als die früheren Generationen, sie kann sich extensiv und intensiv höher entwickeln, einen komplizierteren und feineren Habitus annehmen. Gewiß wird nicht alles und jegliches, was ein erlebendes Subjekt erlebt hat, vererbt werden. Die „direkte Vererbung erworbener Eigenschaften“ ist keineswegs durch die Neo-Darwinisten aus der Schule Weismanns widerlegt, aber sie darf auch nicht ins Extreme gezogen werden. Vererbbar dürfte nur das sein, was infolge lang wiederholter oder sonstwie nachhaltiger Eindrücke die psychische Struktur erheblicher beeinflußt, modifiziert hat[40]. Insbesondere gehören hierher die Resultate psychischer Übung nach irgendwelcher Richtung hin; diese Resultate bestehen in der größeren Leichtigkeit und Sicherheit bestimmter Funktionen, bestimmter Bewußtseinsakte oder Koordinationen solcher, die in den von den elterlichen Seelen sich abspaltenden, ablösenden „Seelenkeim“ eingehen, wobei man aber nicht an substantielle Wesenheiten und Modifikationen denken darf. Die Erlebnisse der Subjekte gehen nicht spurlos vorüber, sie wirken auf die psychische Organisation zurück und manches von diesen Wirkungen kommt in den Nachkommen scharf zum Ausdruck. Infolge bald des Zusammenwirkens, bald des einander Entgegenwirkens der Tendenzen väterlicher- und mütterlicherseits in der „Keimpsyche“, sowie des Einflusses äußerer Faktoren ist die psychische wie alle Vererbung natürlich etwas ungemein Kompliziertes, keineswegs etwas eindeutig Bestimmtes. Und da wir bei der Beurteilung dessen, was psychisch ererbt ist, den Einfluß der Nachahmung, Erziehung, des gleichen Milieu usw. nicht vergessen dürfen, so ist es kein Wunder, wenn wir über den Umfang der direkten Vererbung noch recht wenig wissen. Erfahrung und Logik sprechen aber für das Bestehen einer solchen, so sicher es auch ist, daß zur Erwerbung bestimmter psychischer (oder auch physischer) Eigenschaften schon gewisse Prädispositionen nötig sind....

Das extensive Wachstum psychischer Werte ist von teleologischer Bedeutung. Denn der größere Umfang von Vorstellungen usw. ermöglicht ein richtigeres, den mannigfachen Verhältnissen und Modifikationen des Daseins besser angepaßtes Verhalten des Subjekts. „Wissen ist Macht“. Die reicher ausgestattete Psyche verfügt über mehr Mittel zur Selbsterhaltung und Selbstförderung, sie ist dem Zwange von Raum und Zeit viel mehr entrückt, sie kann viel aktiver auftreten. Ohne einen gewissen Vorrat in Bereitschaft stehender Vorstellungen und Begriffe ist kein höheres Wollen, keine Überlegung, keine Planmäßigkeit des Handelns möglich. Teleologisch bedeutsam ist nun auch das intensive Wachstum der Seele. Infolge der Übung ihrer Funktionen und infolge der daraus resultierenden Dispositionen steigert sich die psychische Energie intensiv, sie vermag bei gleichem oder geringerem Kraftaufwande mehr und Besseres zu leisten, kurz, sie gewinnt an Zwecktüchtigkeit. Wir sehen denn auch in der individuellen wie in der kollektiven Evolution der Psyche die Leistungsfähigkeit dieser in vieler Beziehung durch die Vererbung der Übungsresultate sich steigern. Wir konstatieren vielfach eine Steigerung der Bewußtheit durch die Entwicklung, daneben freilich auch eine Herabsetzung der Bewußtheit gewisser Funktionen. Und auch dieses Zurücktreten der Bewußtheit ist zweckmäßig. Die „Abstumpfung“ durch Gewöhnung schützt vor der Überzahl der die Psyche sonst leicht störenden, verwirrenden, zerrüttenden Reize, sie entlastet die Seele, erspart ihr Arbeit, ermöglicht eine um so stärkere Konzentration in bestimmter Richtung, sie wirkt also entschieden ökonomisch. Zugleich werden durch die „Mechanisierung“ des Bewußtseins die Handlungen sicherer, indem sie viel weniger dem Irrtume ausgesetzt sind. Daher die Treffsicherheit alles „Instinktiven“, die freilich nur für bestimmte, normale, typische Umstände gilt; soll das Seelenleben nicht erstarren, so muß eine Modifizierbarkeit auch der Instinkte möglich sein und tatsächlich besteht sie in großem Ausmaße. Die Verminderung der Bewußtheit ist keine absolute Verarmung des Seelenlebens, wofern sie eben die Anbildung neuer, höherer Bewußtseinsinhalte und die Steigerung der psychischen Energie mitbedingt und ermöglicht. In dem rechten Verhältnis zwischen Bewußtheitssteigerung und Bewußtheitsschwächung liegt das Maximum des für das erlebende Subjekt Zweckmäßigen; dem entspricht das rechte Verhältnis zwischen Trieb- und aktivem Willensleben.

Wundt spricht von einem „Wachstum geistiger Energie“[41] und wir müssen ebenfalls ein solches konstatieren. Zunächst sei bemerkt, daß damit dem Gesetz der Erhaltung physischer Energie kein Abbruch getan wird. Denn es kann bei gleich bleibender Menge physischer Energie die Mannigfaltigkeit psychischer Qualitäten und Werte wachsen. Man muß ferner beachten, daß innerhalb gewisser Grenzen und Normen auch die Energie des Zentralnervensystems — natürlich auf Kosten anderer physikalisch-chemischer Energie im und außerhalb des Organismus — wächst, und zwar durch Ernährung und Übung. An die extensive und intensive Leistungsfähigkeit des Zentralnervensystems ist nun die Steigerung psychischer Energie im intensiven Sinne geknüpft, wie dies besonders Jodl hervorgehoben hat („Wachstum organischer Energie“). Daß innerhalb eines Partialsystems der Vorrat verfügbarer Energie durch Aufnahme von außen und Akkumulation zunehmen kann, ist ja ohne weiteres begreiflich und mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie durchaus vereinbar; ebenso auch eine zeitweilige Abnahme an Nervenenergie. Während also ein Teil der Steigerung psychischer Leistungsfähigkeit — die durch ihre Wirkungen, den zu verarbeitenden geistigen Stoff, einigermaßen, wenn auch nicht im physikalisch-exakten Sinne meßbar ist — der Bereitschaft des ersparten Kraftaufwands und der durch die Übung erzielten besseren Richtung und Koordination der Energie zu verdanken ist, haben wir den andern Teil dem Wachstum des Innenseins dessen, was objektiv zerebrale Energie ist, zuzuschreiben. Der qualitativen und intensiven Steigerung dieser Energie und ihres Organs entspricht das Wachstum der Intensität und der Mannigfaltigkeit von seelischen Werten in deren immer vollkommeneren, bewußteren einheitlichen Zusammenfassung. Hier erscheint — wie u. a. Münsterberg betont — das Prinzip des psycho-physischen Parallelismus nirgends durchbrochen.

Das Wachstum geistiger Werte hängt, wie es wiederum Wundt vortrefflich dargetan hat, mit der „schöpferischen Synthese“ zusammen, die das Bewußtseinswirken charakterisiert; es ist ein Prinzip, welches besagt, „daß die psychischen Elemente durch ihre kausalen Wechselwirkungen und Folgewirkungen Verbindungen erzeugen, die zwar aus ihren Komponenten psychologisch erklärt werden können, gleichwohl aber neue qualitative Eigenschaften besitzen, die in den Elementen nicht enthalten waren, wobei namentlich auch an diese neuen Eigenschaften eigentümliche, in den Elementen nicht vorgebildete Wertbestimmungen geknüpft werden“ (Philos. Studien X, 112f.). Es besteht eine Art „psychische Chemie“, vermöge deren eine Gesamtvorstellung, ein Gesamtgefühl usw. mehr ist als die bloße Summe der Elemente, in welche sich diese psychischen Gebilde zerlegen lassen. Im Verlaufe der individuellen und generellen Entwicklung entstehen so immer neue psychische Qualitäten und Werte, die wohl in den vorangehenden ihren zureichenden Grund haben, aber nicht restlos aus deren Zusammen zu erklären sind. Das Äquivalenzprinzip, welches auf dem Gebiete des Psychischen überall gilt, hat hier überall da, wo es sich um rein Qualitatives handelt, keine Bedeutung. Was diesem Prinzip schöpferischer Energie in der Natur einigermaßen entspricht, das ist die immer neue Entstehung von Formen, insbesondere von organischen Gestaltungen, die auch nicht restlos auf die Summation von Elementen zurückzuführen sind. Die psychische Synthese ist aber nicht ein selbständiges Zusammentreten von Bewußtseinselementen, sondern ein Auftreten neuer Bewußtseinsmodifikationen auf Grundlage des Zusammenhanges anderer, also eine Art Reaktion des erlebenden Subjekts auf seine eigenen Erlebnisse, welche das Material zu neuen Gestaltungen und Gliederungen darbieten; das Subjekt bereichert sich so aus und in sich selbst, es entfaltet und steigert sich in und an seinen eigenen Zuständen, Aktionen und Gebilden[42].

Doch gibt es im seelischen Leben auch ein Analogon zur Erhaltung der Energie im Sinne des Äquivalenzprinzips, also so etwas wie eine Erhaltung psychischer Energie[43]. Nämlich als Parallele zu dem intrazerebralen Verhältnis der Energien, welches derart ist, daß mit der erhöhten Energie bestimmter Partien oder Funktionen die entsprechende Verminderung der Energie anderer Partien oder Funktionen verbunden sein wird. Wir sehen in der Tat, wie eine Konzentration der Aufmerksamkeit für bestimmte Inhalte eine Schwächung der psychischen Energie für andere Inhalte bedingt, wie ferner die Steigerung gewisser Funktionen, wenn sie einseitig erfolgt, die Schwächung anderer zum Korrelat hat, kurz, wie das Zuströmen psychischer Energie nach einer bestimmten Richtung ein Abfließen solcher Energie von anderen Richtungen mit sich bringt. Die Begrenztheit der einem Subjekt zur Verfügung stehenden psychischen Leistungsfähigkeit hat diese Art von „Energie des Bewußtseins“ zur Folge. Daß damit ein Wachstum seelischer Werte durchaus vereinbar ist, liegt auf der Hand. Selbsterhaltung und Selbstentfaltung gehören beide zusammen zum Wesen der psychischen Organisation, welche eine Erhaltung in der Entwicklung aufweist. Und diese Entwicklung ist eine schöpferische („évolution créatrice“, wie Bergson sich ausdrückt), dabei aber gesetzmäßige, denn sie ist das Gesetz des Seelischen selbst, der Ausdruck des konstanten, unverlierbaren Wesens der Subjektivität. Die Seele „wächst“ so von innen heraus, durch eine Art Entfaltung; sie differenziert sich selbsttätig oder in Reaktion auf die Reize der Umwelt, niemals aber kommt etwas direkt von außen in sie hinein, da psychische Modifikationen nicht direkt übertragbar sind, nicht in der Luft schweben können, nur als Modi eines Subjekts Sinn und Existenz haben. Insofern hat Leibniz durchaus recht, wenn er sagt, die Seele (Monade) habe keine „Fenster“. Sie „spiegelt“ das Universum, konzentriert wie in einem Focus die von der Umwelt erlittenen Eindrücke, aber in der ihr gemäßen Weise, in Bewußtseinszuständen, welche zu den objektiven Momenten in Korrelation stehen, aber mit ihnen nicht identisch sind und ihnen auch nicht qualitativ gleichen.

Von einer Erhaltung des Psychischen ist auch insofern zu reden, als Psychisches weder neu entstehen noch in nichts vergehen kann. Wir müssen die Ewigkeit des Psychischen als Prinzip, als eines Wirklichkeitsfaktors im allgemeinen statuieren. Erstens, weil es das „Innensein“ der Dinge ist, also ein Konstituens des Seins als solchen, und wir den Gedanken einer Entstehung oder Vernichtung des Seins logisch nicht zu konzipieren und durchzuführen vermögen. Zweitens weil das Psychische aus dem Physischen nicht hervorgegangen sein kann, was aus methodologisch-erkenntniskritischen Gründen anzunehmen ist. Ebenso, wie die physische Energie sich im beständigen Wandel der verschiedenen Energieformen ineinander konstant erhält, so bleibt auch das Psychische als solches bestehen, wenn auch die Formen, in denen es jeweilig auftritt, beständig wechseln. Diese Formen sind äußerst mannigfaltig, keine gleicht der andern völlig, schon durch die wenigstens um ein Differenzial abweichende Stellung jedes Subjekts zur Umwelt müssen die Erlebnisse etwas anders ausfallen, abgesehen von den Komplikationen usw. Doch lassen sich psychische Formen, welche wesentlich miteinander übereinstimmen, zu Typen vereinigen und diese wieder obersten Formen des psychischen Seins unterordnen. Die Art und der Grad des Bewußtseins und des Wollens ist für sie charakteristisch. Es findet eine Entwicklung von niederen, einfacheren, weniger reichen und klaren zu höheren, differenzierteren, klareren, umfassenderen Bewußtseinsformen statt, mit welchen partiell wieder ein Herabsteigen zu niederen, einfacheren Bewußtheitsgraden verbunden ist. Zugleich ist bei den niederen Bewußtseinsformen zwar ein dumpfes „Subjektgefühl“ als vorhanden anzunehmen, nicht aber schon die Existenz eines reflektierten Selbstbewußtseins, ein Bewußtsein des eigenen Ichs in scharfer Abhebung von dessen Erlebnissen und ihren Inhalten, sowie ein Bewußtsein des eigenen Bewußtseins als solchen, welches wir eben als Reflexion, als Wissen, als Selbstbewußtsein im höheren Sinne bezeichnen. Zwar hat es keinen Sinn, von absolut unbewußten psychischen Prozessen zu reden, denn psychisch und bewußt sind eins; wohl aber gibt es relativ unbewußte Vorgänge, d. h. solche, die nicht gesondert, sondern nur als ununterscheidbare Bestandteile eines übergeordneten, allgemeineren Bewußtseinszusammenhanges auftreten, die also „unterbewußt“ sind[44]. Von den bewußten Vorgängen sind aber keineswegs alle auch als solche gewußt, d. h. beachtet und als Bewußtseinsakte auf das Subjekt als dessen Manifestationen bezogen. Das als solches gewußte, das reflektierte Bewußtsein ist eine höhere Stufe des psychischen Lebens, ein Bewußtsein höherer Ordnung, ein potenziertes oder ein auf sich selber sich zurückbiegendes Bewußtsein, welches schon hohe Erinnerungs-, Apperzeptions- und Abstraktionsfähigkeit voraussetzt. Seine relativ höchste Stufe erreicht dieses Bewußtsein im begrifflichen Wissen und in den Urteilen der Psychologie, in der methodisch sicheren und klaren Beurteilung des seelischen Erlebens, in der Analyse und Synthese dessen, was sonst in der Regel nicht Gegenstand, nur Funktion des erlebenden Subjekts ist. Zu diesem Wissen gehört nicht bloß die Bewußtheit des eigenen Vorstellens und Denkens, sondern auch das Wissen um das eigene Wollen und Zwecksetzen, welches dadurch dem impulsiven Triebleben scharf gegenübertritt.