Das Umgekehrte ist nun die Verwandlung von Finalität in Kausalität. Wir meinen damit freilich nicht, als ob je im Seelenleben die Finalität verloren ginge und an ihre Stelle reine, mechanische Kausalität träte. Wir wissen bereits, daß die „Mechanisierung“, von der in der Psychologie die Rede ist, nur eine Abkürzung und ein Eindeutig-Werden von Willenshandlungen ist, keine absolute Entseelung. Aber Tatsache ist es, daß Handlungen, welche ursprünglich mit mehr oder weniger Bewußtseinsklarheit auf ein bestimmtes Ziel gerichtet waren, später durch das, was wir „Gewöhnung“ nennen, rein triebmäßig und schließlich ganz automatisch, ohne Richtung auf ein bewußtes Ziel verlaufen können, so daß sie uns als bloße Wirkungen psycho-physischer Antezedentien erscheinen. Nur insofern diese Handlungen Glieder des teleologischen Zusammenhanges der Gesamtpsyche sind, haben sie jetzt finalen Charakter, nicht aber für sich genommen. Oder wenn man will, läßt sich diese Art psychischer Kausalität als Grenzfall psychischer Finalität ansehen, als stabilisierte Zielstrebigkeit. Der psychische „Mechanismus“ ist, weit entfernt die Quelle der geistigen Finalität zu sein, schon nur ein Spezialfall, eine Phase und ein Niederschlag der Finalität, die nach zwei Richtungen sich entfaltet: einerseits zur vollbewußten aktiven Zwecktätigkeit im Denken, Wollen und Gestalten, anderseits zum seelischen Automatismus. Zugleich bleibt der Satz bestehen, daß die psychische Kausalität im allgemeinen Sinne durch eine Betrachtungsweise desselben Zusammenhanges gegeben ist, der sonst als finaler Zusammenhang sich darstellt, und zwar am unmittelbarsten sich darstellt.

Daß die Psychologie nicht umhin kann, die Teleologie des Seelenlebens zu berücksichtigen, ist bisher hauptsächlich von jenen Psychologen betont worden, welche biologische Gesichtspunkte in ihre Wissenschaft hineintragen. In der Tat: so wichtig und notwendig es ist, die biologischen Prozesse schließlich auch psychologisch zu interpretieren, psychische Faktoren zum Verständnis von Lebensvorgängen verschiedener Art heranzuziehen, so unumgänglich ist auch die Erklärung fundamentaler psychischer Funktionen durch Rekurrierung auf biotische Momente. Es ist dies ganz natürlich, denn das Seelenleben ist auch ein Ausschnitt, bzw. eine Seite des Lebens schlechthin, und das Leben ist qualitativ eine Manifestation seelischer Faktoren. Wir übertragen also nicht etwa in äußerlicher Form, durch künstliche Analogien, biologische Gesichtspunkte auf das Seelische, sondern dieses hat an sich selbst, vermöge seiner Identität mit dem Leben die Eigenschaften desselben. Daher gelten die von der Entwicklungstheorie verwandten Momente: Anpassung, Kampf ums Dasein, Auslese, Übung, Korrelation, Vererbung usw. auch für die Psychologie. Freilich muß man sich hier vor Einseitigkeiten hüten, wie sie etwa die extreme Selektionstheorie aufweist, und man muß der spezifischen Beschaffenheit des Psychischen als solchen gebührend Rechnung tragen.

Der teleologische Charakter des Seelenlebens hängt aufs innigste damit zusammen, daß dasselbe etwas Organisches, kein Aggregat selbständiger Elemente, kein äußerlich verbundenes Ganzes, sondern eine innerlich zusammenhängende Einheit[33] ist, die in lebendiger Wechselwirkung mit ihren Gliedern steht. Diese Glieder sind ebenso durch das Ganze bedingt, wie das Ganze durch die Teile; es sind ja beide nur Abstraktionen aus dem konkreten Zusammenhang, der zugleich Einheit und Mannigfaltigkeit ist. Die Seele ist, das muß aller mechanistischen Psychologie gegenüber entschieden betont werden, eine sich in der Mannigfaltigkeit ihrer Modifikationen entfaltende und entwickelnde aktuale Organisation und hat alle Eigenschaften einer solchen. Was Herbart von der metaphysischen, einfachen Seelensubstanz lehrte, die sich wie alle „Realen“ gegenüber Störungen ständig zu erhalten strebt, gilt auch, nur noch viel plausibler, von der gegliederten Seeleneinheit, die im Erlebniszusammenhange, nicht hinter diesem besteht und tätig ist. Die Zielstrebigkeit, die das Psychische charakterisiert, äußert sich in verschiedener Weise, so aber, daß das Streben nach Erhaltung und Durchsetzung, sowie nach Steigerung, Bereicherung, Potenzierung der Subjekt-Einheit sowohl das Primärste als auch das Letzte und Höchste ist, was die Psyche als solche, als Individuum unter anderen, im Reagieren und Agieren bestimmt. Die Psyche ist von Natur aus so geartet, daß sie Störungen, die sie erleidet, zu beseitigen, daß sie alles Neue sich, dem Grundbestande ihrer Modifikationen einzuordnen strebt, Widersprüche, soweit ihr diese zum mehr oder minder klaren Bewußtsein kommen, nicht duldet. Und wie sie sich selbst als Ganzes im Konflikte mit der physischen und psychischen Umwelt zu erhalten strebt, so hat die Psyche auch die Tendenz, alles für sie und ihre Einheit und Entwicklung Förderliche möglichst festzuhalten, zu erhalten. Nicht die Vorstellungen für sich allein haben einen Selbsterhaltungstrieb, sondern die Psyche, das erlebende Subjekt ist es, welches Teile seiner Erlebnisse gegenüber andern triebmäßig oder willkürlich begünstigt und sie so anderen gegenüber sich behaupten läßt, wobei natürlich die Möglichkeit der Konkurrenz verschiedener Tendenzen nicht zu übersehen ist, die sich aber schließlich irgendwie der Einheitstendenz des Ganzen einordnen müssen, soll das Seelenleben „normal“, intakt oder wenigstens im relativen Gleichgewicht bleiben. Daß Vorstellungen usw. im Bewußtsein herrschend werden u. dgl., ist gewiß kausal bedingt, wir können häufig die Faktoren aufzeigen, welche die Erhaltung, Fixierung, Begünstigung von Erlebnissen zur notwendigen Folge haben, aber zugleich liegt hier eine Finalität vor, da diese Erhaltung im Dienste der psychischen Zielstrebigkeit steht, so daß der psychische Zusammenhang durch einen Zweck bestimmt ist; die kausale Notwendigkeit ist hier also auch teleologische Notwendigkeit. Das ganze logische Denken z. B. läßt dies deutlich erkennen, denn der „reine Denkzweck“ ist zugleich der Grund, aus dem die Bildung bestimmter Urteile und Schlüsse erfolgt, und im Erkenntnisprozesse wieder sind die Kategorien Mittel zur Herstellung eines objektiv-einheitlichen Zusammenhanges, zur Konstituierung von objektiver Erfahrung und von Erfahrungsobjekten[34]. Die Gesetze des Denkens und Erkennens fließen gewiß aus dem Wesen der „Sachen“, sind nicht bloß individuell-subjektiv, nicht relativ, aber sie sind auch nicht in der Luft schwebende Wesenheiten, existieren nicht an sich, sondern gehören zum „Bewußtsein überhaupt“, sind Forderungen des auf reine Erkenntnis gerichteten Willens, der nur durch sie seinen Zweck: die Erkenntnis, die Erfassung der Wahrheit und Wirklichkeit, erreichen kann und daher sich selbst bindet, um so bewußter und entschiedener, je mehr er die Tauglichkeit der einzelnen Denk- und Erkenntnismittel im Fortschritte der wissenschaftlichen Entwicklung und als an der Erfahrung sich bewährend einsieht....

Der teleologische Charakter des Seelenlebens tritt schlagend in dem zutage, was man Interesse benannt und oft auch schon bei der Erklärung psychischer Prozesse verwertet hat. Was in irgendeiner bemerkbaren Beziehung zum Willen und damit zur Zielstrebigkeit der Psyche steht, daran nimmt diese Interesse, d. h. sie erfaßt es willig, reiht es leicht dem Zusammenhang ihrer Erlebnisse ein, verweilt triebmäßig oder willkürlich bei ihm, beschäftigt sich mit ihm. Interesse erweckt etwas, wenn es tauglich ist, die psychische Organisation irgendwie zu fördern, irgendwelche Bedürfnisse des Subjekts zu befriedigen. Je nach der Art der Bedürfnisse und Zwecke, für die etwas geeignet sein kann, gibt es verschiedene Richtungen des Interesses, verschiedene Arten des Interessanten, welches wieder allgemein oder individuell, für die Psyche überhaupt oder für bestimmt geartete Subjekte erregend sein kann. Daher die Relativität und Wandelbarkeit des Interesses, je nach der „Stimmung“, den vorangegangenen Erlebnissen, der Beschäftigung usw., kurz, je nach den jeweilig vorherrschenden Tendenzen und Zielsetzungen, denen Erlebnisse und deren Gegenstände begegnen. Je mehr wir uns für etwas interessieren, desto mehr ist unsere seelische Energie einem Inhalt zugewandt, desto mehr „Seelenkraft“ ist an dessen Verarbeitung beteiligt, desto besser und nachhaltiger wird der Inhalt vom Ich aufgenommen und verwertet. Daher die große Bedeutung des Interesses für die Aufmerksamkeit und Apperzeption, für das Gedächtnis und die Erinnerung, für die Richtung unseres Denkens und Handelns. Das Interesse selbst aber ist ohne die allgemeine und spezielle Finalität der Psyche nicht zu verstehen, denn es ist nur der gefühlsmäßige Ausdruck für dieselbe, ein Moment derselben, nicht etwa ein selbständiges „Seelenvermögen“. Die „interessierte“ Seele ist nur die nach einer bestimmten Richtung besonders erregte, an einem Erlebnis besonderen Anteil, besondere Lust nehmende Seele, für die in irgendeinem Ausmaße das Erlebnis bedeutsam ist. Das Interesse ist es, was die Psyche eine Auslese unter den ihr sich in Fülle darbietenden Eindrücken treffen und sie nur dasjenige assimilieren läßt, was auf Dispositionen, in „Bereitschaft liegende“ Bewußtseinszustände bestimmter Art stößt. Solche Dispositionen, welche für die Richtung des Interesses bedeutsam sind, sind auch überall da vorhanden, wo sog. „funktionelle Bedürfnisse“ bestehen, d. h. Tendenzen bestimmter Organe oder Seelenpartien zur Betätigung der ihnen gemäßen Funktionen. Ein Beispiel dafür ist der „Lichthunger“, der uns nach längerem Verweilen im Dunkeln befällt, der Bewegungsdrang nach längerer Ruhe, die Lust am Hören von Klängen, am Reden, an Phantasiespielen usw. Im Spiel und in der Kunst kommen funktionelle Bedürfnisse stark zur Geltung[35]. Daher auch die teleologische Bedeutung von Spiel und Kunst, welche nicht bloß eine wohltätige Kraftentladung in der Psyche bewirken, sondern auch durch die Übung bestimmter, sonst vernachlässigter psychischer Systeme und Organe subjektiv zweckmäßig sind[36]. Uninteressiert sind wir beim ästhetischen Genuß nur insofern, als wir nicht auf irgendeinen Nutzen, auf irgendwelche Gütererlangung ausschauen, aber willen- und interesselos sind wir keineswegs, sondern ein „Wille zur Schau“, zum reichen und dabei harmonischen Erleben besteht, der im und durch das ästhetische Erleben befriedigt wird, genau so, wie das Spiel in gewissem Sinne Selbstzweck ist....

Ebenso wie das Interesse, bezieht sich auch das Phänomen der Wertung auf die Finalität des erlebenden Subjektes. Was irgendwie zur Befriedigung eines Bedürfnisses zur Erreichung eines Strebenszieles nicht bloß geeignet, sondern auch notwendig, gefordert ist, das ist uns wert, das ist für uns und alle Gleichgerichteten ein Wert. Werten kann also nur ein zielstrebiges Wesen, und die Grundrichtung, die es überhaupt oder jeweils verfolgt, sein Grundwille und alles daraus folgende Streben ist gleichsam das „a priori“ aller Wertung. Erst und nur im bewußten oder unbewußten Hinblick auf einen Zweck ist etwas für uns wertvoll, als Mittel zu einem Zweck, das selbst in anderer Hinsicht ein Zweck sein kann, bis hinauf zum obersten Endzweck, der, als identisch mit dem Inhalt des reinen Grundwillens, an sich, „absolut“ wertvoll[37] ist; die Relativität und Subjektivität der Einzelwerte, deren Abhängigkeit von verschiedenen Verhältnissen, von der Art der psycho-physischen Organisation, vom Milieu, von historischen und sozialen Bedingungen schließt keineswegs das Bestehen objektiver, intersubjektiver, relativ konstanter Werte und die Absolutheit der obersten Grundwerte der Menschheit für den menschlichen bzw. ideal-menschlichen Grundwillen aus, ein Umstand, der für die Ethik und Sozialphilosophie von höchster Bedeutung ist und der vor allem die Versöhnung zwischen Historismus und Apriorismus ermöglicht, sofern man nur mitten im Geschichtlichen, im menschlichen Entwicklungsprozeß das Apriorische, die in Form von Ideen und Idealen gegebenen, vom Gesamtwillen gesetzten und anerkannten Grundwerte zu finden und die Geschichte als eine, freilich nicht geradlinige und rein rationelle Annäherung an die Verwirklichung und Objektivierung dieser Wertideale zu erkennen weiß[38].

Eine Art Wertung liegt schon in den Gefühlen der Lust und der Unlust vor, welche zweifellos eine teleologische Bedeutung besitzen, die man nur richtig auffassen muß. Denn es ist zu berücksichtigen, daß etwas für bestimmte Partien oder auch für den Gesamtorganismus direkt oder indirekt unzweckmäßig sein kann, was relativ für bestimmte Partien und Funktionen, also im Hinblick auf besondere Tendenzen der Psyche als zweckmäßig empfunden wird und Lust bereitet. Dies festhaltend, kann man ruhig behaupten, daß das Gefühlsleben ebenfalls die Finalität des Subjekts zum Ausdruck bringt, daß lustvolle Gefühle Zeichen, Symptome für Bedürfnisbefriedigungen sind, d. h. für Zustände, die der Psyche in irgendeiner Beziehung und Weise genehm, die für sie irgendwie zweckmäßig sind, während Unlust in der Regel auf das Gegenteil hinweist. Die scheinbare Durchbrechung der Regel erklärt sich eben aus dem Bestehen verschiedener Tendenzen der Psyche und aus dem Konflikte, in welchen dieselben unter Umständen miteinander geraten können. Ferner kann die Erfahrung und Verstandeserwägung das Bewußtsein der üblen Folgen an sich lustvoller Erlebnisse und Handlungen als Gegengewicht gegen diese ins Treffen führen und dies zeigt, daß eben eine Entwicklung des Wertens wie eine solche der seelischen Fähigkeiten überhaupt besteht; wo die Wertvoraussetzungen anders sich gestalten, muß natürlich auch, ungeachtet der Zähigkeit mancher organisch gewordener Wertungen, die Wertung sich modifizieren. Ist doch die Zweckmäßigkeit, auf die das Werten sich bezieht, überhaupt nichts Festes, Starres, sondern ein Werdendes, ein Produkt der Entwicklung. Je nach dem erreichten Entwicklungszustande nimmt das erlebende Subjekt in verschiedener Weise Stellung zu seinen Erlebnissen, wertet es diese, bzw. deren Inhalt verschieden. Stets kommt aber in der Wertung die Natur und Gesetzlichkeit des Subjekts, des einzelnen wie der Subjektivität schlechthin zum Ausdruck, und diese Gesetzlichkeit ist im Kerne finaler Art[39].

Diese Finalität dürfen wir nicht vergessen, wenn wir vom Wettbewerb der Vorstellungen usw. um die Erhaltung im Seelenleben, im Bewußtsein, im subjektiven und objektiven Geiste sprechen. Ein solcher Wettbewerb besteht zweifellos, aber er ist ebensowenig wie der Daseinskampf in der Natur rein kausal oder mechanisch zu erklären. Denn was bestimmte Bewußtseinsinhalte miteinander streiten läßt, das sind die verschiedenen Tendenzen, die der in mannigfache Verhältnisse gelangende seelische Organismus aufweist, und was bestimmten Vorstellungen, Ideen usw. den Sieg verleiht, das ist das Überwiegen einer Tendenz vor anderen. Es siegt stets das direkt oder indirekt (auf Grund von Urteilen, Vergleichungen) als relativ Wertvollste, für das so und so beschaffene Subjekt relativ Zweckmäßigste, Befundene, sei es im Denken, sei es im Wollen und Handeln („Kampf der Motive“). Es obsiegen im intra- und intersubjektiven geistigen Wettbewerbe schließlich die an der Erfahrung am besten bewährten Ideen (Wissenschaft) und Handlungsweisen (Sitte, Recht, Technik usw.). Der Zweck, die Willensrichtung und die Beziehung auf sie ist also das Ausschlaggebende, nicht die Vorstellung für sich genommen, nicht die blutleere Theorie. Ein Wille, und sei es auch nur ein „reiner“ Denk- und Erkenntniswille ist das aktiv Auslesende, den Wettbewerb Regelnde, Normierende, dem schließlich sich unwesentliche oder störende Tendenzen unterordnen müssen, damit der reine Zweck rein erfüllt wird, was eben nur durch Erhaltung des bestimmt gerichteten Willens in der ganzen Mannigfaltigkeit seiner Betätigungen, also durch das, was wir „Konsequenz“, „Folgerichtigkeit“, Einstimmigkeit mit sich selbst nennen, erreicht wird. Daß innerhalb der Willensgesetzlichkeit das Herrschendwerden gewisser Bewußtseinsinhalte und die Zurückdrängung oder gar Verkümmerung anderer durch das Milieu in dessen verschiedenen Arten (Natur, Rasse, Gesellschaft usw.) mitbedingt ist, steht außer Frage; man denke nur an den Wandel der Lieblingsideen bei verschiedenen Völkern und in verschiedenen Perioden der Geschichte, denke an den Wechsel der Stile, der Moden, der Denkweisen, an das Überwiegen bestimmter Denkmittel, Gefühlsweisen, Willenstendenzen usw.

Es besteht eben im Geistesleben zweierlei Anpassung: einmal eine passive, besser reaktive Anpassung von Erlebnissen (Vorstellungen usw.) an ein physisches oder psychisches Milieu, dann aber auch eine aktive Anpassung des Milieus an die Natur des Seelenlebens. Die passive Anpassung ist teils indirekter Art, durch eigentliche Selektion, die aber im Seelischen noch weniger belangreich sein dürfte als im Biologischen, teils eine direkte, indem das Milieu durch die von ihm ausgehenden Reize und Einflüsse das Seelenleben der Individuen und Völker in einer zu diesem Milieu in Beziehung stehenden Weise modifiziert. Während auf den niederen Stufen der Geistesentwicklung die passive Anpassung überwiegt, kommt auf den höheren immer mehr die aktive Anpassung zur Geltung. Die ganze Kulturarbeit des Menschen gibt davon Zeugnis, wie sehr es der menschliche Geist versteht, Inhalte seines Erlebens so zu formen, daß sie seinen ureigenen Bedürfnissen, Tendenzen, Zwecken zu entsprechen vermögen. Nicht bloß die Außenwelt wird diesen Zwecken angepaßt, auch das Innenleben, wie es sich besonders im „objektiven Geist“, in Religion, Sitte, Sittlichkeit, Recht, Wissenschaft usw. bekundet, wird aktiv gestaltet, beständig umgeformt, und zwar im ganzen und großen schließlich doch immer wieder in der Richtung, welche die Linie der Realisierung des reinen Menschheitswillens bedeutet, also im Sinne der Kulturidee. Hierbei findet, da die Einheit des Geisteslebens immer wieder nach Selbsterhaltung strebt und bewußte Widersprüche in ihrem Bereiche nicht dauernd erträgt, eine beständige, wenn auch nicht immer gleich merkliche gegenseitige Anpassung der geistigen Gebilde aneinander statt, die aller Einseitigkeit, aller Verkümmerung einzelner Partien des Seelenlebens immer wieder entgegenarbeitet. So gibt es z. B. eine Anpassung zwischen Recht und Wirtschaft, zwischen Glauben und Wissen, zwischen Individualismus und Kollektivismus. Es besteht eine Art Selbstregulierung des Geisteslebens, durch welche Störungen und Einseitigkeiten, welche der Integrität der seelischen Einheit Abbruch zu tun drohen, soweit als möglich aufgehoben werden, und diese Selbstregulierung ist ein Mittel zur Anpassung der Mannigfaltigkeit geistiger Inhalte an die Einheit und Gesetzlichkeit der individuellen und der sozialen Psyche. — Die Bedeutung der aktiven Anpassung im Geistesleben erhellt u. a. aus der Methodik des wissenschaftlichen Erkennens. Denn es findet nicht nur eine (besonders von E. Mach hervorgehobene) Anpassung des Denkens an die Erfahrung statt, sondern auch eine Anpassung der Erfahrung an das Denken, bzw. an den Denkwillen, indem die Erfahrung methodisch so geformt wird, daß sie die allgemeine, „apriorische“ Gesetzlichkeit des Intellekts in ihrer Struktur immer schärfer und ausgedehnter zum Ausdruck bringt. Dies ist nur ein Spezialfall aus der fortschreitenden Rationalisierung des gesamten Lebens, welche triebhaft einsetzt und dann vornehmlich durch die spontane, autonome, planmäßige, zweckbewußte Arbeit des Geistes, der alle seine Inhalte seinen Forderungen, den Postulaten des Vernunftwillens zu unterwerfen strebt, erfolgt. In der fortschreitenden Vergeistigung der Natur, sowohl der äußeren als auch der inneren Natur des Menschen besteht ja der Sinn aller wahren, vollen Kultur. Durch die reaktive und aktive Formung, welche das Geistesleben beständig an seinen Objekten vornimmt, erzeugt es einen stets zunehmenden Reichtum geistiger Werte und zugleich entwickelt es sich selbst zu immer höheren Daseinsstufen; die Funktion wirkt hier, wie im Biologischen, durch Übung und deren Nachwirkungen sowie durch Vererbung derselben, zu der auch die Tradition gehört, auf die Organisation, von der sie ausgeht, zurück, so daß auch hier ein besonnener „Lamarckismus“ Recht behält.

Wenn es wahr ist, daß alle Entwicklung zwar auch durch äußere Faktoren bedingt und bestimmt ist, aber doch in erster Linie unmittelbar von innen her erfolgt, so gilt dies nun ganz besonders für die seelische Evolution. Dies folgt schon aus der Finalität der Psyche, aus deren Gerichtetsein auf immer neu sich entfaltende Ziele. In unaufhörlicher Bewegung muß ein Seelenleben sein, dessen innerstes Triebwerk wirkliches Streben, wahre Tendenz, also „Wille“ im allgemeinsten Sinne des Wortes ist. Nur die Verbindung von immanenter Teleologie und Voluntarismus ist geeignet, uns die wachsende Zweckmäßigkeit des Psychischen ohne Berufung auf „transzendente“, von außen gesetzte Zwecke oder auf geheimnisvolle Zweckursachen verständlich zu machen. Gewiß sind nicht alle erzielten Resultate von Anfang an Objekt und Inhalt des Willens, gewiß weiß das Subjekt oft nichts oder nur wenig von dem, was es erzeugt und wozu es erwächst, aber wenn es auch wahr ist, daß nur eine Summation, ein fortlaufender Zusammenhang relativ selbständiger Zielstrebungen und Zwecksetzungen die endlich erreichten Zweckmäßigkeiten mit sich bringt, so ist es doch ebenso wahr, daß ohne diese Strebungen, in denen das Wesen des Subjekts, der Psyche zum Ausdruck gelangt, nichts von dem erreicht würde, was tatsächlich gewonnen wird. Mit außerordentlicher Genialität hat insbesondere Leibniz diese Selbstentwicklung der Seele erfaßt und nur den Fehler begangen, die Seele als einfache Substanz, als Monade unter anderen Monaden zu fassen, statt sie als eine, eine Vielheit von „Elementen“ und Momenten einschließende aktuale Organisation zu betrachten, wie wir es heute tun müssen. Es gibt eben nicht ein besonderes, qualitativ unbekanntes Wesen, Seele genannt, sondern die Seele ist der einheitliche, sich von seinen ihn zur Erscheinung bringenden Momenten und Elementen selbst unterscheidende, abhebende Zusammenhang zielstrebiger Aktionen und Reaktionen, eine sich permanent setzende, durchsetzende, erhaltende, entfaltende „Subjekt-Einheit“ als das „Innensein“ dessen, was objektiv angesehen oder gedacht als physischer Organismus sich darstellt. Insofern diese Einheit aus sich heraus tätig, wirksam ist, Fähigkeiten zu verschiedenen Handlungen besitzt, ist sie im wahrsten Sinne des Wortes eine „Kraft“, während die objektiv-physischen Kräfte uns nur als gedankliche Ausgangspunkte von kausalen Relationen gegeben sind. Jede Seele ist ein sich selbst unmittelbar erfassendes Aktionszentrum, nicht „substantiell“, sondern durch ihr Wirken und ihre Dispositionen dazu. Sie „wirkt“ aber dadurch, daß sie strebend, wollend, also auf Ziele „gerichtet“ ist; ihr Wirken ist also final bestimmt. So kann man die Seele als eine Art Apparat zur Verwirklichung von Zwecken ansehen, freilich als einen lebendigen, aktiven, bewußten Apparat, nicht als einen bloßen Sitz oder ein Reservoir von Kräften.

Wir sehen aus dem Vorangehenden, wie notwendig die teleologische Fundierung der Psychologie ist. Es ist in der Tat ganz und gar unmöglich, die Gesetzlichkeit, die im Seelenleben waltet, zu verstehen, wenn man nicht den Strebungscharakter und damit die Finalität des Psychischen voll berücksichtigt. Die Zielstrebigkeit in ihren verschiedenen Abstufungen und Bewußtseinsgraden beherrscht das gesamte Seelenleben, sie ist die Grundbedingung, die Urvoraussetzung für das Funktionieren desselben. Sie waltet im Wollen direkt, kommt im Gefühlsleben zum Ausdruck und durchsetzt auch die intellektuellen Prozesse, angefangen von der Empfindung und Sinneswahrnehmung bis hinauf zum Denken und Erkennen. Die Grundfunktionen des Bewußtseins und deren Wirkungen stehen alle, direkt oder indirekt, im Dienste der reaktiven Zielstrebigkeit oder der aktiven Zwecksetzung, handle es sich nun um das Gedächtnis, die Phantasie, die Abstraktion, die Übung, die Gewöhnung, die Ermüdung, die Aufmerksamkeit u. dgl. oder um die im Spiel, in der Kunst, im religiösen, sittlichen, sozialen Leben wirksamen Seelenfunktionen. Überall bestehen hier Bedürfnisse, teils materialer, teils formaler Art, Tendenzen der psychischen Organisation und ihrer „Provinzen“, die triebhaft oder mittels des „Vernunftwillens“ zur Erfüllung drängen. Was oft als rein mechanische Reflextätigkeit oder als Resultat unbewußten Wissens und Planens erscheint, wie die Instinkthandlung, ist das fixierte, durch Übung und Vererbung der psychischen Organisation fest einverleibte Resultat von zielstrebigen Reaktionen, die durch allmähliche Anpassung zu objektiv zweckmäßigen Erfolgen geführt haben. Man muß sich also vor zweierlei hüten: einerseits vor dem Fehler, da, wo schon triebhafte, impulsive, wenn auch sehr beschränkte, nur auf das Allernächste, auf die Entfernung unlustvoller und die Festhaltung lustvoller Reize gerichtete Zielstrebigkeit besteht, bloß das Resultat rein mechanisch-reflektorischer Vorgänge zu erblicken; anderseits aber auch vor dem ebenso gefährlichen Irrtum, einfach organisierten Lebewesen tierischer und pflanzlicher Art schon Denk- und Willensakte zuzuschreiben, die nur in einem komplizierten Bewußtsein möglich sind, die Fähigkeit aktiver Vergleichung, Abstraktion, Überlegung, Wahl voraussetzen oder auch durch eine große Zahl in Bereitschaft stehender Erfahrungen bedingt sind. Schon der Ausdruck „Zielstrebigkeit“ (bekanntlich von K. E. v. Baer eingeführt) ist cum grano salis zu verstehen, sonst kann er leicht Unheil anrichten. Es ist nicht so, als ob es an sich Ziele gäbe, die dem Lebewesen irgendwoher gesteckt sind und auf die es nun unbewußt oder bewußt zustrebt. Wir wissen wenigstens nichts davon, solange wir auf dem Boden der Empirie verbleiben und metaphysischen Theorien innerhalb der empirischen Forschung keinen Raum gönnen. Zielstrebigkeit ist für uns nichts anderes als ein Ausfluß des Lebens selbst; das Ziel ist dem Streben durchaus immanent, es ist durch das erlebende Subjekt selbst „gesetzt“, ist von ihm unabtrennbar. Dieses ist durch und durch Wille zur Erhaltung, Durchsetzung, möglichst auch Steigerung und Entfaltung der eigenen Einheit, nicht aber ist es irgendwoher auf dieses Ziel eingestellt worden. Und alle die Zwecke, die von lebenden Subjekten angestrebt werden, sind nur Konsequenzen aus der primären Zielstrebigkeit, in allmählicher Entwicklung entfaltet und jeweilig modifiziert und modifizierbar durch das Milieu, in welchem das Subjekt lebt. Es muß dies wiederholt betont werden, damit die Gegner aller Teleologie einsehen lernen, daß von irgendwelchen „reaktionären“ Tendenzen in dieser Form der „Auto-Teleologie“ nicht im geringsten die Rede ist. Für eine große Strecke der Finalität ist jedwedes Vorauswissen zweckmäßiger Erfolge unbedingt ausgeschlossen, auch ist die Erreichung solcher Erfolge keineswegs eindeutig bestimmt, nur zu oft finden Irrtümer statt, es bedarf oft einer großen Reihe von Erfahrungen, damit unter den in Bereitschaft stehenden Bedingungen die richtigen Mittel zur Anwendung kommen. Die Kenntnis der richtigen Mittel zum Zweck ist vielfach erst das Produkt langer Entwicklung, die „Zufälligkeit der Mittel“ (Pauly) ist ein nicht genug zu beachtender Umstand, der für die neben der Zweckmäßigkeit stark hervortretende „Dysteleologie“ von hoher Bedeutung ist. Zielstrebigkeit schließt also noch nicht die richtige Technik der Mittel ein, der Mangel einer solchen freilich nicht die Existenz einer Zielstrebigkeit aus. So sehen wir z. B. eine bestimmt geartete Individualität, einen bestimmt gerichteten Charakter zuweilen sich in der Wahl der diesem Charakter gemäßen Lebensbedingungen (Beruf usw.) vergreifen, weil er sich eben in seinem „dunklen Drange“ des „rechten Weges“ nicht bewußt ist. Mit Recht ist gesagt worden, der Charakter eines Menschen sei dessen Schicksal. Das bedeutet psychologisch: der Grundwille, der das Wesen dieses bestimmten Subjekts ausmacht, leitet bewußt oder impulsiv dessen ganzes Tun und Lassen, wobei nicht auf die äußeren Verhältnisse und deren bestimmenden, teilweise auch zwingenden Einflüsse vergessen werden darf. Die Mittel aber, diesem Grundwillen Genüge zu tun, werden oft nicht richtig gewählt, weil Erfahrung oder Vernunfteinsicht nicht im rechten Maße vorhanden ist, so daß auch diese Faktoren das Geschick des Menschen bestimmen. Das „Dysteleologische“ ist, kurz gesagt, nicht bloß auf Rechnung äußerer Faktoren zu setzen, sondern es entspringt vielfach der Finalität, dem Teleologischen selbst, teils als ungewollter Nebenerfolg, teils infolge der Beschränktheit des Subjekts. An diese Dysteleologie ist in letzter Linie der Konflikt verschiedener oder gegensätzlicher Tendenzen und Zielstrebigkeiten, insbesondere zwischen verschiedenen Subjekten, schuld.