Der Begriff der Richtung (dessen Bedeutung von R. Goldscheid[30] betont wurde) ist überhaupt für die Psychologie wichtig. Er ist hier wie in der Naturwissenschaft unentbehrlich, weil der Qualitäts- und der Intensitätsbegriff nicht ausreichen, um gewisse Unterschiede in den psychischen Vorgängen festzulegen. In erster Linie und primär ist die „Richtung“ im Seelischen ein Modus des Willens, dessen Wirksamkeit verschieden ist, je nach dem Ziele, auf das der Wille gerichtet, eingestellt ist. Mit gutem Sinne können wir z. B. von einer Richtung des Vorstellungsverlaufes sprechen, die entweder von momentanen, triebartigen Impulsen oder aber vom zweckbewußten Willen (Denkwillen) abhängig ist. Der Wille beeinflußt die Richtung der Erlebnisse, die Art des Ablaufes, des zeitlichen Zusammenhanges, des (relativen) Abschlusses derselben, abgesehen davon, daß der Aufmerksamkeitswille verschieden gerichtet sein kann, indem er bald auf das eigene subjektive Erleben, bald auf die objektiven Inhalte desselben sich lenkt. Der Wille als solcher ist, in Beziehung auf seinen Zielpunkt, ein (dynamisches) „Gerichtetsein“, dessen direkte oder indirekte, totale oder partielle Objektivierung die Richtung der psychischen Energie der Gehirn- und Nervenprozesse ist. Für den Unterschied zwischen Trieb und Willkür (Wahl) mechanisierter (automatischer) und aktiver Geistesfunktion ist die Unterscheidung eindeutig und mehrdeutig bestimmter Richtung von Wichtigkeit, z. B. für das Problem der Willensfreiheit. —

Es würde den Rahmen dieser Arbeit weit übersteigen, sollte der Anteil des Willens an den seelischen Geschehnissen im einzelnen aufgezeigt werden. Es genügt, wenn wir dartun konnten, daß sowohl im niederen, einfachen, wie im höheren, komplizierten Seelen- und Geistesleben der Wille in verschiedener Form und Richtung das zentral Wirksame, die innerste Energie des Bewußtseins ist, und daß der vollständige, unabgekürzte, ungehemmte psychische Vorgang eine Willenshandlung ist. Erst durch Abschwächung, Abstumpfung des Strebens und Fühlens, des Appetitiven und Affektiven kommt das verhältnismäßige „rein“ Intellektuelle, das neutrale Wahrnehmen, Vorstellen und Denken zustande, teilweise aber selbst wieder unter dem Einfluß des Willens, nämlich des Kulturwillens, der eine möglichste Beherrschung, Zurückdrängung des Triebhaften, Affektiven mit sich bringt.


IV. Der Zweck im Seelischen.

Während in früheren Perioden der wissenschaftlichen Forschung die Idee des Zweckes und der Zweckmäßigkeit, kurz, die Teleologie meist in der Form eines Gegensatzes zum Kausalitätsbegriff oder aber so auftrat, daß in der Natur zwei Arten von Ursächlichkeiten, die kausale und die finale, nebeneinander, ohne innere Verbindung walten sollten, ist es ein Postulat unserer Zeit — das aber schon bei älteren Denkern, besonders bei Leibniz sich geltend machte — die Teleologie so zu fassen, daß sie zu der kausalen Betrachtungsweise in keinen Widerspruch gerät, vielmehr mit ihr aufs beste harmoniert. Von einer „transzendenten“ Teleologie, wonach Gott oder die Natur den Dingen bestimmte Zwecke gesetzt hat, denen diese unbewußt oder bewußt nachgehen, will man mit Recht, wenigstens innerhalb der empirischen Wissenschaft, nichts wissen. Anderseits ist den noch immer in großer Zahl vorhandenen Gegnern aller Teleologie entgegenzuhalten, daß man in der Biologie und in den Geisteswissenschaften ohne Teleologie nicht auskommt. Nur muß das eine immanente, eine „Auto-Teleologie“ (Pauly) sein, welche Ziele und Zwecke nicht als Wesenheiten außerhalb der lebenden, handelnden Wesen, sondern als etwas diesen Innerliches, Immanentes, von ihnen selbst Gesetztes, Erstrebtes, Verwirklichtes bestimmt und den Einfluß äußerer, nicht-teleologischer, rein kausaler Faktoren gebührend würdigt. Finalität und Kausalität schließen einander nicht aus, sondern sind, wie wir gleich sehen werden, nur zwei Betrachtungsweisen bzw. Phasen einer und derselben Reihe des Geschehens, ohne daß deshalb, wie manche meinen, etwa die Finalität nur subjektiv, nur ein „Regulativ“ für unser Erkennen sein muß.

Wo wir innerhalb der empirischen Wissenschaft kein Seelisches annehmen dürfen oder, besser, nicht anzunehmen brauchen, beim Anorganischen, und überall da, wo wir nicht in der Lage sind, mit Sicherheit bestimmte psychische Handlungen einfühlend zu erkennen, da sind wir berechtigt, bloß von einer „regulativen“ und heuristischen Anwendung des Zweckbegriffes zu sprechen, d. h. die Dinge so anzusehen, als ob sie einem Zwecke dienten, um leichter zu kausalen Reihen zu kommen und diese besser zu verstehen. Aber das ist nicht der einzige zulässige Gebrauch, den man von der Teleologie machen darf, und zwar nicht erst in der Metaphysik, sondern schon in der Biologie, Psychologie und in den Geisteswissenschaften. Hier ist es vielfach oft die Idee des Zweckes, die erst Einheit in die Erfahrung bringt, diese erst „konstituiert“ und das Geschehen erst sinnvoll, bedeutsam macht. Aber auch hier ist die „Finalität“ nur eine Seite oder Phase desselben Geschehens, das zugleich sich kausal beschreiben läßt. „Konstitutiv“ ist der Zweckbegriff hier aber schon deshalb, weil wir, während Zwecksamkeit, Finalität in das Physische zunächst nur hineingelegt wird, sie an uns selbst, in unserem seelischen Verhalten unmittelbar erleben oder setzen und sie ebenso als ein allem Seelischen unmittelbar Anhaftendes ansehen müssen, als ein Charakteristikon des Psychischen selbst[31].

In der Tat, der Zweckbegriff, der formal unserem beziehenden Denken entspringt, hat sein Ur- und Vorbild im eigenen Erleben des Subjekts. Dieses ist selbst durch und durch ein Zwecke-setzendes, „zielstrebiges“ Wesen und es ist tätig, um diesen seinen Zwecken zu genügen, um sie zu verwirklichen, aus der Potenz in die Aktivität überzuführen. Das Subjekt ist ein Zwecke-objektivierendes Wesen. Sein ganzes Tun ist ein Inbegriff von Mitteln zur Realisation von Zwecken, zur Erreichung von Zielen. Zunächst ist aber zu zeigen, wie das möglich ist, ohne daß das Kausalitätsgesetz durchbrochen, außer Geltung gesetzt wird.

Ein einfaches Beispiel für eine Zwecktätigkeit ist die Handlung, bei der ich den Arm ausstrecke, um ein Buch zu ergreifen. Psychologisch geht folgendes vor: ich habe ein Ziel in Gestalt einer Vorstellung vor Augen, die „Lust“ dazu und das Streben nach dessen Erreichung, welches sich in Bewegungsempfindungen u. dgl. umsetzt und schließlich zu jenem psychischen Zustande führt, welcher mit dem Besitze des Buches verbunden ist. Dieselbe Reihe ist nun auch rein kausal beschreibbar. Zuerst war meine Armbewegung „Mittel“ zur Besitzergreifung des Buches, diese aber „Zweck“ meiner Handlung; jetzt ist die Handlung (das Ausstrecken des Armes) „Ursache“ des Ergreifens und Festhaltens des Buches und zwar sowohl psychisch (als unmittelbares Erlebnis von Empfindungen und Vorstellungen) wie physisch (als objektiv-physikalisch aufgefaßte Bewegung). Was bei der einen Betrachtungsweise Mittel und Zweck ist, ist für die andere Ursache und Wirkung. Der Zweck ist nichts als die im Erleben antizipierte, die vorstellend erstrebte Wirkung, die reale Wirkung ist der aktualisierte Zweck, ohne daß sie stets genau mit diesem übereinstimmt. Die oft gestellte Frage: wie kann etwas, was noch nicht da ist, was der Zukunft angehört, Ursache eines Geschehens sein, beantwortet sich dahin, daß nicht die reale Wirkung selbst Ursache des Handelns ist, sondern die Vorstellung der Wirkung, des Resultates und zwar als Inhalt oder Motiv des Willens. Zweck ist soviel wie Willensziel, Willensinhalt, nicht etwas selbständig Existierendes und Wirksames. Der Zweck wirkt nur im und durch den Willen, dieser ist als psychischer Vorgang die Ursache von Handlungen, durch welche das Gewollte, der Zweck, verwirklicht wird. Das Eigenartige der Zwecksamkeit, das „Wozu“ ist kein besonderes Geschehen, dem physisch etwas parallel geht, sondern liegt schon im Zusammenhange des Wollens, der allein sein physiologisches Gegenstück hat. Das Subjekt will etwas, und zwar weil es ein anderes will usf. Dies führt zu einem ganzen System von Wollungen, deren jede auf die andere so bezogen ist, daß eine aus der andern mit innerer Notwendigkeit erfolgt, einer Notwendigkeit, die final und kausal zugleich ist, je nachdem wir in der Ordnung der Reihen vorgehen. Dieses System von Zwecksetzungen, in welchem jeder Zweck wieder Mittel für einen anderen Zweck sein kann, ist nicht bloß formal zur Einheit verknüpfbar, sondern erweist sich bei gehöriger Selbstbesinnung und vergleichender Betrachtung fremden Seelenlebens als einheitlich gerichtet, indem es dem obersten subjektiven Zweck, der Erhaltung und Betätigung der Einheit des Subjekts, also dem Einheitswillen sich unterordnet. Dieser Einheitswille, der Wille zur Bewahrung der Ich-Einheit in aller Mannigfaltigkeit der Erlebnisse, ist der oberste Grund, dem das seelische Handeln entfließt, das Motiv der Motive. Indem nun die Psyche in ein solches System von Wollungen oder Zielsetzungen sich auseinanderlegt, ist sie so recht eine „Entelechie“ (im Sinne noch mehr des Leibniz als des Aristoteles), eine sich von innen aus aktiv-reaktiv entfaltende, entwickelnde Subjektivität, ein „Organismus“, dessen Objektivation oder Ausdruck der leibliche Organismus ist[32].

Wenn der Neo-Lamarckismus so sehr die Wirksamkeit psychischer Faktoren und die Geltung einer „Auto-Teleologie“ betont, so ist er durchaus im Rechte, vorausgesetzt, daß er nicht die Bedeutung äußerer Faktoren (Milieu, Auslese usw.) vernachlässigt. In der Tat: wollen wir das Leben nicht bloß äußerlich in dessen Erscheinungen beschreiben, sondern es in seinem inneren Wirken verstehen, wollen wir die Zweckmäßigkeit der Lebensprozesse und deren Produkte begreifen, so können wir nicht umhin, auf die Bedürfnisse zurückzugreifen, die durch Anregung des Strebens zu lebensnützlichen Reaktionen verschiedenster Art führen. Es gibt zweifellos eine aktive Anpassung, bei welcher der Organismus, seinen durch den Wechsel der äußeren Bedingungen erregten Bedürfnissen folgend, so tätig ist, daß diesen Bedürfnissen Genüge getan wird, bis, durch Übung und Vererbung festgewordener Übungsresultate, eine größere Harmonie des Baues und der Funktionen des Organismus mit dem Naturmilieu erreicht ist. Die erreichte Zweckmäßigkeit ist also ein Resultat der psychischen, zielstrebigen Einwirkung des Organismus auf sich selbst, die, wir wissen bereits warum — ihr physisches, physiologisches Korrelat hat. Die Zielstrebigkeit ist aber nur zum geringeren Teil direkt auf Realisierung von bestimmten Vorstellungsinhalten gerichtet, vielfach und primär ist sie nur triebhafte Reaktion zur Abstellung von Unlust oder Gewinnung von Lust nach einer bestimmten Richtung, Tendenz zur Herstellung des gestörten Gleichgewichts, zur Entfernung störender Reize u. dgl. Das objektiv Zweckmäßige ist zwar durch das zielstrebige Verhalten des Organismus bedingt, aber keineswegs ein direktes Resultat desselben, sondern das Produkt einer Komplikation von Faktoren und einer ganzen Reihe von Zielstrebigkeiten und Handlungen.

Es mußte dies betont werden, weil es auch für die Psychologie als solche, nicht bloß für die Biologie gilt. Auch hier müssen wir von den primären Zielstrebigkeiten und Zwecksetzungen jene Folgen und Nebenwirkungen unterscheiden, die, indem sie irgendwie in die Richtung der individuellen Zielstrebigkeit hineinpassen, später selbst finalen Charakter erlangen, ohne daß vorher auch nur im geringsten an sie gedacht worden wäre. Für die individuelle, wie für die soziale, kulturelle Entwicklung ist dieses Prinzip der „Heterogonie der Zwecke“ (Wundt) von nicht geringer Bedeutung, es erklärt uns die beständige Steigerung, das Wachstum geistiger Werte, und es zeigt uns, wie es das Wesen des Geistes ist, Kausalität in Finalität zu verwandeln, bzw. in deren Dienst zu nehmen.