Die Entwicklung der Hauptthese.
Unsere bisherige Untersuchung führte zu dem Ergebnis, daß, was an Aufstieg des Lebens bei der Menschheit vorliegt, nicht eigenem Vermögen des bloßen Menschen entstammen kann, sondern das Wirken eines überlegenen Lebens erweist. Das aber verändert wesentlich den Anblick und auch die Aufgabe unseres Lebens. Denn wenn so unser Leben nicht einen in sich abgeschlossenen Kreis bedeutet, sondern sich als ein Gesetztsein durch ein überlegenes Leben, als Wirkung einer Ursache darstellt, so muß es zu einem zwingenden Antriebe werden, uns möglichst in jene Ursache zu versetzen, damit zu klären, was bei uns vorgeht, auch seine einzelnen Züge fester zusammenzuschließen, ferner die eigene Kraft durch die Herstellung einer Verbindung mit den schaffenden Gründen zu stärken. Es gilt zu den Quellen zurückzugehen, um der Gebundenheit und Verworrenheit überlegen zu werden, die uns fesselt und niederdrückt, es gilt von da aus in frischen Fluß zu versetzen, was sonst träge und matt dahinschleicht. Mit der Ursache wird uns ein Ideal vorgehalten, das zugleich zur erweckenden Kraft bei uns wird, das mehr aus uns zu machen und unserem Leben mehr Sinn zu geben verspricht. Was bei uns als bloßes Streben vorliegt, das muß in der Ursache Volltat sein, damit es unser Streben erzeugen kann, als solche aber wird es auch inhaltlich den bei uns erreichten Stand weit überschreiten.
Es erscheint im Bereich des Menschen ein Überschreiten des bloßen Nebeneinander, ein starkes Verlangen nach inneren Zusammenhängen, ja nach möglichster Gestaltung des Lebens von einer beherrschenden Einheit her. Diese Bewegung aber schwebt in der Luft und muß an den harten Widerständen des natürlichen Daseins scheitern, wenn nicht das Leben von Grund aus ein Ganzes bildet, wenn nicht ein Gesamtleben, eine Welteinheit geistiger Art besteht und wirkt; so wenig unser Vorstellen diese Einheit zu fassen vermag, sie bleibt die Grundvoraussetzung der Bildung einer neuen Lebensstufe gegenüber der der Natur, einer Welt ist nur eine Welt, nicht der bloße Mensch gewachsen. Die Anerkennung solcher Welteinheit muß aber dahin drängen, alles, was an Verzweigung geistigen Lebens bei uns vorliegt, von einer umfassenden Einheit her zu verstehen, es dadurch zu beleben und zu erhöhen.
Wie so der Bewegung zur Einheit, so ist auch der zur Innerlichkeit eine Überlegenheit gegen den bloßen Menschen zuzuerkennen, wenn, was bei uns in jener Richtung vorgeht, nicht ins Leere fallen soll. Denn was beim Menschen an eigentümlicher Innerlichkeit erschien, das wollte kein bloßer Nachklang, auch kein bloßes Abbild bleiben, sondern das wollte einen selbständigen Lebenskreis bilden, das wollte eine Innenwelt werden. Wie könnte es aber das unternehmen, wie könnte es in seinen Bereich die ganze Weite hineinzuziehen suchen, wäre das All ein seelenloses Nebeneinander, bestünde nicht auch in ihm als einem Ganzen eine Innerlichkeit, auch das natürlich in voller Überlegenheit gegen unser Vorstellungsvermögen. Dabei bleibt es: entweder erlangt bei uns die Innerlichkeit keine Selbständigkeit, oder sie ist in einem Innenleben der Welt begründet.
Das Selbständigwerden aber, das allein echte Innerlichkeit entstehen läßt, verlangt eine Stellung des Lebens auf eigene Tat; so gibt es keine Innerlichkeit der Welt ohne das Entstehen einer Tatwelt gegenüber dem Dasein, das uns zunächst umfängt; auch die Welt als Ganzes muß schließlich in einer Gesamttat begründet sein, sonst kann die Tatwelt nicht dem Dasein gewachsen und überlegen werden.
Die Tatwelt darf aber, um volle Selbständigkeit und Selbstgenugsamkeit zu besitzen, nichts außer sich liegen lassen, sie muß alles an sich ziehen und von sich aus zu gestalten suchen; das erklärt auch den Trieb zur Unendlichkeit, der dem menschlichen Streben innewohnt, es nimmer ruhen und rasten läßt. Diese Forderung der Selbstgenugsamkeit geht aber nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, die Tätigkeit darf nicht an etwas anderem haften und an es gebunden bleiben, sie muß ganz auf sich selber stehen; das aber kann sie nicht, wenn sie irgendwelches Sein außer sich duldet und bloß an ihm sich zu schaffen macht; so muß sie, was sie an Sein anerkennt, aus sich selbst hervorbringen, zugleich den Begriff des Seins aber gegen die gewöhnliche Fassung wesentlich umgestalten. Von einem Sein innerhalb des Lebens kann nur die Rede sein, sofern verlangt wird, daß ein Ganzes des Lebens an jeder einzelnen Stelle gegenwärtig sei, damit das Leben sich eine Tiefe gebe und seine Ausbreitung zum Ausdruck dieser Tiefe gestalte. Das macht erst die Forderung verständlich, daß der Mensch im Handeln etwas sei, gemäß dem Schillerschen Worte: »Gemeine Naturen zahlen mit dem, was sie tun, edle mit dem, was sie sind.« Denn offenbar bezeichnet hier das Sein nicht ein hinter dem Leben befindliches Ding, sondern eine ihm selbst gegenwärtige Einheit und Tiefe. Mit ihrer Bildung vollzieht sich eine innere Abstufung des Lebens, und es rechtfertigt sich damit erst die Bedeutung, welche wir Begriffen wie Gesinnung, Überzeugung, Denkart usw. zuzuerkennen pflegen. Eine solche Anerkennung eines Seins im Leben befreit uns auch von der Alleinherrschaft des »Dinges an sich«, das, unserem Verhältnis zur Außenwelt entsprungen und dafür berechtigt, bei Übertragung auf die innere Welt alles Wahrheitsstreben lähmen, ja zerstören müßte. Denn wenn uns auch unsere Seele zur Außenwelt wird, so besteht keine Möglichkeit einer Wahrheit.
Damit aber das Ganze des Selbst die Ausbreitung des Lebens voll durchdringe, darf die Mannigfaltigkeit des Tuns nicht ein bloßes Nebeneinander bleiben, sondern sie muß zu einem festen Zusammenhange verbunden werden, in dem alles Einzelne einander ergänzt und sich gegenseitig näher bestimmt, zugleich aber das Ganze einen eigentümlichen Charakter ausprägt. So entstehen zunächst einzelne Gebiete geschlossener Art, über sie alle hinaus aber drängt es zum Schaffen eines Gesamtzusammenhanges, und erst ein solches Gesamtwerk ergibt etwas, das in vollem Sinne Wirklichkeit genannt werden darf. Wir erkannten in Arbeit und Schaffen bei uns eine Bewegung zur Hervorbringung einer Wirklichkeit, da erst mit ihrer Erreichung das Leben eine Festigkeit und einen bestimmten Gehalt gewinnt, ja erst vollständiges Leben wird. Da eine derartige Wirklichkeit letzthin aber nur von innen her, als eine Selbstentfaltung des Lebens entstehen kann, dieses aber eine Welt in sich tragen muß, so erkennen wir wiederum das Angewiesensein des Menschen auf ein umfassendes Weltgeschehen; ohne ein Wurzeln darin und ein Schöpfen daraus ist alles menschliche Streben nach Herstellung einer Wirklichkeit und damit nach Vollendung des Lebens verloren. Denn nur so hört der Geist auf, bloß über den Wassern zu schweben, nur so kommt er in volles Schaffen hinein und findet sich selbst in solchem Schaffen.
Durchgängig erhellte, daß bei dem Aufstieg, der durch unser Leben geht, nicht einem vorhandenen Stande nur dieses oder jenes hinzugefügt oder auch jenem eine besondere Richtung gegeben wird, sondern daß die Frage viel tiefer geht. Sie geht auf das Ganze des Lebens selbst: dieses hat sich aus einem bloß anhangenden Halb- und Scheinleben zu selbständigem und echtem Leben erst zu erheben, alle besonderen Aufgaben sind nur Stücke und Seiten dieser einen Gesamtaufgabe, und es ist ihre Lösung letzthin an die Entscheidung über diese gebunden. An solchem Erringen eines wahrhaftigen Lebens, eines Lebens, das bei sich selber ist und einen Inhalt besitzt, arbeitet die ganze Menschengeschichte, sofern sie geistige Züge trägt; sie erhält ihren tiefsten Sinn und zugleich ihre stärkste Kraft daraus, daß in ihr das Leben in unserem Bereich sich selber sucht; sie verläuft nicht auf gegebener Grundlage, sondern sie ist in stetem Mühen um einen sicheren Grund begriffen.
So ist das Leben in seiner neuen Erschließung allem Wunsch und Vermögen des bloßen Menschen zweifellos überlegen. Aber ebenso will die Tatsache anerkannt und gewürdigt sein, daß dieses Überlegene zugleich innerhalb des Menschen als eigene Kraft zu wirken und weiterzutreiben vermag, daß das »Über dem Menschen« zugleich ein »In dem Menschen« werden kann, eine Tatsache, die um so wunderbarer scheint, je mehr man sich in sie vertieft. Und doch ist ein solches Innewohnen des neuen Lebens unentbehrlich, wenn alles, was sich uns beim Menschen an Aufstieg des Lebens zeigte, echt, kräftig, ja überhaupt möglich sein soll. Umfinge den Menschen ganz und gar eine begrenzte Sondernatur, und müßte sie ihm auch alles vermitteln, was vom Gesamtleben an ihn kommt, so könnte er nie eine innere Gemeinschaft mit diesem gewinnen, so würde alles an ihn Herangebrachte durch jene besondere Art verzerrt und verbogen, so könnte das Neue nie bei ihm die Kraft einer Selbsterhaltung gewinnen, die doch für alles Vordringen unentbehrlich ist. Daß es in Wahrheit anders steht, daß unser Leben das Übermenschliche zugleich als ein Innermenschliches haben kann, das erweist sich durch das Ganze des Lebens bis in seine Grundformen hinein. Durchgängig besteht die Möglichkeit, daß etwas die volle Kraft und Hingebung des Menschen gewinne, was den Zwecken und dem gesamten Glück des bloßen Menschen schnurstracks widerspricht. Dies allein erklärt zum Beispiel die Macht und rechtfertigt die übliche Schätzung der Pflichtidee. Hier kommt im Menschen etwas zur Wirkung, was seinem Handeln feste Schranken zieht und seinen Naturtrieben schroff widerspricht, und zugleich wird es ihm zu eignem Entscheiden und Wollen, es gibt ihm eben in der Unterordnung das Bewußtsein vollster Freiheit. Der Pflichtgedanke ist aber nur ein besonders reiner Ausdruck einer Bewegung, die durch das ganze Leben geht. Denn wo immer es die Stufe der bloßen Natur überschreitet, da tritt es unter bindende Normen, die ihm kein fremdes Gebot, sondern seine eigene Zuwendung auferlegt, die den Menschen in Wahrheit erhöhen, indem sie ihn herabzusetzen scheinen. So beim Denken, das mit seiner Versetzung in die Sache und seiner Vertretung ihrer Forderungen das Wohl des bloßen Menschen ganz wohl schwer schädigen kann. Wie oft zwang uns das Denken, namentlich auf politischem und sozialem Gebiet, Folgerungen zu ziehen, die uns höchst unbequem waren, und wie oft haben die von ihm herausgestellten Widersprüche das Leben aus seinem Gleichgewichtsstand unsanft aufgescheucht! Das konnte das Denken nur als ein eigenes Werk und als eigene Triebkraft des Menschen; hinter der Selbstverneinung, die es vollzog, stand schließlich notwendig irgendwelche Selbstbejahung.
Am deutlichsten ist die Bewegung des Menschenlebens über den bloßen Menschen hinaus bei der Religion, das aber sowohl im Gedankengehalt als in der Gestaltung des Handelns. Die Religion enthält, wie schon der Begriff des Heiligen zeigt, einen starken Trieb, einen gewissen Bereich vom gewöhnlichen Leben abzusondern, ihn darüber hinauszuheben und ihm Verehrung darzubringen; wo sie mit ursprünglicher Kraft die Gemüter einnahm, da war sie kein bloßes Hinausstrahlen menschlicher Größen und Wünsche in das All, wie es fälschlich oft dargestellt wird, sondern ein Kampf gegen die Festlegung des Strebens bei diesen Größen und Gütern. Xenophanes Wort, daß die Menschen nach ihrem eigenen Bilde das der Götter gestaltet hätten, stimmt nicht zur Erfahrung der Geschichte; sie zeigt vielmehr ein Verlangen, etwas Andersartiges, etwas wesentlich Höheres gegenüber dem Menschen zu erreichen. In früheren Zeiten hat sich das Streben dabei oft ins Ungeheuerliche verloren und Gestalten geschaffen, die uns Späteren fratzenhaft scheinen mögen; bleibt aber nicht auch in einem weiten Abstand, ja Gegensatz zum menschlichen Dasein, wer bei der Gottheit etwas Reingeistiges, Ewiges, Unendliches sucht? Daher hat die Religion, sofern sie nicht bloß das Leben angenehm umsäumt und damit einer sicheren Auflösung entgegengeht, einen herben und strengen Charakter; das Wort »Niemand wird Gott sehen und leben« hat einen guten Sinn. Für das Handeln aber bildet in ihrem Gebiet den Zentralbegriff der des Opfers. Auch hier hat sich im Fortgang des Lebens die Sache vom Sinnlichen ins Unsinnliche verschoben, aber nur eine Verflachung und Verflüchtigung kann das Beharren, ja das Wachstum des Opfergedankens auf der geistigen Stufe verkennen. Die Religion hat genau so viel Macht über das menschliche Seelenleben, als sie zu Opfern zu treiben vermag. Aber — merkwürdig genug — bei allem, was sie an Verneinung und Entsagung fordert, haben die Menschen in ihr die höchste Seligkeit gesucht und auch zu finden geglaubt; konnten sie das, wenn sie nicht in ihr die letzte Tiefe ihres eigenen Wesens zu erreichen glaubten?