Dieses Ja und Nein, dieses Stirb und Werde, was alle Verzweigung der Lebensgebiete durchdringt, faßt sich insofern auch in ein Ganzes zusammen, als das Kulturleben der Menschheit für jede eindringende Betrachtung nicht ein fortlaufendes Gewebe bildet, sondern sich in den Gegensatz einer durch die Zwecke des Menschen beherrschten Menschenkultur und einer ihr überlegenen, ja entgegengesetzten Geisteskultur zerlegt. Die Menschenkultur war und ist unablässig bemüht, die Geisteskultur zu sich herabzuziehen und in ihre Dienste zu stellen, die Vorkämpfer dieser haben mit jener stets einen harten Kampf zu bestehen gehabt, sie sind in ihm oft zu Märtyrern geworden und mußten durchgängig ein einsames Leben führen, aber nicht nur haben sie die Kraft dazu und eine Freudigkeit darin gefunden, sondern sie sind es, welche mit ihrer Belebung der Tiefen allein dem Menschenleben eine Seele erhalten und ihm einen Sinn und Wert verleihen. Streichen wir sie und was sie vertreten, und das Menschenleben wird ein verworrenes Chaos, ein vergebliches Mühen, die Naturstufe wesentlich zu überschreiten. Auch in das Dasein des Einzelnen erstreckt sich der Gegensatz. Der naturhaften Individualität tritt gegenüber die Persönlichkeit mit ihrer Selbsttätigkeit; sie kann sich nicht ausbilden und dem Menschen ein neues Leben erringen, ohne an jener eine scharfe Kritik zu üben, zu sondern und auszuscheiden, sie findet dabei mannigfachen Widerstand, den sie ohne Schmerz und Entsagung nicht überwinden kann. Aber allem solchen Nein hält ein Ja vollauf die Wage, und unter vielfacher Aufopferung kann sich das Leben doch zu einem Gewinn gestalten.

Wie haben wir dies alles zu verstehen? Wie kann im Menschen etwas Wurzel schlagen und die bewegende Kraft seines Lebens werden, was seiner besonderen Art so schroff widerspricht? Augenscheinlich kommt an ihn etwas wesentlich Überlegenes und hält ihm neue Ziele vor. Aber dies Überlegene mit seinen Zielen wird zugleich zum eigenen Leben des Menschen, es kann ihm etwas, das sein bisheriges Leben entwertet, zu wahrem Leben werden. Wie anders klärt sich das auf, und wie anders kann das neue Leben Kraft gewinnen als dadurch, daß das Gesamtleben mit seiner Tatwelt unmittelbar in den Menschen als eine ursprüngliche Lebensquelle gesetzt ist, daß schaffendes Leben ihm unmittelbar als sein eignes eingepflanzt wird. Eine Welt im Menschen aufbauen und von ihr der ganzen Umwelt den Kampf ansagen läßt sich nur, wenn in ihm selbst ein Weltleben von Haus aus angelegt ist; das kann aber nur durch eine Eröffnung, eine Schöpfung des Gesamt- und Urlebens in ihm geschehen. Daß er ein selbständiger Mittelpunkt, ein geistiges Selbst, man könnte sagen, eine geistige Energie ist oder doch werden kann, das besagt offenbar ein Gesetztsein, eine Tat, die nur aus dem Gesamtleben stammen kann und daher stets an diesem hängt. Das stimmt zu einer Erfahrung der Gesamtgeschichte geistigen Lebens. Denn diese zeigt, daß durchgängig den schaffenden Höhen der Menschheit das Gesetztsein durch eine überlegene Macht und ein Getragenwerden durch sie mit voller Klarheit gegenwärtig war. So fühlte sich das künstlerische Schaffen großen Stiles nicht als ein bloßes Erzeugnis individuellen Vermögens, sondern als Eingebung einer höheren Macht, als eine zu Ehrfurcht und Dank verpflichtende Gnade. Auch große Denker mußten unter einer inneren Notwendigkeit stehen, wenn sie die Forderung einer neuen Denkart — und sie forderten alle eine neue Denkart, nicht bloß einzelne Veränderungen — zuversichtlich allem entgegenstellen konnten, was von altersher und allen anderen als sichere Wahrheit galt. Auch die Helden der Tat pflegten sich als Werkzeuge einer höheren, wenn auch geheimnisvollen Macht zu fühlen; sonst hätten sie schwerlich den moralischen Mut zu ihrem Handeln gefunden, das so viel Verantwortlichkeit in sich trug. Daß aber das Überlegene sie mit solcher Gewalt ergreifen und der Kern wie die treibende Kraft ihres eigenen Lebens werden konnte, das hellt sich erst auf mit der Anerkennung dessen, daß in ihnen selbst das Ganze des höheren Lebens als eine ursprüngliche Quelle gesetzt war. So nur konnte ihnen jenes Höchste das Allernächste und Innerlichste werden, so nur wurde das Gegründetsein in einer höheren Ordnung mit vollster Freiheit des Handelns vereinbar, ja eine Grundbedingung dieser, so nur konnte Meister Eckhart sagen: »Gott ist mir näher als ich mir selber bin«, und Luther bekennen, daß »nichts Gegenwärtigeres und Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen denn Gott selbst und seine Gewalt«.

Es erscheint aber das Leben des Menschen mit solcher Anerkennung einer selbständigen Eröffnung des Gesamtlebens in ihm als ein ungeheurer Widerspruch. Der Mensch ist seiner Lebensform nach begrenzt, er kann diese Begrenzung unmöglich überspringen. Aber in dieser begrenzten Form soll ein unendlicher Gehalt zur Entfaltung kommen. Das muß einmal das Leben in eine unermüdliche Bewegung versetzen, es läßt es nicht ruhen und rasten, es treibt über jedes erreichte Ziel immer weiter zu neuen Zielen. Zugleich aber ruft es ein Streben hervor, durch Ausbildung einer Gemeinschaft und auch durch ein Zusammenwirken der Zeiten jene naturgegebene Enge zu überwinden. Das nämlich ist der tiefste Antrieb zur Ausbildung einer Gesellschaft und einer Geschichte eigentümlich-menschlicher Art, daß das Individuum hier ein seiner Besonderheit und seiner Vergänglichkeit überlegenes Leben erstrebt und damit das dem Einzelnen völlig Unmögliche wenigstens einigermaßen anzunähern sucht.

Bei allem Aufschwung bleibt aber stets die Gefahr, daß das Engmenschliche sich einschleiche und mit schillernden, zweideutigen Formen die Bewegung zu sich zurückziehe. Das geschieht zum Beispiel oft durch den Begriff der Persönlichkeit und die ihm gezollte Schätzung. Persönlichkeit gehört zu den Begriffen, bei denen sich alles Mögliche denken läßt, und bei denen daher leicht gar nichts gedacht, leicht keine Rechenschaft gegeben wird. In diesem Begriff rinnt heute Höheres und Niederes vielfach zusammen, man denkt oft dabei an die Bildung eines geistigen Einzelkreises, der sich möglichst in sich selbst befestigt und alles Erlebnis auf sich als den beherrschenden Mittelpunkt und Selbstzweck bezieht. Bei solcher Fassung schützt alle Weite der Interessen nicht vor einer inneren Absonderung von der großen Welt, einem selbstischen Sicheinspinnen in einen besonderen Kreis und schließlich einem verfeinerten Epikureismus. Dem sei die Behauptung und die Forderung entgegengesetzt, daß das Gesamtleben den Hauptstandort zu bilden habe, damit das Streben volle Offenheit und Weite behalte; was an der besonderen Stelle an eigentümlichem Leben entsteht, das ist von jenem her als seine Individualisierung und Gestaltung zu verstehen. Daß eine solche eigentümliche Gestaltung des Gesamtlebens an den einzelnen Stellen möglich ist, und daß sie gewaltige Kraft zu üben vermag, das zeigen deutlich die großen geschichtlichen Persönlichkeiten, das wird zur Aufgabe für jedes Einzelleben.

So viel bleibt gewiß, daß das geistige Schaffen beim Menschen durch jenes Zusammentreffen von unendlichem Gehalt und endlicher Lebensform nicht nur in rastlose Bewegung versetzt wird, sondern daß es auch unter einander widerstreitende Richtungen gerät. Einmal zwingt jene Begrenztheit es nach geschlossenen Gestaltungen zu streben, um zusammenfassen und übersehen zu können, von der anderen Seite aber treibt die uns innewohnende Unendlichkeit zur Ablehnung aller Grenzen und damit in das Gestaltlose, Fließende, die bloße und reine Stimmung hinein. Daß hier große Lebenswogen gegeneinandergehen, das zeigt besonders deutlich die Kunst mit ihrem Kampf zwischen klassischem und romantischem Schaffen, im Grunde aber durchdringt der Gegensatz alle Weite des Lebens.

So scheinen wir großer Unfertigkeit, ja Unsicherheit ausgeliefert. Aber wir tun das nur für den ersten Anblick, jede tiefere Erwägung zeigt, daß inmitten aller Unfertigkeit das Leben einen festen Halt gewinnt und in sichere Bahnen geleitet wird, auch daß jene Unfertigkeit selbst eine unvergleichliche Größe bekundet. Jenes neue Leben in uns kann, so sahen wir, unmöglich vom Menschen selbst hervorgebracht sein; es als sein Werk verstehen, das heißt es verflachen, verkümmern, zerstören. Ist es aber vom Gesamtleben in uns gesetzt, so erfahren wir einmal darin, daß dieses Leben eine dem Gemenge der menschlichen Welt überlegene Wirklichkeit hat, wir erfahren aber zugleich, daß es bei dieser Überlegenheit sich uns mitteilt, nicht in einzelnen Wirkungen oder Stücken, sondern mit seiner ganzen Unendlichkeit; gerade daß das in so schroffem Gegensatz zur eigenen Lage und zum eigenen Wollen steht, bezeugt, daß sich damit eine Uroffenbarung in uns vollzieht, ein neues Leben uns mitgeteilt, ein hohes Ziel eingeprägt wird. Es ist nicht eigene Kraft, es ist verliehene Kraft, woraus wir streben und wirken. Mag dabei alle nähere Ausführung noch so unsicher und fließend bleiben, wir erkennen in jener Schöpfung eines neuen Lebens eine Grundtatsache, die uns allem Zweifel enthebt und zugleich das sichere Bewußtsein einer Bedeutung unseres Lebens gewährt. Derartige Umwälzungen und Erneuerungen liegen über aller bloßen Einbildung. Auch gewinnen wir hier die Gewißheit, nicht bloß ein Stück einer gegebenen Welt, ein Stiftchen eines seelenlosen Mechanismus zu sein, sondern jenes neue Leben mit seiner neuen Welt verlangt unsere Ergreifung und Aneignung, es versichert uns damit einer Freiheit. So gewiß Freiheit ein Unding, solange wir nur ein Stück einer natürlichen Ordnung bilden, sie wird zur unerläßlichen Forderung und felsenfesten Gewißheit, sofern ein Zusammentreffen und ein Zusammenstoß zweier Welten in unserem Lebensbereiche ersichtlich wird, in dem uns eine Entscheidung auferlegt ist. Mit der Sicherheit und der Freiheit gewinnt unser Leben aber zugleich ein hohes Ziel und eine unvergleichliche Größe. Denn nun gilt es, an unserer Stelle das Gesamtleben auszubilden und weiterzuführen, wir werden Mitarbeiter an der Weltbewegung, an einem Aufstieg des Lebens, und eben darin finden wir zugleich ein echtes Selbst. Die Tiefen des Lebens eröffnen sich uns damit zu eigenem Besitz, das Ringen nach Aneignung und Förderung seiner Unendlichkeit kann uns eine Freudigkeit bereiten, die aller bloßen Lust weitaus überlegen ist. Gewinnt damit unser Leben in seinem Kern ein helles Licht, so kann es ganz wohl alle Dunkelheit der Umgebung ertragen; auch kann dann kein Zweifel darüber bestehen, daß es so verstanden einen vollen Sinn und einen hohen Wert besitzt.

Hauptzüge des neuen Lebens.

Die Gestaltung des Lebens, die sich für uns ergab, in alle Breite zu verfolgen, kann nicht unsere Aufgabe sein; wohl aber scheint es zur Erreichung eines deutlicheren Bildes nötig, einige seiner Hauptzüge herauszuheben. Zunächst zeigte sich, daß das Leben zum Selbständigsein nicht gelangen konnte ohne eine Aufrüttelung aus dem vorgefundenen Gemenge, ohne einen Bruch mit der nächsten Lage und das Erringen eines neuen Standorts. Es zeigte sich, daß es nicht nur einzelne Aufgaben, sondern eine Aufgabe auch als Ganzes enthält, es ist nicht nur hier und da zu verbessern, es ist im Ganzen umzuwandeln. Daher paßt für sein Grundgefüge nicht der Begriff der Entwicklung als eines sicheren, ja notwendigen Hervorgehens des Höheren aus dem Niederen, hier verwandt führt er unvermeidlich unter Naturbegriffe zurück. Jener Abbruch fordert eine Entscheidung und Tat, und zwar eine Tat, die, wenn auch bei besonderen Temperamenten als eine plötzliche Erleuchtung und Bekehrung erscheinend, sich nicht in den Augenblick erschöpft, sondern fortdauernder Art sein muß; denn das Neue ist dem Alten gegenüber immerfort aufrechtzuhalten, immerfort durchzusetzen. Mit solcher Tathaltung, wie man sagen könnte, erhält das ganze Leben einen Charakter ethischer Art, das Ethische entwächst dabei der Einschränkung auf ein besonderes Gebiet und dehnt seine erhöhende Kraft über das gesamte Leben aus, es betrifft dann keineswegs bloß das Verhältnis von Mensch zu Mensch und das dem zugewandte praktische Handeln, sondern durch alle Verzweigung des Lebens, so auch durch das Erkennen und das künstlerische Schaffen geht ein völliger Gegensatz, indem entweder vom Standort und von den Zwecken des bloßen Menschen aus gehandelt wird, oder aber darin selbständiges Leben mit seiner neuen Welt zur Entfaltung strebt. Demnach liegt die ethische Aufgabe nicht in einer Reihe mit anderen, sondern als eine Wendung des Ganzen geht sie allen anderen voran und macht ihr Gelingen erst möglich.

So gefaßt kann die ethische Betätigung keine Knechtung und Herabdrückung, sondern nur eine Befreiung und Erhöhung des Lebens bedeuten. Denn bei ihr steht in Frage, daß das selbständige Leben voll zu eigenem werde; dies aber kann nur dadurch geschehen, daß das Gesamtleben an dieser Stelle eine selbständige Wurzel schlägt und auch sie zur Bildung eines Selbst, zu einer Selbsterzeugung befähigt. Diese Erzeugung eines neuen, eines geistigen Selbst ist der Punkt, an dem das Gelingen des Lebens hängt; denn kein Streben gewinnt rechte Kraft, das nicht als Ausdruck eines Selbst und zur Erhaltung dieses Selbst geführt wird; ein Pseudoselbst, einen Selbstersatz bildet im nächsten Lebensstande das natürliche Ich, das mit unheimlicher Macht auch das Kulturleben ergreift und entstellt; seine Macht ist nur dadurch zu erschüttern, daß dem Pseudoselbst ein echtes, ein geistiges Selbst entgegentritt und der Bewegung die elementare Kraft und Glut einer Selbstbehauptung verleiht. Das ist die Hauptwaffe gegen das Scheinwesen und die Stumpfheit der Durchschnittskultur, das allein macht ein kraftvolles Leben ohne allen Egoismus möglich. Wenn demnach das Entstehen eines selbständigen Lebenszentrums die Hauptsache beim Aufstieg des neuen Lebens bildet, so erscheint dabei das Merkwürdige, ja Wunderbare, daß eben das, was gegenüber der Welt und auch gegenüber der ihrer Verkettung unterliegenden Seelenlage unser Allereigenstes und Ursprünglichstes ist und uns allein auf uns selber stellt, der höheren Ordnung gegenüber sich als ein Geschaffenes und uns Verliehenes darstellt. So hatte Luther in seinem Gedankenkreise völlig Recht, wenn er das, was ihm als das Innerlichste und Wesentlichste am Menschen galt, den Glauben, in keiner Weise als ein Werk des Menschen, sondern eine göttliche Gabe und Gnade verstand: »das Übrige wirkt Gott mit uns und durch uns, dies allein wirkt er in uns und ohne uns.« Nur eine flachere Fassung des Glaubens kann das Leben aus Glauben und Werken zusammensetzen. Wir brauchen jenen Grundgedanken Luthers nur weiter zu fassen, um ihn schlechterdings unentbehrlich zu finden. Nur er gestattet, mit tiefer Bescheidenheit und Demut im Grunde des Lebens eine volle Selbständigkeit, Unerschrockenheit, ja, wenn es sein muß, Trotz gegen alles Menschengetriebe zu verbinden.

Zur Vertiefung des Lebens, so sahen wir, muß sich notwendig eine Gestaltung gesellen: das aufsteigende Leben muß, um volles Leben zu werden, sich einen festen Zusammenhang, eine eigene Wirklichkeit bilden. So gilt es durchgängig, vom neuen Leben aus einen eigentümlichen Kreis zu bereiten unter Führung des Schaffens, unter Ausführung durch die Arbeit. Sonst bleibt die Umwandlung bei aller seelischen Wärme leicht ein bloßer Aufschwung, der keine genügende Kraft gegenüber der Starre und Sinnlosigkeit des gewöhnlichen Lebens aufbieten kann. So bleibt namentlich auf religiösem Gebiet viel ehrliche Begeisterung ohne rechte Frucht, weil sie nicht den Weg zur werktätigen Arbeit fand. Auch diese aber muß sich durch die Verbindung mit dem geistigen Selbst erhöhen. Denn erst diese läßt sie einen inneren Zusammenhang und eine durchgehende Beseelung gewinnen und sich damit deutlich von aller bloßen Nutzung der Kräfte unterscheiden, der ein geistiger Hintergrund fehlt.