Geistiges Leben und menschliche Lage.
Daß ein neues Leben in der Menschheit und auch beim einzelnen Menschen erwacht, sie über den nächsten Stand hinaustreibt und dafür eine große Wendung fordert, das spricht zu uns mit zu viel Tatsächlichkeit, um sich bestreiten zu lassen. Aber zugleich ist nicht zu verkennen, daß nicht das gesamte Leben in diese Bewegung aufgeht, daß das Dasein mit seinen eigentümlichen Lebensformen ihr gegenüber beharrt, daß damit das Ganze des Lebens unter einen Widerspruch gerät. Selbständiges Leben fordert eine Überlegenheit gegen Raum und Zeit, der Mensch des Daseins bleibt streng an diese gebunden; jenes entwickelt ein Ganzes der Gedankenwelt, das menschliche Leben verläuft in der Fläche des Bewußtseins mit seiner begrenzten Fassungskraft und seiner unablässigen Veränderung; inmitten alles geistigen Aufschwungs beharren die Bedürfnisse der natürlichen Selbsterhaltung mit starkem Zwange; eine Losreißung vom gesellschaftlichen Durchschnitt, ja ein Kampf gegen ihn erwies sich als unentbehrlich, und doch bleibt der Mensch ein Stück von jenem und muß hier seine Stellung wahren. So behauptet sich das Dasein, das von der Tatwelt aus als eine niedere Stufe erschien, mit zäher Kraft ihr gegenüber und macht eigentümliche Rechte geltend. Ein solcher Stand der Dinge muß den Menschen in starke Unruhe versetzen, er hat ihn auf weit abweichende Bahnen getrieben.
Als einfachster Weg zur Lösung der Verwicklung konnte aufstrebenden Seelen und Zeiten das Unternehmen erscheinen, die niedere Welt völlig abzustoßen und den ganzen Umfang des Lebens von der in kühnem Sturm gewonnenen Höhe aus zu entwickeln. So ward es in der Religion, so in der Moral, so auch in der Philosophie gewagt. Aber überall hat sich gezeigt, daß solche Ablösung von der Erfahrungswelt, solcher Versuch, alle Wirklichkeit von innen her zu erzeugen, unüberwindliche Widerstände fand und das Geistesleben selbst mit Verarmung bedrohte. So geschah es der Mystik, wenn sie sich nicht damit begnügte, eine allumfassende Einheit zu verkünden und ihre Gegenwart an jeder Stelle zu fordern, sondern wenn sie alle Mannigfaltigkeit zu bloßem Scheine herabsetzen wollte; denn unrettbar verfiel sie dabei in ein Gefühlsleben völlig gestaltloser Art, und sah sie sich vom höchsten Aufschwung oft in einen Stand gänzlicher Verlassenheit zurückgeschleudert. Ähnliches erfuhr die Moral, wenn sie die notwendige Begründung des Handelns auf das alle Mannigfaltigkeit tragende Gesamtleben so verstand, daß nun alle Befassung mit menschlichen Angelegenheiten als ein Raub am Höchsten erschien; denn so kamen Gottesliebe und Menschenliebe in einen schroffen Widerspruch, und jene Gottesliebe selbst drohte erzwungen und innerlich leer zu werden. Auch die Philosophie hat die notwendige Überlegenheit des Denkens wohl dahin überspannt, aus seiner Bewegung die ganze Wirklichkeit entspringen zu lassen, sie hat diese aber damit in ein Gewebe formaler Größen verwandelt; sie hätte das noch mehr getan, wäre ihrer Arbeit nicht immerfort aus der Erfahrungswelt eine versteckte Ergänzung zugeflossen. Demnach muß überall die geistige Bewegung allerdings volle Selbständigkeit erreichen und ihre Überlegenheit wahren, aber unmittelbar aus eigenem Vermögen kommt sie über Entwürfe und Umrisse nicht hinaus, auch gewinnt sie damit nicht die erforderliche Kraft, um die harten Widerstände zu brechen. Das Dasein ist keineswegs bloß etwas Niederes, über das sich ohne Verlust hinweggehen ließe, sondern in ihm stecken Tatsachen, deren Ergreifung der geistigen Bewegung erst eine genauere Richtung gibt, in ihm stecken Kräfte, die gewonnen sein wollen, damit das geistige Leben die notwendige Stärke erhalte. Freilich wird sich dabei nicht einfach aufnehmen lassen, die Aneignung muß zugleich eine Umwandlung sein, aber es bleibt die Forderung einer Ergänzung des Lebens von dorther. Das bildet eine entschiedene Wendung und einen erheblichen Fortschritt der Neuzeit, daß sie das Dasein keineswegs bloß als ein niederes, für das geistige Leben gleichgültiges, ja gefährliches Gebiet behandelt, daß sie vielmehr auf die Notwendigkeit dringt, sich unbefangen auch in jenes zu versetzen und es für das Hauptziel zu verwerten. Vorher hatte das Bestehen auf einen aller individuellen Willkür überlegenen Gesamtstand die einzelnen Menschen und auch die einzelnen Lebensgebiete von vornherein als Glieder eines Ganzen behandelt und jede Selbständigkeit ihm gegenüber zu einem Unrecht gestempelt, jetzt haben wir uns überzeugt, daß das Gelingen des Ganzen selbst einer freieren Entwicklung der Elemente bedarf; früher ging das Streben auf eine zeitüberlegene Ordnung, die alle Veränderung zu etwas Niederem, ja Verwerflichem herabsetzte und damit der Geschichte nur eine untergeordnete Stellung zuwies, die Neuzeit brachte zur Geltung, daß sich uns Menschen viel Wertvolles, ja Unentbehrliches nur mit Hilfe der Bewegung zu eröffnen vermag, obschon es selbst der Bewegung überlegen ist, sie erhob damit die Geschichte zu einer wesentlichen Seite des Lebens; die sinnliche Welt schien vorher durchaus untergeordnet und das Streben nach sinnlichen Gütern als ein Ausdruck niedriger Gesinnung, der Neuzeit hat sich herausgestellt, daß das Leben der Erfahrungen der sinnlichen Welt zur eigenen Weiterbildung bedarf, und daß die sinnlichen Güter auch die seelische Kraft zu steigern vermögen. So wird durchgängig dem Dasein ein höherer Wert zuerkannt und der Tatwelt seine Aneignung geboten.
Solches Angewiesensein der Tatwelt auf das Dasein bringt aber manche Fragen mit sich und legt Wendungen nahe, die das menschliche Leben auf eine falsche Bahn verleiten. Vornehmlich diese Wendung, daß, was das Dasein in der Beleuchtung und der Behandlung von der Tatwelt aus leistet, als sein eigenes Werk erachtet, der Tatwelt aber damit alle Selbständigkeit abgesprochen wird. So geschieht es, wenn man glaubt, aus bloßer Erfahrung ein Ganzes der Erkenntnis gewinnen zu können, da die Bildung einer Erfahrung selbst das Wirken des Denkens fordert und damit die Tatwelt voraussetzt; so geschieht es weiter, wenn der Naturalismus ein wissenschaftliches Bild der Natur, eine Umsetzung der sinnlichen Eindrücke in Gedankengrößen, aus sich zu gewinnen hofft, da jenes Bild von der Tatwelt aus entworfen wird; hierher gehört es auch, wenn eine flachere Fassung der Sozialethik das bloßmenschliche Zusammensein Moral erzeugen läßt, da ohne eine Ursprünglichkeit der Moral jenes Zusammensein nun und nimmer eine Wendung zur Moral vollziehen könnte. Es kann aber solche Verkehrung nicht die zweite Stelle zur ersten machen, ohne daß der Bestand des Lebens in ein jähes Sinken gerät; so erklärt sich vollauf der Ernst, ja die Leidenschaft des um diese Fragen geführten Kampfes.
Minder stark ist die Irrung, aber es bleibt eben bei der Verfeinerung eine gefährliche Irrung, den Bestand des Lebens aus Tatwelt und Dasein zusammenzusetzen, etwa das Erkennen aus Denken und Sinnlichkeit. Denn einmal erzeugt eine solche Zusammensetzung unvermeidlich einen Streit darüber, welche der beiden Seiten die wichtigere sei und das Maß zu geben habe, wie das zum Beispiel der Streit des Idealismus und des Realismus um das Verständnis Kants mit voller Deutlichkeit zeigt; dann aber erreicht eine bloße Zusammensetzung nie eine innere Einheit und daher auch kein volles Leben. Von altersher bis in die Neuzeit hinein ward versucht, das Leben aus einem Zusammenwirken von Stoff und Form zu erklären, aber das genügt nicht einmal für die Kunst, die jener Versuch zunächst im Auge hatte. Denn Form und Stoff ergeben miteinander keineswegs schon ein lebensvolles Kunstwerk; sonst würde ja die »akademische« Kunst den Gipfel aller Kunst bedeuten. Noch weniger ergibt die peinlichste Anwendung von Denkgesetzen auf den Stoff der Erfahrung eine lebendige Wissenschaft, am wenigsten aber die gewissenhafteste Anwendung moralischer Regeln auf die Fülle der Lebenslagen die lebendige Selbstentfaltung einer Persönlichkeit. Freilich muß dem Dasein eine gewisse Selbständigkeit zuerkannt werden, aber es ist auf den Boden des Höheren zu versetzen und hier umzugestalten, um das Ganze des Lebens weiterzuführen. So ist, wenn die Kunst eines Goethe Inneres und Äußeres untrennbar miteinander verbindet, das keine Zusammensetzung aus gleichwertigen Faktoren, auch kein bloßer Parallelismus, sondern das Innere bleibt überlegen, es zieht das Äußere an sich und teilt ihm seine Seele mit, es selbst aber findet erst in der Darstellung nach außen seine Durchbildung und Vollendung. Demnach ist die Lebensbewegung anders zu verstehen als eine Zusammensetzung von Form und Stoff oder auch von Kraft und Gegenstand. Eine Erhebung über den Gegensatz muß schon in der Tatwelt durch ein volltätiges Schaffen erfolgen; dieses bleibt nur insofern begrenzt, als es unmittelbar aus sich selbst nur die Grundlinien festzustellen, nur den Umriß zu entwerfen vermag; eben darin enthält es auch einen Antrieb zur Weitergestaltung. Dieser ist aber nur zu befriedigen, indem das Dasein auf den Boden der Tatwelt gezogen wird und Anhaltspunkte für die erstrebte Weiterbildung gewährt, aber so gewiß damit die Tatwelt eine gewisse Bindung erfährt, sie ist es, in deren Bereich der Aufstieg erfolgt. Zur ersten Aufgabe wird damit, die Wirklichkeitslinien und Umrisse feststellen, welche die Tatwelt aus sich hervorbringt, erst das ruft eine Bewegung hervor und stellt Fragen an das Dasein, deren Beantwortung das Leben weiterzubilden vermag.
Immerhin behält auch bei solcher Unterordnung das Dasein eine gewisse Selbständigkeit, das Leben aber bekommt zwei Ausgangspunkte, die sich nicht miteinander vermengen dürfen. Nur wenn das Dasein eine unbefangene Betrachtung und Würdigung findet, kann es seinen vollen Beitrag zum Gelingen des Lebens liefern. So wenig damit unser Leben im Grunde zwiespältig wird, es behält eine Abstufung in sich selbst, und es kann auf gewisse Fragen keine schlechthin einfache Antwort geben. Nehmen wir zum Beispiel die Frage des Glücks. Gewiß können wir den Kern unseres Glückes nur in dem Gewinn eines selbständigen Lebens suchen, aber auch als Teilhaber einer Geisteswelt bleiben wir Menschen zugleich Wesen von Fleisch und Blut sowie Bürger eines gesellschaftlichen Zusammenseins; auch hier steht ein Gelingen oder Mißlingen in Frage, wir können, wir dürfen, was hier geschieht, nicht als gleichgültig von uns weisen, wir können das nicht, weil es tatsächlich in den Gesamtstand des Lebens eingreift, wir dürfen es nicht, weil durch eine Mißachtung dessen, was hier geschieht, auch der innere Bestand des Lebens Schaden leidet. Mit einem solchen Auseinanderhalten der Ausgangspunkte braucht aber das Leben selbst nicht auseinanderzufallen, es wird das nicht tun, solange die Überlegenheit der Tatwelt voll gewahrt wird. Freilich liegt hier die Möglichkeit schwerer Verwicklungen nahe, und daß es nicht bei der bloßen Möglichkeit bleibt, das wird uns bald zu beschäftigen haben.
Zum Abschluß dieser Betrachtung sei nur noch dieses bemerkt, daß eben das Auseinanderhalten von Tatwelt und Dasein es möglich macht, den verschiedenen Lebensordnungen, die heute sich gegeneinander stellen, ein gewisses Recht zuzuerkennen, ohne sie durch einen flachen Ausgleich nur aneinanderzukleben, es möglich macht, die Gegensätze vollauf anzuerkennen und ihnen dabei überlegen zu bleiben. Die Lebensordnungen der unsichtbaren Welt verfechten das höhere Recht der Tatwelt und sind darin unangreifbar; sie können aber ins Unrecht geraten und vermögen ihren Idealismus nicht vollauf durchzubilden, wenn sie das Dasein mißachten und damit auf die Hilfen verzichten, die sie für ihre eigenen Zwecke aus ihm gewinnen könnten. Die Lebensordnungen der sichtbaren Welt sind demgegenüber im Recht mit dem Ausweis, daß sie nicht bloß einzelne Daten, sondern ganze Seiten des menschlichen Lebens vertreten, die als Charakterzüge auch in sein Gesamtbild stärker einfließen müssen, als es in früheren Zeiten geschah. Wir haben innerhalb des Idealismus realistischer zu denken, ohne damit dem Widersinn eines »Realidealismus« zu verfallen.
Auch die Verzweigung innerhalb der beiden Hauptrichtungen ist aus dem Zusammenhange unserer Betrachtung ganz wohl zu verstehen und zu würdigen. Er macht begreiflich, daß das geistige Leben einerseits alle Ausbreitung zurückstellen und sich in sich selbst befestigen muß, um eine sichere Weltüberlegenheit und ein volles Beisichselbstsein zu finden, daß andererseits aber zu seiner Durchbildung die Entfaltung zu einer Welt schlechterdings unentbehrlich ist. Ganze Lebensgebiete folgen mehr der einen oder der anderen Richtung und bekennen damit eine Überzeugung vom Ganzen; die einen beherrscht der Kontrast, die anderen der Zusammenhang der Wirklichkeit. Jenes geschieht bei der Religion und auch bei der Moral, wo sie in strengem Sinne genommen wird, mit ihrer Schärfung des Gegensatzes rütteln sie auf und treiben sie das Leben weiter; dieses geschieht bei der Kunst und der Wissenschaft, sie wirken damit zur Verbindung und zugleich zur Befestigung des Lebens. Ein Überwiegen jener droht das Leben zu sehr im bloßen Umriß zu halten und die durchbildende Kraft der Arbeit zu unterschätzen, ein Überwiegen dieser hemmt leicht die volle Anerkennung der Tiefen und auch der Abgründe des Lebens. Wie die menschliche Lage einmal ist, müssen die beiden Ströme eine gewisse Selbständigkeit gegeneinander bewahren, um ihre Eigentümlichkeit und ihre Kraft voll erweisen zu können. Wenn demnach alles Ineinanderfließen fernzuhalten ist, so darf auch die Erhebung über die Welt nicht so verstanden werden, daß sie nur vorgenommen wird, um der Welt mehr Gehalt bei sich selbst zu geben. Die Überlegenheit darf kein bloßer Durchgangspunkt sein, sie ist auch bei kräftiger Erfassung der Welt festzuhalten, damit nicht ein Pantheismus entstehe, der zugleich verneint und bejaht und daher nur eine Übergangserscheinung sein kann. Auch die Lebensordnungen der sichtbaren Welt werden gegenseitig ihre Grenze zu wahren haben; die Natur mit ihrer reinen Tatsächlichkeit und ihrer durchgehenden Verkettung, und das Menschenleben mit seinem unablässigen Weiterstreben und seinen schroffen Gegensätzen dürfen nicht ineinander verfließen. Das ist es, was den Positivismus eines Comte zu einem durchgehenden Widerspruch macht, daß er einmal in naturwissenschaftlicher Denkart eine bloße Schilderung, eine Beschreibung des Tatbestandes sein will, andererseits aber mit höchstem Eifer eingreifende Wandlungen des gesellschaftlichen Zusammenseins fordert. An solchem Widerspruch leidet auch die Soziologie, indem sie das Leben der Gesellschaft unter Naturgesetze stellt, aber es zugleich wesentlich umbilden will.
So ist es als eine Eigentümlichkeit der menschlichen Lage anzuerkennen, daß das Leben sich vollauf zu entfalten nur vermag, indem es verschiedenen Strömen eine gewisse Selbständigkeit gewährt. Zugleich freilich ist mit größtem Nachdruck zu fordern, daß ein Ganzes des Lebens den einzelnen Strömen überlegen bleibe und ihre besonderen Erfahrungen in eine Gesamterfahrung verbinde, die aus ihnen erwachsenden Lebensbilder an einem Gesamtbilde prüfe und daraus berichtige. Das kann nur geschehen, wenn ein der Verzweigung überlegener Standort gewonnen und zugleich das Lebensproblem weiter zurückverlegt wird. Das wird aber möglich, wenn die Bildung eines selbständigen schaffenden Lebens im Bereich des Menschen zum Problem der Probleme wird, wenn die Frage des Lebens überhaupt vor alle Fragen der besonderen Gestaltung tritt. Zur Aufgabe wird damit, jeden einzelnen Strom auf den Punkt zurückzuführen, wo er aus dem Ganzen hervorbricht, und seine Bedeutung danach zu messen, was er für das Ganze des Lebens leistet. Auch das stellt Aufgaben über Aufgaben, und es erscheint auch von hier aus unser menschliches Leben als mitten im Werden begriffen und daher als höchst unfertiger Art. Aber warum sollte uns das erschrecken und niederdrücken, wenn nur feststeht, daß Bedeutendes bei uns vorgeht, und daß die Sache hoch über aller menschlichen Willkür liegt. Und darüber kann nicht wohl ein Zweifel sein.