Wir flüchteten uns an erster Stelle zu dem Gedanken der Freiheit, der von Anfang an unser Leitstern war; er hat durch die Erfahrungen und die Nöte der Zeit eine besondere Färbung gewonnen. Um unsere Freiheit zu entwickeln und von hier aus die rechten Wege zu finden, bedarf es zunächst einer Befreiung von der Enge und von dem Druck, wodurch das übliche Parteiwesen uns hemmt und unsere Kräfte schwächt. Parteien sind unentbehrlich, um das staatliche Leben in Fluà zu halten und seinen Bewegungen Macht über die Menschen zu verleihen; sie sollen uns willkommene Mittel und Hilfen sein. Zu einer Gefahr aber werden sie, wenn sie den ganzen Menschen unter sich ziehen, wenn sie seine Ãberzeugungen und, was noch schlimmer ist, seine Interessen sich unterwerfen. Parteien muà es geben, Parteimenschen aber sind ein Unglück. Ein solcher Parteimensch betrachtet alles nur von seinem Standpunkt aus, er dünkt sich nicht nur klüger, sondern auch besser als seine Gegner. Die Enge seines Gesichtskreises nimmt ihm alle Möglichkeit eines gegenseitigen Verstehens; er vermengt ewige Werte und bloÃe Augenblicksfragen; er behandelt das am meisten Problematische als etwas Selbstverständliches und umgekehrt das Selbstverständliche als etwas völlig Problematisches; er legt selbst in die Namen seine Affekte hinein, indem er die eigene Sache möglichst emporhebt, die andere möglichst herabsetzt. Die Vieldeutigkeit der Begriffe wird ihm ein willkommener AnlaÃ, die eigene Fassung den anderen als unentbehrlich und schlechthin vernünftig aufzudrängen. Wie schwankend und vieldeutig ist heute z. B. der Begriff der Demokratie, und wie viel wird jetzt in den des Sozialismus hineingelegt? So kann jeder Parteimann getrost seine Netze ausbreiten, die Menschen, die sich darin fangen, sind stets in groÃer Mehrzahl.
Dies alles war von altersher eine groÃe Gefahr, heute aber droht es uns ganz und gar in einen Stand der Unfreiheit zu versetzen. Es hat aber die Unfreiheit sehr verschiedene Grade, sie ist um so gröÃer und selbstbewuÃter, je mächtiger sich eine Parteibewegung fühlt, sie wird gemäÃigter und bescheidener, wo sie in überwiegender Verteidigung kämpft.
Bei den Aufregungen und Leidenschaften der Gegenwart erreicht das Problem seinen höchsten Gipfel, wir werden sehen, wie sehr verschiedene Grade der Unfreiheit daraus hervorgehen. Zunächst gilt es verschiedene Arten der Unfreiheit zu unterscheiden; sie unterscheiden sich aber gemäà den beiden Mächten, welche unser politisches, ja gesamtes Leben beherrschen und zusammenhalten, das sind aber Ordnung und Freiheit. Beide erzeugen entgegengesetzte Wirkungen, die Ordnung wird mehr Hemmungen, die Freiheit mehr Beschleunigungen unserer Tätigkeit bringen; wir wissen, wie auch unser körperliches Leben für sein Wohlergehen eines richtigen Verhältnisses von Hemmungen und Beschleunigungen bedarf.
Nicht anders steht es im politischen Leben, auch bei ihm läÃt sich von gesunden und ungesunden Verhältnissen reden; wir können daran nicht zweifeln, daà wir uns heute in einem Stande übergroÃer Beschleunigung befinden. Darnach bemiÃt sich aber auch der Grad der Unfreiheit bei uns. Es gibt eine Unfreiheit der Ordnung, sie hat in früheren Zeiten drückend genug auf uns gelastet; es gibt aber auch eine Unfreiheit, die aus der Freiheit selbst, aus einer verkehrten und falsch angewandten Freiheit hervorgeht; diese im Namen der Freiheit geübte Unfreiheit ist gegenwärtig weit gefährlicher und verderblicher als die andere Unfreiheit, sie sucht die Freiheit nicht sowohl von auÃen her zu schädigen als sie von innen heraus zu zerstören. Es sind hier drei Hauptgrade der Unfreiheit auseinander zu halten, wovon der erste der Positiv, der zweite der Komparativ, der letzte der Superlativ der Unfreiheit genannt werden könnte; daà dieser Superlativ noch weiter übertroffen wird, dafür sorgen bekanntlich die extremen Gruppen. Betrachten wir nun etwas genauer, wie sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Schädigung der Freiheit und das Ãberwuchern der Unfreiheit bei uns ausnimmt.
Unzweifelhaft war auf deutschem Boden die politische Tätigkeit durch mannigfache geschichtliche Tatsachen und Mächte gebunden, so durch den Staat, der aber doch nicht bloÃer Obrigkeitsstaat war, so durch die ständische Gliederung, die aber doch nicht bloÃer Eigendünkel war, so durch die kirchlichen Ãberlieferungen und Einrichtungen, die aber doch in vielen Herzen lebten, so überhaupt durch das Ganze einer vorhandenen und eingewöhnten Lebensordnung und Weltanschauung. Es war sicherlich in unserem Leben manches ohne einen auslangenden Grund, manches schleppte sich mühsam durch die Zeiten, eine gründliche Revision dieses Bestandes wurde von vielen Seiten verlangt, unser Leben bedurfte einer gewissen Verjüngung, wir arbeiteten zu sehr mit altgewordenen Kräften und lieÃen schöne Jugendjahre durch schwerfällige Einrichtungen nicht genügend genutzt. Alles das hat manche MiÃstände erzeugt, aber ist durch dieselbe eine wesentliche Unterdrückung unserer Freiheit entstanden, lag es nicht auch an den Einzelnen selbst, wenn sie zu wenig Mut und Kraft zu einer freien Bewegung fanden? Gewià sind alle künstlichen Hemmungen ein Ãbel, es frägt sich aber, ob es nicht auch andere, unentbehrliche Hemmungen gibt. Hier treibt es uns zwingend zu einem Urteil über die moralischen Bedürfnisse und das Verhalten des menschlichen Durchschnittes; die erfahrenen Politiker und die Anhänger von abstrakten Theorien pflegen dabei völlig auseinander zu gehen. Jene pflegen den Menschen als überwiegend von Selbstsucht und Begier erfüllt darzustellen, sie richten darnach auch ihr eigenes Verhalten ein, so waren alle groÃen Politiker als Praktiker entschiedene Pessimisten; jene Theoretiker dagegen schmücken ihr Bild mit den glänzendsten Farben, natürlich nur sofern der Betreffende ein Parteigenosse ist, denn der Gegner wird unbesehens zur Hölle verdammt. Hat aber die politische Erfahrung recht, so wird die Frage unvermeidlich, ob der Mensch nicht für sein eigenes Wohlergehen, ja für seine Selbsterhaltung starker Hemmungen dringend bedarf. Alle Erhebung über die bloÃe Natur kostet Mühe und Arbeit, paradiesische Zustände sind ein gefährlicher Traum. Wenn daher eine demagogische Denkart dem Menschen eine solche Lage vorspiegeln und ihm alles Hemmende, alle Strenge, alle Zucht als überflüssig ausreden möchte, so begeht sie einen Frevel am Menschen selbst, so wird sie zu einem Zerstörer und Verderber. Aus derartigen Ãberzeugungen werden wir über das, was überkommene Verhältnisse an Hemmungen enthielten, etwas anders denken als jene Volksverführer. Prüfen wir mit unbefangenem Urteil, was von jenen Hemmungen für die geistige Erhaltung des Menschen notwendig war, und stellen wir dann mit genügender Klarheit und Entschiedenheit fest, wie viel davon aus menschlicher Schuld hervorging. Sicherlich wird dabei manches verbleiben, und es sei eine Unfreiheit dieser Art in keiner Weise beschönigt. So viel ist aber gewiÃ, daà alles, was nach dieser Richtung wirkt, heute bei weitem nicht so gefährlich ist als die Unfreiheit, welche aus der Freiheit hervorgeht, natürlich nicht aus der echten Freiheit, wohl aber aus der unter der bloÃen Form und unter dem Deckmantel der Freiheit verübten. So liegt hier heute die niederste Stufe der Unfreiheit.
Nunmehr kommen wir zur demokratischen Unfreiheit. Zunächst verwahren wir uns dabei gegen die Meinung, als wüÃten wir die Bedeutung und das gute Recht der Demokratie nicht zu schätzen. Wir würdigen vollauf die Bedeutung der freien Bewegung und der freien Betätigung des Individuums, wie sie einen Hauptzug der Neuzeit bildet, wir verkennen auch nicht den Reichtum von Bildungen, welche auf dem Boden der Demokratie möglich sind, – schon Aristoteles hat uns darüber sorgfältig berichtet, – wir wissen auch, wie glücklich besondere Arten der Demokratie, wie z. B. die schweizerischen, gewirkt haben. Aber hier handelt es sich zunächst um die Demokratie, die in unseren GroÃstädten, vor allem in Berlin, entstanden ist, und von diesen Berliner Demokraten können wir kein Heil für die Freiheit erwarten. Auf den ersten Blick mag es ja scheinen, als könne von der Freiheit keine Gefahr der Unfreiheit entstehen, in Wahrheit kann sich die vermeintliche Freiheit in eine arge Unfreiheit verwandeln in der Hand der Menschen und durch ein Zusammenwirken der Verhältnisse; man möchte dabei des bekannten Wortes Rousseaus gedenken, daà alles gut von Natur an uns kommt, alles aber unter unseren Händen entartet. Mehr als in einer anderen Zeit erfolgt nämlich ein ungeheures Zusammenhäufen, ein Zusammenballen ungeschiedener Massen, der Mensch erfährt hier keinen Druck von auÃen her, um so mehr erfährt er ihn durch das gesellschaftliche Zusammensein; dieses erweist sich als eine weit überlegene Macht, der der Einzelne sich unbedingt unterwerfen muÃ. Tausendfach sind die Wege und Mittel, durch welche die Gesellschaft ihre Macht ausübt. Sie tut das vornehmlich durch die Presse, sie tut das so unmerklich, daà der Leser gar nicht bemerkt, daà er durch sein Blatt bestimmte Ziele und Werte aufnimmt; so denkt weniger er selbst, als daà er seine Zeitung für sich denken läÃt. Zugleich aber wirken bestimmte Parteitendenzen, sie ziehen den Einzelnen so geschickt ins Garn, daà er willenlos zum gehorsamen Diener einer Partei wird. Dabei pflegt bei uns Deutschen – vielleicht mehr als bei anderen Völkern – eine besondere Lebens- und Weltanschauung zusammenzugehen; es hat hier namentlich die französische Aufklärung gewirkt, sie tat und tut es, indem sie alle schwereren und minder angenehmen Probleme zurückschiebt, beflissen die GröÃe und Würde der Menschheit predigt, dabei eine verstandesmäÃige und überwiegend naturalistisch gehaltene Denkweise entwickelt, aus einer solchen alles verwirft, ja verketzert, was ihren Rahmen überschreitet. Kann man bei solcher Abhängigkeit von einer auf der Höhe des Geisteslebens längst überwundenen Denkart von geistiger Freiheit sprechen?
Auf dem Gebiet der Lebensanschauung mag sich die Sache harmloser ausnehmen, aber auch hier reichen die Wurzeln oft bis in das politische Gebiet hinein. Eine besondere Gefahr für die Freiheit aber entsteht hier aus dem Wirken der Demagogen, der Volksumschmeichler, welche sich mit allen Mitteln um das Gefallen des Volkes bewerben und durch seine Gunst Einfluà oder Macht zu gewinnen suchen. Das ergibt eine Denkart, die alles Streben und Sinnen darauf richtet, den Beifall der groÃen Menge zu erhalten, die sich selbst zur Unfreiheit verurteilt, aber auch diejenigen erniedrigt, zu denen sie wirken möchte. Der bloÃe Mensch beherrscht hier die Sache, das Nützliche aber das Gute und Wahre; das ist bloÃer Menschendienst, inneres Sklaventum, um es mit dürren Worten zu sagen.