In verwandter Richtung wirkt zur Unfreiheit ein MiÃbrauch des Gleichheitsgedankens. Die Gleichheit finden wir weder in der Natur noch in der Kulturarbeit mit ihrer unbegrenzten Verschiedenheit. Der Gedanke stammt vielmehr aus dem Reiche der Ideen, zunächst von der Idee Gottes, dann von der einer allumfassenden Vernunft, die in allen Menschen wirkt und sie zu gleichem Recht beruft. Diese beiden Ideen sind heute dem modernen Durchschnittsmenschen sehr verblaÃt, trotzdem ist er eifrig bedacht, in allen Verhältnissen möglichste Gleichheit durchzusetzen, ist er geneigt, alles, was den Durchschnitt überschreitet, als ein schweres Unrecht, beinahe wie ein persönliches Unrecht, zu behandeln. So nimmt eine weitverbreitete Zeitströmung ohne weiteres Partei für die Jüngeren gegen die Ãlteren, für die Schüler gegen den Lehrer, für den Untergebenen gegen den Vorgesetzten, als sei alle Ordnung und alle Zucht nur ein Ausfluà selbstherrlicher und brutaler Gesinnung, alle Ehrfurcht ein leeres Gerede. Alle Achtung vor einer Gleichheit, welche von der Gesinnung des ganzen Menschen getragen wird und die alle innerlich zusammenhält, aber keine Achtung vor einer Denkart, welche die Leistungen möglichst egalisieren möchte und neidisch allem Vorzug auflauert! Dafür gilt Goethes Wort: „Der schlimmste Neidhart ist in der Welt, der jeden für seinesgleichen hält“. Ein derartiges Egalisieren ist keine Freiheit, sondern eine traurige Unfreiheit.
Die letzte und höchste Stufe erklimmt die Unfreiheit unter dem Schein der Freiheit in der sozialistischen Gestaltung des Staates und des Lebens. Auch hier müssen wir uns des MiÃverständnisses erwehren, als würdigten wir nicht die Bedeutung und das Recht der groÃen Probleme, welche uns die sozialistische Bewegung mitteilt. Keine der anderen Theorien hat so sehr die Gegensätze in sich aufgenommen und durchdacht, welche die moderne Arbeit mit ihrer Wendung zur technischen und fabrikmäÃigen Arbeit erzeugt hat, keine hat so sehr den schroffen Zusammenstoà von Kapital und Arbeit gewürdigt, keine hat eine so groÃartige Organisation hervorgebracht, keine hat so auf dem modernen Boden auch einen gewissen Zusammenhang der Seelen zu bewirken gestrebt.
Etwas anderes aber sind solche Probleme, etwas anderes ist die gegenwärtige Gestaltung der politischen Verhältnisse. Hier, wo die bisherige Oppositionsbewegung zur herrschenden Stellung gekommen ist, und wo sie alle überkommenen Bindungen von sich abgeschüttelt hat, da hat die Unfreiheit den höchsten Gipfel erreicht. Das System des Sozialismus erhebt die Freiheit formal zur äuÃersten Höhe, sachlich aber bedroht es sie mit einer völligen Zerstörung. Hier liegt alle Freiheit schlieÃlich am Gesamtwillen der Menschen; daà die einzelnen Punkte – von Gliedern kann man hier nicht wohl reden, da alle Verbindung nur eine mechanische Zusammensetzung ist – an diesem Gesamtwillen in gleicher Weise teilnehmen, das scheint schon volle Freiheit zu verbürgen. Aber von jenem Gesamtwillen besitzt jeder Einzelne nur einen verschwindenden Bruchteil, und was immer er von Freiheit hat, das hat er nur innerhalb des Ganzen und nach dem MaÃe des Ganzen; damit kann er nie selbständig walten, dem kann er nicht eine selbständige Denkweise und eigene Aufgabe entgegenstellen. Seine Partei ist hier seine Welt, sein Lebenskreis; daà das Ganze keinen Druck gegen den Einzelnen ausübt, und daà es selbst die höchste Vernunftinstanz bildet, die Quelle alles Guten und Wahren bildet, das wird als selbstverständlich vorausgesetzt; daà es das nicht ist, das muÃte kenntlich werden, sobald die sozialistische Bewegung von der Verneinung zur Bejahung überging und nun ihr Leistungsvermögen zu erproben hatte; nun muÃte die von ihr geübte Unfreiheit aufs Schwerste empfunden werden.
Es entstehen hier ungeheure Bindungen durch die Allgewalt des Staates, der alles Leben an sich rafft, durch die ausschlieÃliche Unterwerfung alles Lebens und Strebens durch das wirtschaftliche Ziel, durch die Benutzung aller wirtschaftlichen und technischen Kräfte für die erstrebte Sozialisierung. Das ergibt einen sehr begrenzten Lebenskreis, der unendlich viel von den wertvollsten geistigen Gütern der Menschheit unbedenklich preisgibt, und der eine Freiheit nur in dem Sinne einer schroffen Verneinung kennt, ja es entsteht damit eine klägliche Erniedrigung und Unfreiheit des ganzen Lebens, sofern alles Streben auf das sinnliche Wohlergehen des Menschen gerichtet, alles Handeln wegen der Sache, alles erhöhende Schaffen aber verworfen, zugleich alle inneren Probleme verkannt, alle nichtmaterialistischen Ansichten wie ein krasser Unsinn abgelehnt werden. Wenn alles das mit seiner entsetzlichen Unfreiheit uns als ein Werk der Freiheit aufgedrängt wird, so muà das jeden mit Zorn und Unwillen erfüllen, der Freiheit und Unfreiheit zu unterscheiden vermag.
Wir sehen: die Probleme liegen ein gutes Stück tiefer als jene sozialistische Denkweise uns vorhält; wir überzeugen uns zugleich, daà es wichtig ist, politische und geistige Freiheit in das rechte Verhältnis zu bringen, inneres und gesellschaftliches Leben sowohl miteinander zu verbinden als genügend auseinander zu halten.
Das Staatsleben fordert eine eigentümliche Selbständigkeit, es muà sich an den menschlichen Durchschnitt halten, es verlangt einen gewissen Glauben an den Menschen, an sein Vermögen, an die Bedeutung seines Tuns; wo eine schroff pessimistische Denkweise ihm das verwehrt, wie etwa bei Hobbes und Schopenhauer, da kann das staatliche Leben keinen Reiz und keinen Antrieb gewähren, da kann sich keine politische Freiheit entwickeln, da entbehrt aber auch das geistige Leben wesentlicher Hilfen und Forderungen. Wer dagegen mit Rousseau oder den Sozialisten den Menschen als von Natur vortrefflich ausgestattet erklärt und alle Ãbelstände auf die gesellschaftlichen Verhältnisse schiebt, der mag viel politischen Eifer entfalten, aber er entbehrt einer Verbindung mit dem geistigen Leben und Schaffen, er kann daher auch weder dem politischen Leben eine GröÃe noch seiner Seele eine Tiefe geben.