Schleiermachers (1768–1834) geistige Art teilt mit der Schellings manche Züge. Auch er stand zu Beginn seiner Laufbahn den Romantikern nahe, auch er hat seine Selbständigkeit gewahrt und ist später weit über jene hinausgewachsen; auch sein Denken zerlegt die Welt in Gegensätze, aber es will sie umspannen und sie ohne Verwischung ihrer Unterschiede zusammenhalten, so namentlich Denken und Sein, Reales und Ideales, Natur und Geist, Freiheit und Notwendigkeit; auch in ihm wirkt stark eine künstlerische Art, läßt ihn das Mannigfache zusammenschauen und beherrscht auch seine Darstellung. Aber zugleich bleiben beträchtliche Unterschiede. Es fehlt Schleiermacher das Gigantische und Umwälzende, aber auch das Gewagte und Gewaltsame des Schellingschen Verfahrens; Schleiermacher stellt sich nicht kühn und keck der Welt gegenüber, um sie nach seinen Entwürfen umzugestalten, sondern er versetzt sich liebevoll in die Dinge hinein und sucht sie bei sich zu beleben, um dann eine fruchtbare Wechselwirkung mit der eigenen Seele herzustellen. Er schmiedet die Gegensätze nicht mit diktatorischem Gebot zu einer Einheit zusammen, aber er bringt sie in ein Verhältnis gegenseitiger Beziehung und Förderung, er verbindet sie zu einem seelenvollen Gewebe; er führt weniger in stürmischem Zuge das Leben auf neue Bahnen, als er mit hingebender Betrachtung mehr in ihm entdeckt, mehr aus ihm macht, seinen ganzen Umfang liebevoll klärt und veredelt. So ist er durchaus ein Denker eigener Art und will als solcher gewürdigt sein.
Geistesart und Lebensarbeit
Auch seine Lebensarbeit setzt die Kantische Befreiung des Menschen von einer fremden Welt voraus, auch im Hinausgehen über Kant hat sie diese Grundlage festgehalten. Aber wenn auch für Schleiermacher damit das Subjekt in die erste Linie trat, so hat er ihm ein eigentümliches Verhältnis zur Wirklichkeit gegeben, das ihn von den Romantikern deutlich scheidet. Er hat den Hauptstandort des Lebens in der Innerlichkeit der Seele gesucht, er hat hier nicht nur ein stilles Heiligtum, sondern auch einen festen Halt gegen die Nöte und Wirren des Lebens gefunden. Solches Zurückgehen auf die Tiefen der Seele bedeutet ihm aber keine Flucht vor der Welt, kein Sichverschließen in eine einsame Klause, sondern in der Seele selbst hat er eine Welt gefunden und diese Welt mit aller Kraft zu beleben gesucht und verstanden. Ihn durchdringt ein fester Glaube an ein Ganzes der Menschheit, das in jeder Seele unmittelbar gegenwärtig ist und das Leben des einzelnen trägt, aber nicht nur muß dieser das Bild der Menschheit in sich erst zu voller Anschauung bringen, er hat auch innerhalb des Ganzen eine besondere Art zu entwickeln, das Ganze in eigentümlicher und unvergleichlicher Weise in sich selber darzustellen. Damit erhält die Seele eine große Aufgabe und eine fortlaufende Bewegung im eigenen Bereich, sie fällt um so weniger aus der großen Wirklichkeit heraus, als die Menschheit und die ihr innewohnende Vernunft für Schleiermacher die Tiefe der Welt zu bilden scheint. Zugleich entsteht ein eigentümliches Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft. Aufs entschiedenste wird hier abgelehnt, das Individuum als ein bloßes Mittel für die Gemeinschaft zu behandeln und sein Tun einer allgemeinen Formel zu unterwerfen, aber es wird auch nicht nach Art der Romantik als ein völliger Selbstzweck erklärt und selbstbewußt von seiner Umgebung abgehoben, es bleibt als eine eigentümliche Darstellung des Ganzen von diesem umfaßt und auf es angewiesen, von ihm aus empfängt es sein Maß. Diese Ausgleichung der Gegensätze ist für Schleiermacher auch zu einer persönlichen Wahrheit geworden: er hat in allen Lebenslagen den größten Wert auf die Gemeinschaft gelegt, sie zu heben und zu stärken gestrebt, aber er hat sich zugleich die vollste Unabhängigkeit innerhalb der Gemeinschaft gewahrt und ist mannigfachen Anfechtungen gegenüber tapfer und treu den Weg seiner eigenen Überzeugung gegangen. Überhaupt verband sich in seinem Leben in bewunderungswürdiger Weise mit Zartheit und Innigkeit des Gefühls eine große Kraft und Mannhaftigkeit des Handelns, die künstlerische Anmut seiner Darstellung darf uns diesen festen Kern seines Wesens ja nicht übersehen lassen. Er ist, als Ganzes genommen, wohl die anziehendste Persönlichkeit im Kreis unserer großen Denker.
Seine Wirkungen auf das gemeinsame Leben gehen nach dreifacher Richtung: er hat das Ganze des Seelenlebens befestigt und vertieft, er hat der Religion zuerst eine volle Selbständigkeit auch in der Wissenschaft erkämpft, er hat die Moral vor drohender Verengung zu bewahren und mit dem Ganzen des Lebens eng zu verknüpfen gesucht.
Vertiefung des Seelenlebens
Jene Vertiefung des Seelenlebens erfolgt in hartem Kampf mit der alternden Aufklärung, Schleiermacher zeigt hier mit besonderer Klarheit, nach welcher Richtung damals die Sehnsucht der Besten ging. Es galt, dem Leben einen Sinn und Wert bei sich selbst zu erringen, es von aller niedrigen Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit zu befreien, in welche die Zeitumgebung es hatte sinken lassen. Die Bewegung dagegen findet ihren bedeutendsten und schönsten Ausdruck in Schleiermachers »Monologen«. Sie beginnen mit einem Preise eines Lebens aus einem vollen Beisichselbstsein der Seele. Hier allein im innersten Handeln erfolgt eine Erhebung von der Notwendigkeit zur Freiheit, von dem Wandel der Zeit zur Ewigkeit. »Auf mich selbst muß mein Auge gekehrt sein, um jeden Moment nicht nur verstreichen zu lassen als einen Teil der Zeit, sondern als Element der Ewigkeit ihn herauszugreifen und in ein höheres freieres Leben zu verwandeln.« Das aber nicht in Losreißung, sondern im Zusammenhang mit dem All; verstehen wir es nur nicht als bloß körperliche Masse, sondern »was Welt zu nennen ich würdige, ist nur die ewige Gemeinschaft der Geister, ihr Einfluß aufeinander, ihr gegenseitiges Bilden, die hohe Harmonie der Freiheit«. »Mir ist der Geist das erste und das einzige: denn was ich als Welt erkenne, ist sein schönstes Werk, sein selbstgeschaffener Spiegel.« Diesem unendlichen All der Geister hat sich das Endliche und Einzelne einzufügen und Wirkungen von ihm zu empfangen. Aber im eignen Innern bleibt es frei, die Freiheit ist in allem das Ursprüngliche, das Erste und Innerste. Ihre Aufgabe ist es, »die Menschheit in mir zu bestimmen, in irgendeiner endlichen Gestalt und festen Zügen sie darzustellen und so selbstwerdend Welt zugleich zu bilden«. Indem sich so Endliches und Unendliches in uns verbindet, wird die Selbstanschauung unmittelbar auch zu einer Anschauung der Menschheit, und der Gedanke der Menschheit wiederum führt zum unermeßlichen Gebiet des reinen Geistes. Im Anschauen seiner selbst findet der Geist Unsterblichkeit und ewiges Leben, daher heißt es: »Beginne schon jetzt dein ewiges Leben in steter Selbstbetrachtung; sorge nicht um das, was kommen wird, weine nicht um das, was vergeht, aber sorge, dich selbst nicht zu verlieren, und weine, wenn du dahin treibst im Strome der Zeit, ohne den Himmel in dir zu tragen.«