Um aber jenes Ziel zu erreichen, gilt es vor allem, das Bewußtsein der Menschheit in sich selbst zu voller Klarheit zu wecken und es das Handeln leiten zu lassen, damit sich das Leben mit voller Sicherheit über das sinnlose tierische Dasein zur Höhe der Vernunft erhebe. Aber so notwendig solche Erweckung eines Allgemeinen in uns ist, sie allein gibt unserem Leben noch keinen rechten Sinn, dazu wird gefordert, daß jeder Mensch auf eigene Art, in neuer eigener Mischung der Elemente die Menschheit darstellt. Dies Ausbilden einer Besonderheit ist alles eher als eine Absonderung von anderen Menschen. Denn »wer sich zu einem bestimmten Menschen bilden will, dem muß der Sinn geöffnet sein für alles, was er nicht ist«. »Die höchste Bedingung der eigenen Vollendung im bestimmten Kreise ist allgemeiner Sinn.« Zur Ausbildung eines solchen Sinnes bedarf es aber vor allem der Liebe. »Keine Bildung ohne Liebe, und ohne eigene Bildung keine Vollendung in der Liebe: eins das andere ergänzend, wächst beides unzertrennlich fort.«
Vertiefung des Gemeinschaftslebens
Eine derartige Gesinnung drängt auch zur Gestaltung der Welt. Ihr kann aber nicht eine bloße Verbesserung der Außenwelt genügen, auch nicht eine bloße Veränderung der Organisation des Zusammenlebens, sie muß eine innere Erhebung der geistigen Gemeinschaft zu echter Bildung erstreben; dabei aber stellen sich sofort Gefahren ein, denen es entgegenzuarbeiten gilt. Jene Gemeinschaft nämlich bedarf zum Zusammenhalten bestimmter Mittel und Ordnungen, wie der Sprache und der Sitte; diese aber bedrohen leicht das Eigenleben mit einer Verkümmerung. Aber dem läßt sich widerstehen und nach einer Ausgleichung streben, wenn nur das eigene Innere zu voller Kraft belebt ist. »Harmonisch in einfacher schöner Sitte leben kann kein anderer, als wer die toten Formeln hassend eigene Bildung sucht und so der künftigen Welt gehört; ein wahrer Künstler der Sprache kann kein anderer werden, als wer freien Blickes sich selbst betrachtet und des inneren Wesens der Menschheit sich bemächtigt hat.«
So liegt schließlich die Lösung aller Aufgaben in uns selbst, in dem, was wir aus uns machen; streben wir nur immer mehr zu werden, was wir von Haus aus sind. Die Unabhängigkeit, die wir damit gewinnen, befreit uns auch von den Schranken, welche das Geschick uns setzt. Denn in uns waltet die Götterkraft der Phantasie, sie stellt den Geist ins Freie, sie hebt ihn über jede Gewalt und jede Beschränkung hinaus, sie macht uns fähig, die ganze Welt in Besitz zu nehmen, das Fremde in Nahes, das Zukünftige in Gegenwart zu verwandeln.
Ein solches Leben von innen heraus, ein solches Bilden seiner selbst wird durch den Gedanken an Alter und Tod nicht im mindesten eingeschüchtert. An uns selbst liegt es, Mut und Kraft durch das ganze Leben zu wahren. »Ein selbstgeschaffenes Übel ist das Verschwinden des Mutes und der Kraft; ein leeres Vorurteil ist das Alter.« Aus dem Bewußtsein der inneren Freiheit und ihres Handelns entspringt ewige Jugend und Freude. Wer im Alter klagt, daß ihm die Jugend fehlt, dem hat in der Jugend das Alter gefehlt.
»Das ist des Menschen Ruhm, zu wissen, daß unendlich sein Ziel ist, und doch nie stillzustehen im Lauf, zu wissen, daß eine Stelle kommt auf seinem Wege, die ihn verschlingt, und doch an sich und um sich nichts zu ändern, wenn er sie sieht, und doch nicht zu verzögern den Schritt. Darum ziemt es dem Menschen immer in der sorglosen Heiterkeit der Jugend zu wandeln. Nie werd' ich mich alt dünken, bis ich fertig bin; und nie werd' ich fertig sein, weil ich weiß und will, was ich soll.« So verbleibt nichts, das die Festigkeit und die Freudigkeit des Lebens erschüttern könnte, das aus ursprünglicher Innerlichkeit hervorgeht; auf modernem Boden hat Schleiermacher so das Innenleben in sich selbst zu begründen gesucht und damit unser Dasein bereichert.
Selbständigkeit der Religion