Am stärksten hat er in das allgemeine Leben eingegriffen durch sein Wirken auf dem Gebiete der Religion. Ist er es doch gewesen, der dieser zuerst in der Denkarbeit eine volle Selbständigkeit erstritten und sie zugleich in ihrer unterscheidenden Eigentümlichkeit vollauf zu entwickeln unternommen hat. Daran fehlte es bisher. Bis in die Neuzeit hinein war die Religion viel zu sehr an die kirchliche Form gebunden, viel zu sehr geschichtliche Tatsächlichkeit, um sich um ihren allgemeinen Begriff und seine Begründung viel zu kümmern, das Denken war ganz von der besonderen Gestalt eingenommen. In der Neuzeit wurde das anders, aber wo ein Bedürfnis nach wissenschaftlicher Rechtfertigung der Religion entstand, da suchte man es zunächst von der Weltanschauung her zu befriedigen; für weitere Kreise war es namentlich die in der Welt bemerkte, aber aus ihren eigenen Zusammenhängen anscheinend unerklärbare Zweckmäßigkeit, die den Schluß auf das Dasein eines höheren Wesens als des Urhebers zu rechtfertigen schien. Als die Unzulänglichkeit dieses Verfahrens zum Bewußtsein kam, stellte sich ihm der Versuch entgegen, die Religion auf die Moral zu gründen, die großartigste Ausführung dessen gibt uns Kant. Aber die Dürftigkeit einer Religion, welche lediglich der Moral zu dienen hat, konnte ihm selbst und seinen Zeitgenossen nur entgehen, weil die Persönlichkeit unter dem Einfluß der religiösen Überlieferung aus den Begriffen weit mehr machte, als wissenschaftlich dargetan war; eine Selbständigkeit der Religion und zugleich die Entwicklung eines eigentümlichen Lebens ward damit nicht erreicht. Dies Verdienst blieb Schleiermacher vorbehalten, er hat hier nicht nur die Einsicht gefördert, sondern das religiöse Leben selbst aufs wesentlichste vertieft. Seine Überzeugungen haben sich naturgemäß im Verlauf seines Lebens vielfach weitergebildet, zwischen seinen in vollster Jugendfrische gehaltenen Reden über die Religion und dem Augenblick, wo er auf seinem Sterbebett sich und den Seinigen das heilige Abendmahl reichte, liegt viel Bewegung. Aber der Grundzug blieb in allen Weiterbildungen unverändert, das Streben, im Innersten der Seele, im reinen Gefühl der Religion eine sichere Stätte zu bereiten und hier einen zuverlässigen Maßstab für alles zu finden, was die Überlieferung an uns bringt. Unsere Schilderung folgt zunächst der ersten Auflage jener Reden, da sie die eigentümliche Art des Mannes im ursprünglichsten Hervorbrechen zeigt. Daß er über Religion zu den »Gebildeten unter ihren Verächtern« spricht, grenzt sein Unternehmen schärfer ab, als der heutige Sprachgebrauch annehmen läßt. Denn die Ausdrücke »Bildung« und »gebildet« waren eben erst vom Körperlichen aufs Geistige übertragen worden, und sie bezeichneten zunächst die Anhänger der sich wider die Aufklärung erhebenden neuen künstlerischen Denkart, es waren also die Modernen seiner eigenen Zeit, welche Schleiermacher für die Religion zu gewinnen suchte; so stellt er ihre Verfechtung ganz auf den Boden der neuen Zeit.


Das Wesen der Religion

Zunächst gewinnt er seiner eigenen Überzeugung freien Raum durch ein Abweisen unzulänglicher Fassungen. Es gilt eine Abgrenzung der Religion sowohl gegen Metaphysik als gegen Moral, es gilt eine Abweisung der landläufigen Art der Religion, welche aus ihr ein bloßes Gemisch von Metaphysik und Moral machte, es gilt aber auch eine Auseinandersetzung mit dem tiefergehenden Versuche Kants, die Religion auf die Moral zu gründen. Schleiermacher meint, daß, so gut die Moral eine Unabhängigkeit von der Religion verlangen dürfe, ebensowohl man dieser eine solche zugestehen müsse; es sei eine Verachtung der Religion, sie in ein anderes Gebiet zu verpflanzen und da dienen zu lassen. Das Nein führt dann rasch zum Ja: »Die Religion begehrt nicht das Universum seiner Natur nach zu bestimmen und zu erklären wie die Metaphysik, sie begehrt nicht aus Kraft der Freiheit und der göttlichen Willkür des Menschen es fortzubilden und fertigzumachen wie die Moral. Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl. Anschauen will sie das Universum, in seinen eigenen Darstellungen und Handlungen will sie es andächtig belauschen, von seinen unmittelbaren Einflüssen will sie sich in kindlicher Passivität ergreifen und erfüllen lassen. Sie will im Menschen das Unendliche sehen, dessen Abdruck, dessen Darstellung.« »Praxis ist Kunst, Spekulation ist Wissenschaft, Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.« Im Anschauen erfolgt nach Schleiermacher ein Einfluß des Angeschauten auf den Anschauenden, ein ursprüngliches und unabhängiges Handeln des ersteren wird vom letzteren seiner Natur gemäß aufgenommen und zusammengefaßt. Was wir anschauen, ist nicht die Natur der Dinge, sondern ihr Handeln auf uns; das Universum aber ist in einer ununterbrochenen Tätigkeit und offenbart sich uns in allem, was es hervorbringt, und es handelt damit auf uns; alles Einzelne nun als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinzunehmen, das ist Religion. »Alle Begebenheiten in der Welt als Handlungen eines Gottes vorstellen, das ist Religion.« Mit der Anschauung aber ist untrennbar ein Gefühl verbunden. »Anschauung ohne Gefühl ist nichts und kann weder den rechten Ursprung, noch die rechte Kraft haben, Gefühl ohne Anschauung ist auch nichts: beide sind nur dann und deswegen etwas, wenn und weil sie ursprünglich eins und ungetrennt sind.« Wenn Schleiermacher es als einen gänzlichen Mißverstand verwirft, daß die Religion handeln solle, so steht sie darum nicht gleichgültig neben dem Handeln. »Bei ruhigem Handeln, das aus seiner eigenen Quelle hervorgehen muß, die Seele voll Religion haben, das ist das Ziel des Frommen.« »Die religiösen Gefühle sollen wie eine heilige Musik alles Tun des Menschen begleiten, er soll alles mit Religion tun, nichts aus Religion.« Für die nähere Gestaltung bleibt dem Individuum freier Raum, denn das Universum läßt sich in verschiedener Art anschauen, daher soll keiner seine besondere Art dem anderen aufdrängen wollen. »Im Unendlichen steht alles Endliche ungestört nebeneinander, alles ist eins und alles ist wahr.«


Anschauung und Gefühl

Wie aber kommen wir zu solcher Anschauung des Universums und dem ihr verbundenen Gefühl? Die äußere Natur kann weder mit ihrer Größe noch ihrer Schönheit sie erzeugen, sie wirkt nur dann religiös, wenn Religion schon vorhanden ist; den Stoff für diese finden wir vielmehr in der Menschheit. »Um die Welt anzuschauen und um Religion zu haben, muß der Mensch erst die Menschheit gefunden haben, und er findet sie nur in Liebe und durch Liebe.« In der Menschheit und ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit ergreifen wir »die Harmonie des Universums, die wunderbare und große Einheit in seinem ewigen Kunstwerk«. Jedes Individuum ist seinem inneren Wesen nach ein notwendiges Ergänzungsstück zur vollkommenen Anschauung der Menschheit. Jeder ist zugleich ein Kompendium der Menschheit, jede Persönlichkeit umfaßt in einem gewissen Sinne die ganze menschliche Natur. Noch über die Menschheit dringt der Gedanke insofern hinaus, als die Menschheit mit ihren Veränderungen und ihrem Werden nicht selbst das Universum sein kann, vielmehr wird sie sich zu ihm verhalten, wie die einzelnen Menschen sich zu ihr verhalten. Solche Ahnung von etwas außer und über der Menschheit enthält jede Religion, aber dies ist auch der Punkt, wo ihre Umrisse sich dem gemeinen Auge verlieren.

So wenig die Anschauung des Universums unmittelbar auf das Handeln wirkt, sie erzeugt Gefühle, welche das Ganze des Lebens erhöhen. So erzeugt sie Ehrfurcht und Demut, so auch Liebe und Zuneigung zu den Brüdern, ohne deren Dasein wir einer Anschauung der Menschheit entbehren müßten. Die Anschauung des Unendlichen stellt ferner das Gleichgewicht und die Harmonie des menschlichen Wesens wieder her, welche unwiederbringlich verlorengehen, wenn jemand sich, ohne zugleich Religion zu haben, einer einzelnen Richtung der Tätigkeit überläßt.