Solche Überzeugungen ergeben eine eigentümliche Stellung zu den Dogmen und Lehrsätzen der Religion, auch zu den Ideen Gott und Unsterblichkeit; diese alle werden im universalsten Sinne gedeutet. »Unsterblichkeit darf kein Wunsch sein, wenn sie nicht erst eine Aufgabe gewesen ist, die ihr gelöst habt. Mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in einem Augenblick, das ist die Unsterblichkeit der Religion.«
Religiöse Gemeinschaft
Eine Religion solcher Art ist nicht lehrbar, es gilt nur die Hemmungen zu entfernen, welche der von ihr verlangten Anschauung des Universums entgegenstehen. Eine solche Hemmung bildet namentlich eine bloß verstandesmäßige Betrachtung der Dinge, welche nicht nach ihrem Was und Wie, sondern nur nach ihrem Woher und Wozu fragt, eng verbunden damit ist die Richtung auf den bloßen Nutzen; auch die Gefahr liegt nahe, daß der Mensch unter den Druck mechanischer und unwürdiger Arbeit gerate und damit die Ruhe und Muße verliere, in sich die Welt zu betrachten. Eine Hilfe erwartet Schleiermacher namentlich von der religiösen Gemeinschaft, denn zur Gemeinschaft drängt die Religion, wie er sie faßt, mit Notwendigkeit. »Ist die Religion einmal, so muß sie notwendig auch gesellig sein.«
Nur bedeute uns die Gemeinschaft keine Gleichförmigkeit in der Religion. Es gibt verschiedene Arten, das Universum anzuschauen, ihrer Entwicklung ist freier Platz zu lassen, auch die Religion selbst muß sich individualisieren. Bei Erörterung der verschiedenen Gestaltungen der Religion verwirft Schleiermacher mit großer Entschiedenheit die Vernunftreligion, von welcher die Aufklärungszeit so viel erwartete, ihm gilt sie als ein bloßer Schatten, als eine magere und dünne Religion. Auch allgemeine Begriffe, wie Pantheismus oder Personalismus, erzeugen aus eigenem Vermögen keine lebensvolle Gestalt, das geschieht lediglich in geschichtlichen, positiven Religionen, welche in bestimmter Art die unendliche Religion im Endlichen darstellen. In ihnen allein erscheint alles wirklich und kräftig, nur hier hat jede einzelne Anschauung ihren bestimmten Gehalt und ein eigenes Verhältnis zu den übrigen, jedes Gefühl seinen eigenen Kreis und seine besondere Beziehung. Ein solches »Individuum der Religion« kann nicht anders entstehen als dadurch, daß irgendeine einzelne Anschauung des Universums aus freier Willkür zum Zentralpunkt der Religion gemacht und alles darin auf sie bezogen wird. Dazu bedarf es großer Führer, aber auch eines weitverbreiteten Verlangens, das durch sie eine Befriedigung findet. Von hier aus erhält Schleiermacher die Aufgabe, bei den einzelnen Religionen zu zeigen, wie sich bei ihnen die Anschauung des Unendlichen eigentümlich darstellt und ihnen damit eine ausgeprägte Individualität verleiht. So zeigt er es beim Judentum, so namentlich eingehend beim Christentum. Die unmittelbare Anschauung des Christentums ist ihm »die des allgemeinen Entgegenstrebens alles Endlichen gegen die Einheit des Ganzen, und die Art, wie die Gottheit dieses Entgegenstreben behandelt, wie sie die Feindschaft gegen sich vermittelt und der größer werdenden Entfernung Grenzen setzt durch einzelne Punkte über das Ganze ausgestreut, welche zugleich Endliches und Unendliches, zugleich Menschliches und Göttliches sind. Das Verderben und die Erlösung, die Feindschaft und die Vermittlung, das sind die beiden unzertrennlich miteinander verbundenen Seiten dieser Anschauung, und durch sie wird die Gestalt alles religiösen Stoffs im Christentum und seine ganze Form bestimmt.«
Das Christentum
Durch die Fortdauer dieses Gegensatzes wird der durchgehende Charakter aller seiner religiösen Gefühle heilige Wehmut; diese Empfindung erfüllte auch den Stifter des Christentums, von dem Schleiermacher mit tiefster Empfindung und aufrichtiger Ehrfurcht ein ergreifendes Bild entwirft. Was in ihm an Grundanschauung hervorbrach, wie überhaupt die Grundanschauung jeder positiven Religion, ist an sich ewig, aber sie selbst und ihre ganze Bildung ist vergänglich. Veränderungen sind nicht nur möglich und statthaft, sondern bei dem Fortschritt der Menschheit unerläßlich: »Das große Werk der geistigen Schöpfung dauert noch fort«; eine solche Weiterbildung fordert Schleiermacher auch für die eigene Zeit, »welche so offenbar die Grenze ist zwischen zwei verschiedenen Ordnungen der Dinge«. Wiederholt weist er darauf hin, daß die große Umwälzung der Reformation das Dogma völlig unverändert gelassen hat.
Die hier der Religion gegebene Gestalt wird in den späteren Schriften weiterentwickelt, in der Grundrichtung aber festgehalten. Der Begriff der Anschauung tritt zurück vor dem des Gefühls, das Gefühl aber wird dahin vertieft, daß es nicht ein besonderes Seelenvermögen neben anderen bedeutet, sondern vielmehr die tiefste Wurzel alles Seelenlebens, das »unmittelbare Selbstbewußtsein«, die »ursprüngliche Einheit oder Indifferenz des Denkens und Wollens« bildet; nur im Gefühl scheint der Mensch der Welt unmittelbar verbunden zu sein und ihre Wirkungen ungetrübt aufzunehmen; die Religion aber entspringt aus dem Gefühl der unbedingten Abhängigkeit. Wie die Religion in dieser Fassung eine volle Selbständigkeit auch gegen die Philosophie besitzt, so entwickelt sie auch ihren eigenen Gedankenkreis, sie bringt nicht Behauptungen von der Welt, sondern Beschreibungen der frommen Gefühle, sie kann daher mit der Philosophie in keiner Weise zusammenstoßen. Auch in den späteren Werken, die einen engeren Zusammenhang mit dem geschichtlichen Christentum suchen, bleibt es dabei, daß die Religion ihre Größen nicht von draußen entlehnt, sondern sie bei sich selbst erzeugt. Wenn in der christlichen Glaubenslehre, dem größten systematischen Werke Schleiermachers, das Wesen der Frömmigkeit darin gesetzt wird, »daß wir uns unserer selbst als schlechthin abhängig oder, was dasselbe sagen will, als in Beziehung mit Gott bewußt sind,« so wird hinzugefügt, »wenn schlechthinige Abhängigkeit und Beziehung mit Gott in unserem Satze gleichgestellt wird, so ist dies so zu verstehen, daß eben das in diesem Selbstbewußtsein mitgesetzte Woher unseres empfänglichen und selbsttätigen Daseins durch den Ausdruck Gott bezeichnet werden soll, und dieses für uns die wahrhaft ursprüngliche Bedeutung desselben ist.« So ist dies Abhängigkeitsgefühl in keiner Weise durch ein vorhergehendes Wissen von Gott bedingt.