Solche Fassung der Religion macht es möglich, wie schon die Reden deutlich zeigten, mit der Ergreifung der Wirklichkeit unter der Form der Ewigkeit, auf welcher die Religion bestehen muß, eine geschichtliche Betrachtungsweise zu verbinden, der Verschiedenheit der Zeiten ihr volles Recht zu gewähren, ohne einem haltlosen Relativismus zu verfallen. Es leuchtet ein, wie mächtig das für eine Verständigung der Religion mit der Wissenschaft und dem Ganzen des Kulturlebens ist. Auf eine solche Verständigung beider Gebiete hat Schleiermacher stets mit größtem Eifer gedrungen, er hat in dieser Richtung stark auf das deutsche Leben und darüber hinaus gewirkt.
Die Religion im Ganzen des Kulturlebens
Gewiß steht diese Fassung der Religion manchem Zweifel offen, im besonderen mag sich die Frage erheben, die so oft in der geistigen Arbeit auftaucht, ob die Persönlichkeit nicht größer war als das Werk, ob Schleiermachers innerliche und reiche, dazu in geschichtlichen Zusammenhängen wurzelnde Persönlichkeit in die Lehren und Begriffe nicht mehr hineingelegt hat, als sie an sich selbst enthielten. Aber unberührt von solchen Fragen und Zweifeln bleibt sowohl die Tatsache, daß er zuerst der Religion in der Wissenschaft und im allgemeinen Geistesleben einen selbständigen Platz erstritten hat, und das von innen heraus, vom eigenen Leben des Menschen her, als die andere, daß die Wiederbelebung der Religion bei uns ihm außerordentlich viel verdankt: er nimmt hier eine führende Stellung ein. Das uns Deutschen eigene Verlangen, bei den letzten Fragen des Menschenlebens Tiefe und Freiheit miteinander festzuhalten, hat er wie kein anderer erfüllt. Auch sei in seinem Bilde stets gegenwärtig gehalten, daß das Abhängigkeitsgefühl, das seine Religion beherrschte, durchaus keine Gedrücktheit des Gemütes noch auch eine matte Ergebung in alle Schlechtigkeit des Weltlaufs erzeugte, vielmehr zog Schleiermacher aus jenem Gefühl den freudigsten Mut zum Handeln und eine unbeugsame Kraft, sich allen Widerständen gegenüber zu behaupten. Wie bei so vielen religiösen Naturen war auch bei ihm das Bewußtsein eines Getragenwerdens von weltüberlegener Macht eine Quelle starken und zuversichtlichen Wirkens in der Welt und einer Standhaftigkeit in allen Lebenslagen.
Pflichten, Güter und Tugenden
Eine Vermengung von Religion und Moral hat Schleiermacher stets bekämpft, aber die Gesinnung, welche seine Religion durchdringt, hat ihn auch die Moral aufs erheblichste fördern lassen, auch hier regte die Lage der Zeit zu bedeutendem Wirken an. Aus der moralischen Verweichlichung hatte Kant die Zeit aufs gründlichste aufgerüttelt, aber nun entstand die Gefahr, daß die Moral das Recht anderer Lebensaufgaben verkümmere und auch bei sich selbst in eine zu enge Bahn gerate; dieser Gefahr hat Schleiermacher durch Lehre und Tat energisch entgegengewirkt. Gewiß läßt sich bestreiten, ob er in seinen Begriffen die eigentümliche Art der Moral mit genügender Schärfe gefaßt und ihre Aufgabe deutlich genug abgegrenzt hat, aber auch wer hier von ihm abweicht, muß ihm große Verdienste auch auf diesem Gebiete zuerkennen: er hat die Moral sowohl den Prinzipien nach in universalster Weise gefaßt als auch sie in die einzelnen Lebensgebiete ebenso kräftig wie geschickt hineingearbeitet, er hat auch das Alltägliche in ihrem Lichte sehen gelehrt. Universal ist seine Behandlung der Moral, indem er diese von der Einseitigkeit des Pflichtgedankens befreit und auch den Gütern und Tugenden ihr volles Recht gewährt – er hat überhaupt diese Einteilung erst aufgebracht –; sie ist universal, indem er das ganze Leben in die ethische Betrachtung hineinzieht und das Sittliche nicht als ein besonderes Gebiet, sondern als ein Naturwerden der Vernunft versteht; sie ist endlich universal, indem sie sich zur besonderen Aufgabe macht, Vernunft und Individualität, Ganzes und Einzelnes zu vollem Ausgleich zu bringen. Darin vornehmlich findet Schleiermacher das Eigentümliche seines Strebens gegenüber der Einseitigkeit Früherer, welche entweder das Ganze dem Einzelnen oder den Einzelnen dem Ganzen aufgeopfert haben, dort zu epikureischem Genuß, hier mit rauhem Pflichtgebot. Immer verficht er das gute Recht der Individualität, aber immer schätzt er das Individuum nur als eine Verkörperung des Ganzen. »Das Gesetztsein der an sich selbst gleichen und selbigen Vernunft zu einer Besonderheit des Daseins«, das bleibt der Grundstein seiner Überzeugung und zugleich der Quell eines eigentümlichen Lebens.
Weiter aber hat Schleiermacher eine besondere Stärke darin, alle Lebensverhältnisse in eine ethische Beleuchtung zu stellen, und damit auch das zu vertiefen, ja zu heiligen, was leicht der bloßen Oberfläche des Lebens anzugehören scheint. Über Ehe, über häusliches Leben, über Erziehung usw., auch über gesellige Umgangsformen ist kaum je treffender und edler gesprochen worden als von Schleiermacher. In höchstem Maße schätzt er aber Staat und Vaterland, er erweist sich in ihrer Verfechtung als einen der tüchtigsten und mutigsten Vorkämpfer unseres Volkes vor und in den Freiheitskriegen. Mit Unrecht wird das Große, das er in dieser Richtung gewirkt hat, hinter die Leistung Fichtes ganz und gar zurückgestellt; man kann diesen sehr schätzen und muß es dennoch unrichtig finden, wenn er als der einzige geistige Führer der Befreiungskriege hingestellt wird, da Schleiermachers Wirken dem seinigen durchaus ebenbürtig war.