Beteiligung am bürgerlichen Leben
Schleiermacher brauchte nicht erst durch die Katastrophe von Jena aus dem Weltbürgertum aufgerüttelt zu werden wie Fichte, er hat sich schon vorher als sein Gegner bekannt, er hat gemäß seiner Richtung auf Individualität und Mannigfaltigkeit stets sowohl den allgemeinen Gedanken der Nation als seinen besonderen Staat in hohen Ehren gehalten. Kurz vor jener Schlacht bekennt er die Überzeugung, jedes Volk solle durch seine besondere Einrichtung und Lage eine besondere Seite des göttlichen Ebenbildes darstellen; der Sache der Menschheit dienen könne man nur, wenn man vom Wert des eigenen Volkes überzeugt sei. »Nur wer die Bestimmung des eigenen Volkes kennt, wird die rechte Freude haben an der Sache der Menschheit.« So hat er wiederholt schöne Worte gesprochen über die Bedeutung eines Volkes, zugleich hat er Pflichten des einzelnen daraus abgeleitet. »Ein Volk ist ein ausdauerndes Gewächs in dem Garten Gottes; es überlebt manchen traurigen Winter, der es seiner Zierden beraubt, und oft wiederholt es seine Blüten und Früchte.« »Ein Volk soll eine lange Reihe aufeinanderfolgender Geschlechter aufs engste verbinden, die alte heilige Gemeinschaft ihr Recht in jedem Gemüt ausüben und das Gemeinwesen jedem wichtiger sein als alles, was sich auf sein persönliches Wohl bezieht.« Demgemäß hat Schleiermacher eine allgemeine Beteiligung am öffentlichen Leben für eine Pflicht im besondern auch des Christen erklärt. Er findet es, so spricht es eine Predigt von 1809 aus, dem Christentum widersprechend, nur um der Strafe willen untertan zu sein und nur zu gehorchen, um ein Übel zu vermeiden. Denn das Wesen der Frömmigkeit sei Selbständigkeit und fester Mut – wer aber nicht aus Lust und Liebe sich am bürgerlichen Leben beteilige, der verliere diesen Geist. Solcher Schätzung des Volkes und eines politischen Wirkens entsprach die entschiedenste Absage an den Kosmopolitismus jener Zeit. Schon vor der großen Katastrophe mahnte Schleiermacher: »Wer anstatt auf sein Volk und mit seinem Vaterlande zu wirken, sich weiter ausstreckt und es gleich auf das Ganze des menschlichen Geschlechts anlegt, der wird in der Tat erniedrigt, anstatt erhöht zu werden. Denn wer jene große Haltung, jene mächtige Hilfe verschmäht, kann doch auf das Ganze unmittelbar nicht anders wirken, als indem er als einzelner auf einzelne wirkt.« Mit großer Energie verwirft er »die gemeine Rede, die, dem Himmel sei Dank, noch jung ist und nur einer schlechten erschlafften Zeit angehört, daß die wissenschaftlich Gebildeten am wenigsten ein Vaterland hätten«. Dem setzt er die Worte entgegen: »Alle, die Gott zu etwas Großem berufen hat in dem Gebiete der Wissenschaften, in den Angelegenheiten der Religion, sind immer solche gewesen, die von ganzem Herzen ihrem Vaterlande und ihrem Volke anhingen und dieses fördern, heilen, stärken wollten.« Auch den Krieg für das Vaterland findet er mit seiner religiösen Überzeugung ganz wohl vereinbar: »Wo Gott ist, ist Friede; wo das Göttliche sich erst bildet, Streit.« »Gott kämpft immer gegen das Böse und bleibt ein Gott des Friedens.«
Solche Schätzung hat Schleiermacher naturgemäß an erster Stelle seinem eigenen Volk und Vaterlande gezollt. Schon in einer wenig beachteten Stelle der Reden über die Religion (1799) hat er das »väterliche Land« im Gegensatz zu England und Frankreich als eine besonders geeignete Stätte »für heilige und göttliche Dinge« gepriesen; als dann die schwere Erschütterung kam, hat er seine nationale Überzeugung noch kräftiger bekannt und inmitten aller Wirren und Zweifel sie unerschütterlich festgehalten.
In einem Augenblick, wo nach der großen Katastrophe alle Aussicht auf einen Aufstieg zu verschwinden schien, schrieb er die Worte: »Niemals kann ich dahin kommen, am Vaterland zu verzweifeln. Ich glaube zu fest daran, ich weiß es zu bestimmt, daß es ein auserwähltes Werkzeug und Volk Gottes ist. Es ist möglich, daß alle unsere Bemühungen vergeblich sind und vorderhand harte und drückende Zeiten eintreten – aber das Vaterland wird gewiß herrlich daraus hervorgehen in kurzem.« In solcher Gesinnung hat Schleiermacher in den Jahren der Vorbereitung und der Erhebung aufs kräftigste gewirkt, er hat auch politische Sendungen übernommen, besonders aber hat er weiteste Kreise durch seine Predigten in Berlin bewegt, von denen nach allgemeinem Zeugnis eine gewaltige Kraft der Befestigung und der Erneuerung ausgegangen ist. Den Höhepunkt dieses Wirkens bildete seine Predigt am 28. März 1813 bei der Feier des Kriegsanfanges. Ihm zu Füßen saßen die Freiwilligen, die ihre Gewehre draußen an die Wand der Kirche gelehnt hatten. Von der Wirkung dieser Predigt wird berichtet: »Und als er zuletzt noch mit dem Feuer der Begeisterung die zum Kampfe gerüsteten edeln Jünglinge anredete, dann an deren großenteils anwesende Mütter sich wandte – da durchzuckte es die ganze Versammlung, und in das laute Weinen und Schluchzen derselben rief Schleiermacher sein versiegelndes Amen.«
Volk und Vaterland
Schleiermacher hat sich dabei Volk und Vaterland stets in engster Verbindung mit dem Staate und seiner Verbindung der Kräfte zu einer dauernden Einheit gedacht. Besonders dem preußischen Staate war seine treue Hingebung zugewandt, und von ihm hat er alles Heil für Deutschlands Zukunft erwartet. Wie klar er in diese Zukunft sah, das zeigen Äußerungen vom 12. Juni 1813 (in einem Briefe an Friedrich Schlegel): »Nach der Befreiung ist mein höchster Wunsch auf ein wahres deutsches Kaisertum, kräftig und nach außen hin allein das ganze deutsche Volk und Land repräsentierend, das aber wieder nach innen den einzelnen Ländern und ihren Fürsten recht viele Freiheit läßt, sich nach ihrer Eigentümlichkeit auszubilden und zu regieren.« Österreich ward dabei ausgeschlossen. So sah Schleiermacher das Werk des Mannes voraus, der später unter seinen Konfirmanden war.
Alles zusammen rechtfertigt es vollauf, daß wir auch Schleiermacher zu den Hauptträgern des deutschen Idealismus rechnen, ihn als solchen achten und ehren. Uns Deutsche treibt unsere Natur mit gleicher Stärke sowohl zum Aufbau einer unsichtbaren Welt im Reiche des Gedankens und Gemütes als zu einem kräftigen Wirken und Schaffen in der sichtbaren Welt; daß beides nicht nur aufs beste vereinbar ist, sondern sich gegenseitig zu fördern vermag, das zeigt uns die Persönlichkeit und das Lebenswerk Schleiermachers.